Berlin Trilogie
- Beitragsautor Von bosch
- Veröffentlichungsdatum 22. Mai 2012
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Wenn es so etwas wie eine „ehrliche Kneipe“ überhaupt gibt, dann ist es die Möve im Felsenkeller in Berlin-Schöneberg. Unaufgeregt geht es in der rustikal möblierten und wunderbar schummrig ausgeleuchteten Gaststätte zu. Es gibt Bier vom Fass und auf der Karte stehen kleine Gerichte wie Matjes oder Schinkenknacker.
Keine Musik spielt nervend im Hintergrund. Wir blicken in die Runde und ums herum sitzen Menschen aus der Nachbarschaft, die miteinander reden und trinken und wir reden und trinken ebenfalls. Die anderen Gäste sind zumeist deutlich älter als wir. Mein Freund T. sagt, das mache Hoffnung und wir stoßen auch darauf an.
Die Kellnerin mit der mütterlicher Strenge ist aufmerksam und sorgt dafür, dass unsere Gläser stets gefüllt sind. Obwohl die Bedienung eines Zapfhahns keine Raketenwissenschaft ist, glaube ich, der Mann hinter der Theke hat das Geheimnis des perfekt gezapften Bieres entdeckt. Nirgends nirgends schmeckt es so gut wie hier, wohltemperiert. Kurz vor Schluss wollen den Aufbruch einleiten, indem wir zwei kleine Biere bestellen. Kleine Biere gibt es nicht, also nehmen wir zwei große. Das ist auch besser so.
Viele Jahre war die größte Attraktion des Kleinstadt-Supermarktes eine Tafel, auf der Fotos aller Mitarbeiter gezeigt wurden. Genauer gesagt, war die Attraktion der „Abteilungsleiter Hartwaren“, an dem mich stets nicht nur der famose Titel erfreute, sondern auch die Tatsache, dass er der einzige Mann seiner Generation war, der außerhalb von Berlin-Mitte einen Schnauzbart trug – und er tat dies freilich ganz ohne Ironie.
Neuerdings stößt man beim Betreten der Geschäftsräume auf einen Störer der ganz anderen Art. Ein kluger Kopf der Abteilung Verkaufsförderung entsann sich des gefallenen Zugabe- und Rabattgesetzes und versucht, fortan zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Künftig wird dem Appell der Verbraucherschutzministerin Folge geleistet, weniger Lebensmittel der Entsorgung zuzuführen, und gleichzeitig wird der Absatz minderwertiger Backwaren in unermessliche Höhen getrieben. Und so kam, was kommen musste – wer statt des einen benötigten Brotes gleich ein zweites, naturgemäß nicht benötigtes Brot, erwirbt, wird mit fertiggebackenen Teigrohlingen quasi zugeschissen. Gratis versteht sich.
Man denkt sich „Oh, ein Schnäppchen“, nimmt reflexhaft gleich zwei Brote mit, erfreut sich an Umsonstrundstücken, und merkt gar nicht, dass der Supermarkt die Entsorgung der Überkapazitäten einfach nur an den Verbraucher outgesourced hat. Und dann steht man zu Hause da, mit den bereits nach einigen Stunden vollkommen vertrockneten Laiben und überlegt, ob man morgen den Tag damit verbringen will, Paniermehl zu reiben oder im Park die Enten zu füttern. Hat man beide Möglichkeiten verworfen, nutzt man das zu viel erworbene Brot und die Brötchen als Füllmaterial für die Biotonne.
Der Abteilungsleiter Verkaufsförderung klopf sich derweil selbst auf die Schulter und entscheidet, künftig alle Warengruppen als sinnvolle „Bundles“ anzubieten: Wer zwei Flaschen Wodka kauft, bekommt drei Beutel Hagebuttentee, und wer zwei Kilo Mett kauft, bekommt drei Tofu-Frikadellen kostenlos dazu. Alle sind von nun an noch glücklichere Konsumenten. Nur ich bin etwas traurig, weil ich ich beim Herausgehen entdecke, dass der Abteilungsleiter Hartwaren seinen schönen Schnauzer abgelegt hat. – Der war eigentlich das Beste an diesem Supermarkt.
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