Myll, 24. August 2012: Fischli/Weiss

Peter Fischli & David Weiss: Findet mich das Glück?

0457. In einem Anfall von präseniler Bettflucht „Findet mich das Glück?“ von Fischli/Weiss gelesen. „Ist meine Dummheit ein warmer Mantel?“ Bekomme immer gute Laune, wenn ich das Buch zur Hand nehme; die perfekte Klolektüre. „Herrscht tiefer Friede in meiner Wohnung, wenn ich nicht da bin?“ Fragen über Fragen, eine amüsanter als die andere. „Wem nützt der Mond?“ Ich kann keine einzige beantworten. Plötzlich stocke ich: „Braucht es mich (noch)?“ – Die Antwort scheint ganz einfach zu sein, wenn man auf dem Klo sitzt.

1452. „Kennen Sie meine Tochter?“, so der freundliche ältere Herr im Café zu mir, nachdem er vermutet, dass ich mitgehört habe, wie er der Bedienung etwas wenig schmeichelhaftes über sie erzählte. „Nein“, so ich. „Na, dann ist ja gut.“ – Nach kurzem Nachdenken komme ich dararuf, dass ich seine Tochter doch kenne. (Er hatte naturgemäß mit allem, was er sagte, recht.)

Kälte, Kaffee, Klassik

Berlin im Februar. Hätte ich ein Thermometer, es zeigte -17 Grad Celsius. Nach dem Zwiebelschalenprinzip gekleidete Menschen stehen an der Haltestelle und warten auf den Kältebus. „Alle Kalender für die Hälfte“, bietet die Buchhandlung an, ich will aber keinen. Ich nehme einen schnellen Capuccino im Café mit dem Klassikradio. Es läuft Mozart und ich muss an Glenn Gould denken, der sagte, dass Mozart eher zu spät als zu früh gestorben sei. In den Nachrichten wird verkündet, dass Bayreuth Liveübertragungen von Wagner-Opern künftig ins Kino bringen wolle. Keine Eurokrise, kein Wulff, kein Fährunglück. Dafür bin ich dankbar und nehme billigend noch ein paar vor sich hinplänkelnde Sätze Mozart-Sinfonien in Kauf. Stattdessen kommt der Gefangenenchor aus Verdis Nabucco. Diese Musik macht mich immer melancholisch, weil sie auf der Beerdigung meines Großvaters gespielt wurde. Die Platte hatte damals einen kleinen Sprung, was wiederum eine unfreiwillige Komik in sich barg. Der Bestatter von gegenüber bietet ein günstiges Komplettpaket: 995,– Euro inklusive Leichenwäsche. Aber ohne Nabucco.

Kaffeehauskonversation

(Hier zynisches Houellebecq-Zitat
nach Wahl einfügen.)

In einem Kaffeehaus in Mitte sitzen wir zufällig nebeneinander, eine flüchtige Bekanntschaft, aber immer gut für ein paar Worte. „Weißt Du, was komisch ist?“, fragt er mich. Ich sage, dass ich es nicht wisse, obwohl mir mit etwas Mühe zahllose Dinge einfielen, die komisch sind, die er aber sicher allesamt nicht meint. „Dass Heidi Klum und Seal sich getrennt haben.“ Mich interessiert das Schicksal von Supermodels und Schmusesängern nicht sonderlich. Dennoch nehme ich mit Gleichmut zur Kenntnis, dass es den Schönen und Reichen in Beziehungsangelegenheiten auch nicht besser ergeht; wohlwissend, dass ich nichts davon habe, dass auch die anderen immerzu scheitern. Ich sage „Mhh“, und dass Trennungen das Normalste auf der Welt seien. „Es gibt keine Liebe mehr“, sagt der Bekannte, während er die Facebook-Profile seiner Ex-Freundinnen checkt. Ich denke nach, weiß aber darauf nichts zu entgegnen und trinke meinen kalten Kaffee.

Kaffeehausmusik

Hinter der Musik,
totes Kapital.
Warten auf den Kick,
bring das Ding nochmal.

(Jochen Distelmeyer)

Wer kennt das nicht? Man setzt sich ins Café und erfreut sich am Espresso. Frisch gemahlene Bohnen, professionelle Zubereitung mit der großen glänzenden Handhebelmaschine, die dickwändige Tasse ist vorgeheizt und die Crema perfekt. Doch plötzlich ertönt aus den Lautsprechern sogenannte Musik und man fragt sich, wieso nicht alles so gut sein kann wie Kaffee, und warum – wo es doch mittlerweile für jegliche Petitesse professonelle Unterstützung gibt – keine Kaffeehausmusikberater zur Stelle sind. Mit Blick hierauf ein offener Brief von mir:

Liebe Gastronomen,

folgende Langspielplatten wollen wir in Euren Räumlichkeiten nie wieder hören:

  1. Yann Tiersen – Die fabelhafte Amélie [OST] (in französischen Cafés.)
  2. Buena Vista Social Club – Buena Vista Social Club [OST] (in kubanischen Bars)
  3. Peter Fox – Stadtaffe (in Berlin – und in der Provinz)
  4. Nouvelle Vague – Nouvelle Vague (in „Lounges“)
  5. Norah Jones – Norah Jones (in Jazz-Cafés)
  6. Jack Johnson – Jack Johnson (in künstlichen Strandbars)
  7. Diverse – Sommer vorm Balkon [OST] (in Prenzlauer Berg und Städten mit Schlagermove)
  8. Wir sind Helden – Die Reklamation (und alle anderen Platten, überall)
  9. Paul Kalkbrenner – Berlin Calling [OST] (in Cafés von psychiatrischen Kliniken)
  10. Györgi Ligeti – Poème Symphonique für 100 Metronome (in Cafés, in den man nur FAZ und NZZ lesen darf)

Wenn Sie sich nicht sicher sind: Vermeiden Sie grundsätzlich Soundtracks und Alben, die heißen wie der Künstler selbst.

Vielen Dank.

Ihr bosch