Erdmöbel – Retrospektive-Tour

Erdmöbel

Erdmöbel im Lido, Berlin, 30.09.2011

Wie schon im Vorjahr die Tour in Berlin starten. Nach 16 Jahren zurückblicken, aber trotzdem keine Routine aufkommen lassen. Vor dem Konzert noch immer ein bißchen aufgeregt im Backstageraum auf und ab gehen und dabei Cola trinken, während im Saal das Vorprogramm läuft. Retrospektive-Tour: 18 alte Lieder und ein neues. Dreierbahn fahren und Songs spielen, die in einer besseren Welt alle Hits geworden wären. Jippie! Zwei Stunden mit Schiffsschaukelbremsern, Polarlicht von Palermo, Russischbrot und Küsse. Alles hineinlegen in die Musik, alles hineinlegen in den Text. Die Worte bleiben oft rätselhaft, das dem Best-of-Album beigelegte Textbuch bereitet Freude. Zugabe, Zugabe, Zugabe. “Es klopft und niemand da, außer der ganzen Welt. Ich geh aus dem Zimmer, abgeholt und nicht bestellt.” Die Krähen. Dann Platten signieren, Instrumente und Verstärker in den Tourbus tragen. Ein paar Freunde fassen mit an, damit es schneller geht, dann Bier trinken. Morgen weiterfahren etc.

Danke.

Karaoke

Mauerpark, Berlin-Prenzlauer Berg, 25.04.2010

Ich brauche keine Millionen,
mir fehlt kein Pfennig zum Glück.
Ich brauche weiter nichts als nur
Musik, Musik, Musik.

(Peter Kreuder)

Der Winter ist vorbei. Mit den ersten Sonnenstrahlen kehrt auch die sonntägliche Musik zurück in den Mauerpark. Joe Hatchiban bringt uns mit dem Fahrrad seine Bearpit Karaoke – eine schmächtige Soundanlage und den Klapprechner mit den Halbplaybacks.

Zufällig vorbeikommen und stehen bleiben oder sich einen der raren Sitzplätze suchen und von einem der fliegenden Händler ein warmes Bier erwerben. Auf der kleinen Bühne in der Mitte stehen Menschen aus aller Welt, um einmal vor Publikum ein Lied zu singen: überzeugte Selbstdarsteller, ausgebildete Opernsänger, kinderliedersingende Kinder, reiseführergeleitete Touristen, Patienten der Konfrontationstherpie, jugendliche Rockröhren und stimmschwache Tänzer. Das Publikum ist ein dankbares: jeder Sänger wird beklatscht und bejubelt, den Textunsicheren wird ausgeholfen.

Wie immer besteigt besteigt der ältere Herr im Mantel mit den zwei Plastiktüten in den Händen etwas ungelenk die Bühne und singt die deutsche Version von Frank Sinatras “My Way”: Das ist mein Leben. Wenn er mal nicht da ist, ist es nur halb so schön. Applaus! Zugabe.

Die Flippers auf Abschiedstournee

Schwimm, kleiner Delfin!

 
Studio Braun – Karten für Flippers

Elfenbeinturm

Schauspieler schreiben Bücher. Schriftsteller nehmen Schallplatten auf. Musiker drehen Filme. Jeder scheint heute alles zu können. So auch der bärtige Pianist aus Kanada, für den ich mich zuvor nie sonderlich interessierte. Die kombinierten Eintrittskarten für den Film und ein Konzert im Anschluss schenkt man mir zum Geburtstag. Obwohl mir bei Überreichung des Präsentes zu verstehen gegeben wird, dass die musikalischen  Vorlieben des Beschenkten bei der Auswahl eine eher untergeordnete Rolle spielten, freue ich mich darüber. Leider fällt es mir schwer, dies angemessen zum Ausdruck zu bringen. Warum nicht auch mal offen für Neues sein, denke ich mir, wohl darum wissend, dass ich das Alter, in dem man für grundlegende musikalische Neuentdeckungen aufgeschlossen ist, längst überschritten habe.

