SPD-Bundesparteitag: Tag 3

Aus dem über 700-seitigen Antragsbuch

# Die Lobbyisten verteilen Schokoladen-Nikoläuse. Der Verband der Privaten Krankenversicherungen indes Osterhasen. Hans Eichel lehnt dankend ab. Sicher hat er sofort erkannt, dass das nicht lustig ist, sondern alte Schokolade aus der letzten Saison.

# Wahl der Bundesschiedskommission: Vorsitzende Hannelore Kohl wird mit 99 % wiedergewählt. Witze über Namen sind noch immer unzulässig. Keine Übergabe von Blumen.

# Ein Pressevertreter rennt durch den Saal und brüllt „Jaaaaaaaaaaa, suuuuuuuuper!“ in sein Mobiltelfon. Den Pulitzer-Preis hat er wohl eher nicht gewonnen. Vermutlich ist sein Artikel auf der Titelseite eines Lokalblattes gelandet.

# Münchens Bürgermeister und Bayerns SPD-Spitzenkandidat für die kommende Landtagswahl Christian Ude betritt den Saal. Einige der bereits anwesenden Teilnehmer des Parteitages erheben sich von den Plätzen und applaudieren. Noch ist er nur Bürgermeister eines gallischen Dorfes, aber die Wechselstimmung, die von Berlin ausgeht, reicht bis nach Bayern. (Seehofer zittert. Ist aber nicht zu sehen, weil er naturgemäß nicht anwesend ist.)

# Sitzungsleiter Thorsten Schäfer-Gümbel sagt: „Bei Stimmengleichheit gibt es ein Nachrückverfahren in den Schiedskörper.“ Welcher Scholzomat diese Sprachregelung wohl erfunden haben mag?

# Der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück spricht über Steuerpolitik. Es ist 9.30 Uhr und nicht wenige der Teilnehmer scheinen gestern zu lange auf dem Parteiabend verweilt zu haben. Der Redner kommt nur langsam in die Gänge. Peer kann Kanzler: Die Mundwinkel zieht er jedenfalls schon genau so gut nach unten wie die derzeit amtierende Kanzlerin. Nach der Rede: Höflicher Applaus. Jetzt muss Steinbrück nur noch das Schachbrett umdrehen, dann könnte es noch was werden.

# Christian Ude spricht zu Finanzpolitik. Er dankt, dass er als Münchener, der Stadt der Hypo Real Estate, zu diesem Thema sprechen darf. Eine Rede wie ein Bieranstich: mit einem einzigen Schlag schickt er die CSU in die Opposition. Oktoberfeststimmung! Christian kann Kanzler der Herzen.

# „Transparenz ist Gift für jeden Lobbyisten“, sagt ein Sprecher. Ich hole mir einen Cappuccino von einem Finanzdienstleister.

# Schleswig-Holsteins SPD-Vorsitzender Ralf Stegner spricht. Frage mich, wie Bordesholm nur ohne ihn auskommt und welches Lied er wohl heute morgen gehört haben mag.

# Trendic Topics auf Twitter: „Peer Steinbrück“ und „Knecht Ruprecht“.

# Frank-Walter Steinmeier verbreitet Aufbruchstimmung. Bis zum nächsten Wahlkampf muss er seine Stimme schonen.

# Dieses und jenes.

Die euphorische Klatscherin reißt die Arme in die Höhe

# Die eurphorische Klatscherin von Tag 1 ist wieder da. Immer wenn es um Steuererhöhungen geht, nickt sie ausufernd. Hoffentlich bricht sie sich nicht das Genick.

# Pressekonferenz mit Sigmar Gabriel. Der Parteichef ist sichtlich zufrieden. Er beschließt mit den Worten: „Noch Fragen? Nein? Dann tschüs.“ Zack.

# Karl Lauterbachs Singsang: „Nur wer den Herzinfarkt überlebt, kann die Demenz noch entwickeln.“

# Abstimmungsorgie. Überblick verloren.

# Emotionale Debatte über Vorratsdatenspeicherung. Der sogenannte Kompromissvorschlag der Antragskommission wird knapp angenommen. Alles schlimm.

# Worauf man sich indes einigen kann: alle gegen Nazis.

# Sigmar Gabriel verabschiedet ausscheidende Parteispitze. Große Lobhudelei, aber ohne Blumen. Dann alle auf die Bühne, Gruppenfoto und Überraschung: doch Blumen. Klar.

# Irgendwelche Preise an verdiente Genossen aus den Niederungen der Ebene. Storch Heinar macht das Rennen. Mit Pauken und Trompeten.

# Zum Abschluss wird endlich gesungen: Ein Schülerchor ertönt zu einem furchtbar popigen Playback-Arrangement der Ode an die Freude und schunkelt dazu wie ein Shanty Chor. Beethoven und Schiller rotieren im Grabe. Dann endlich: Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘. Parteitag fertig. Glück auf!

(Danke für die Anfragen von CDU, Grünen, FDP und Piraten. Falls ich demnächst vielleicht auch von Euren Parteitagen berichte, kommt Ihr möglicherweise noch schlechter weg.)

6 Antworten

  • Ich frage mich ja, wie die ganzen positiven Kommentare im Netz zu diesem Parteitagblog zustande kommen? Irgendwie sehr gewollt komisch das Alles hier. Vor allem aber ohne jede politische Substanz. Seltsam melancholisches Lifestyle-Geseier ohne einen Impuls für den Leser oder die Leserin, was Politik ist, was sie soll, was sie mit unserem Leben zu tun hat. Nur oberflächlich-hämisches Geschreibsel.
    Insofern auch okay, dass die tage nachgelierfert wurden und nicht ständig aktualisiert. Wobai dieser letze Aspekt sogar ganz netz-atypisch ist. Aber denncoh Lob. Was soll das?

    • Natürlich ist das fies, tendenziös und nicht pc. Aber es vermittelt den Eindruck eines Außenstehenden von einer Insiderveranstaltung. Das ist witzig, bisweilen sogar erhellend, wird aber von niemand halbwegs Intelligentem mit einer politischen Berichterstattung verwechselt. Nicht heulen – lachen!

  • Die SPD stellt sich auf dem Parteitag demonstrativ hinter ihre Führung. Nur in der K-Frage hat die Partei ein Problem: Umfragefavorit Steinbrück konnte das Herz der Delegierten nicht erreichen. Wie lange hält sein Bündnis mit Gabriel und Steinmeier? So schreibt der Spiegel. Und er hat recht damit, die SPD ist wieder dabei, sich mit ihren Spitzenkandidaten zu verzetteln. Das kostet sie wieder die Mehrheit in der nächsten Bundestagswahl.

  • an meine einschlägigen vorkommentatoren: die ortsvereine erwarten euch mit bratwurst und dixiland am infostand.

    an @bosch: laut wikipedia sammelte herr g. in seiner funktion als lehrer betriebstemperaturkurven „Im Schuljahr 1989/90 war er in der Erwachsenenbildung als Berufsschullehrer beim Bildungswerk Niedersächsischer Volkshochschulen (BNVHS GmbH) in Goslar tätig.“ #wikipedia

    ansonsten scheint das alles ein herrliches gleichzeitig trauriges stück alte brd zu sein. man sieht geradezu eduard zimmermann mit seinem enkel auf den waschbetonpaltten der der sonnenbeschirmten terrasse dame spielen.
    ein ort an dem man noch scherze über wlan-kabel machen könnte ohne aufzufliegen.

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