Der Film ist ordentlich. Wer in seiner Jugend Rocky oder Karte Kid mochte, der mag auch dieses Werk: Es geht um die Rivalität zwischen Brüdern, eine komplizierte Liebesbeziehung zwischen Frau und Mann sowie eine besondere Form des Schachspiels, dessen Ziel ein Unentschieden ist. Toll.

Ein paar Fragen zum Film werden beantwortet, dann setzt sich der Musiker, der sich gern als “Genie” bezeichnen lässt, an den leicht verstimmten Flügel. Zumindest in seiner etwas gekrümmten Sitzhaltung erinnert er an seinen Landsmann Glenn Gould. Er wirkt mürrisch und etwas gelangweilt. Recht mechanisch greift er mit seinen Händen, die so groß wie Klodeckel sind, in die Tasten. Ein bißchen Improvisation, ein bißchen Wunschkonzert – nach einer halben Stunde des Spielens hat er seine Pflicht getan. Applaus.

Erdmöbel 17.09.2010 im Lido: Ein Hauch von Petersilie

Das neue Album “Krokus” ist ganz wunderbar. Nicht zum ersten Mal überschlagen sich die Kritiker mit Lob – zurecht. Freitagabend, Konzert, Lido, Kreuzberg. Türsteher: “Nimm mal die Mütze ab, ich muss da mal druntergucken.” Ich nehme die Mütze ab. Türsteher (harsch): “Das sind professionelle Ohren. Mit denen kommst Du hier nicht rein. Du musst sie an der Kasse abgeben.” Ob es keine andere Möglichkeit gebe, frage ich. “Du hättest Dich akkreditieren können.” “Gut, dann mache ich das”, antworte ich. “Das ging nur bis gestern.” Ohne meine professionellen Ohren betrete ich den Konzertsaal.

Plakat

Fast so war es. Nur meine Ohren sind meine Kamera. Sie wird einkassiert – obwohl Plattencover und Bühnenbild groß eine alte Leica zieren. Aber wozu auch Fotos von Konzerten machen? “Take it in your heart, instead of taking pictures”, antwortet mir jemand, nachdem ich mich auf Twitter über die Politik des Clubs ärgerte. Die Kölner Band betritt die Bühne,  der erste Basslauf, mein Ärger löst sich auf.

“Petersilie”, raunt Texter und Sänger Markus Berges ins Mikrofon, aber nichts passiert. “Es soll Frauen geben, die brechen von ihren Gefühlen überwältigt vor der Bühne zusammen, wenn der kleine Mann mit der großen Brille das Wort »Petersilie« raunt”, stand am Morgen in einer Berliner Lokalzeitung. Niemand aus dem Publikum hat anscheinend die Zeitung an diesem Tag gelesen – oder der Sänger hat nicht genug geraunt.

Alles Neue und ein bißchen Altes wird in gut zwei Stunden zu Gehör gebracht. “Es ist ein Pianoalbum geworden”, behauptet der Sänger. Nicht ganz, denn Krokus ist tatsächlich auch ein Bass-, Schlagzeug-, Posaunen-, Gesangs- und Lyrikalbum. Alles hat seinen Platz, Musik und Text bilden eine Einheit. Und so erfreuen wir uns auch auf dem achten Album nicht nur an grünen Küchenkräuter, sondern auch über andere ungewöhnliche Worte wie “Silageplane”, “Bierbike” und “Hygienemuseum”, die sich harmonisch zu “Dreierbahn”, “Drehcafé” und “Raststättengaststätte” gesellen. Unzählige kleine, liebevoll ausgfeilte Melodiefragmente bleiben uns im Ohr hängen. Auch auf dem neuesten Werk gibt es bei jedem Hören wieder neue Details zu entdecken.

Noch wackeln manche der neuen Lieder in den ersten Takten ein wenig. Das macht nichts, denn auch sie haben das Zeug schon bald zu Klassikern zu gehören. Befreit von der Konserve werden sie dann auch in neuem Glanz erstrahlen wie das “Vergnügungslokal mit Weinzwang” von “Altes Gasthaus Love” oder “Leben ist trivial” vom Debutalbum “Das Ende der Diät”.

Zwischendurch immer wieder etwas geraunte Petersilie. Das Publikum mag das sehr – genau wie die neuen Krokusse. “Ihre Lieder sind anders”, hieß ein vor fünf Jahren erschienenes Hildegard-Knef-Coveralbum, auf dem auch die Erdmöbel vertreten waren. Aber vor allem ihre Lieder sind anders, also ganz anders als alles andere. ”Wir waren sehr nervös. Schließlich ist es ein großes Risiko am Erscheinungstag der Platte alle neuen Lieder im Konzert zu spielen”, erzählte mir der Bassist Ekimas nach dem Konzert. Es ist gelungen.

Berlin wird die Erdmöbel schon bald wiederhören können –  bereits am 18.10.2010 spielen sie im Babylon zur Lesung von Markus Berges erstem Roman “Ein langer Brief an September Nowak”. Aber auch durch den Rest der Republik wird dann getourt. Geht hin!

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Rufus Wainwright – All Days Are Nights: Songs For Lulu

Rufus

Public-YouTube-Viewing aka CD-Präsentation im "Kulturkaufhaus" Dussmann

Wie so oft beginnt der Tag unter der Dusche. Ein regionaler Radiosender verkündet: “Rufus Wainwright spielt heute Lieder von seinem neuen Album. Es kostet nichts, kommt alle!” Man hätte ahnen können, dass ein so genanntes Kulturkaufhaus kein guter Ort für den Meister ist, um sein neues Album “All Days Are Nights: Songs For Lulu” zu präsentieren.

“KulturBühne an der Sphinx” ließ zwar Großes verheißen, letzendlich handelte es sich nur um das lichtarme Atrium eines Siebzigerjahrezweckbaus. Kühles Licht, funktionale Bodenbefliesung und Hydrokulturen, wenig Sauerstoff. Nicht einmal alle sind gekommen – und trotzdem war es zu voll. Zwei Etagen: unten, wo sich die Bühne befand, nur eine handvoll Zuschauer und noch reichlich Raum. Sicherheitsleute, deren Charme an Mauerschützenprozesse denken ließ, versperrten jedoch den Weg zum Geschehen. Die oben Gebliebenen standen sich gegenseitig auf den Füßen, um einen Blick auf die kleine Leinwand zu erhaschen, auf der das seitens des Moderators zuweilen unmotivierte Vorgespräch und das kurze Stelldichein am Piano mit Rufus übertragen wurde. Das versprochene Liveerlebnis wurde zum Public-YouTube-Viewing. Mehrere Teenager langweilten sich gepflegt auf einem Sofa, ein Kleinkind schrie. Sie schienen sich nicht sonderlich für vertonte Shakespeare-Sonette zu interessieren.

Zu hören war fast genau so wenig wie zu sehen. Selten war die Bezeichnung “grottiger Sound” zutreffender als an diesem Abend. Man konnte nur erahnen, dass dort gerade große Musik gespielt wurde vom “Verdi, der in Lady Gagas Körper gefangen ist”, wie der Musiker kürzlich sich selbst scherzhaft bezeichnete. Wer Rufus Wainwright wirklich erleben wollte, hat sich eines der raren Tickets für sein ausverkauftes Konzert heute Abend in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz besorgt. Allen anderen bleibt YouTube und die Hoffnung, dass der Meister gestern im Anschluss an die Signierstunde nicht auch noch mit Herrn Dussmann griechisch essen gehen musste.