Postvergnügen

post_15_P1020787_2010-03-01_2010-03-01

„… dort oben ist die Behörde in ihrer unentwirrbaren Größe —
ich glaubte annähernde Vorstellungen von ihr zu haben,
ehe ich hierherkam, wie kindlich war das alles …“
(Franz Kafka, Das Schloss)

Kapitel 1: In meinem Briefkasten liegt eine Benachrichtigungskarte der Deutschen Post. Warum die Büchersendung — wie ansonsten üblich — nicht einfach bei einem der ganztägig anwesenden Nachbarn abgegeben oder auf den Briefkasten gestellt wurde, bleibt unergründlich.

Ich wundere mich zudem, dass die Sendung in einem Postamt zur Abholung bereitgelegt wird, zu dem mich der Weg einmal durch die halbe Stadt führt.

Kapitel 2: Es ist kalt und regnet. Trotzdem nehme ich den Weg in die Hellbrookstraße auf mich. Dieser nimmt mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut eine halbe Stunde in Anspruch. Hier angekommen, wird mir nach 10 minütiger Wartezeit beschieden, dass das Päckchen, von dessen Inhalt ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts ahne, nicht bereitliegt. „Wir würden sie doch nicht durch die halbe Stadt schicken“, sagt die Frau hinter dem Schalter. Noch bevor ich den Halbsatz „Doch, das würden sie …“ herausbringe, teilt die Postfrau mit, dass meine Sendung in der für meine Straße zuständigen Filiale Überseering bereitliege.

Kapitel 3: Es ist noch immer kalt, der Regen hat zugenommen. Die Fahrt in die Filiale Überseering dauert eine weitere halbe Stunde. Auch hier Wartezeit, dann die Ernüchterung: Das Päckchen liegt nicht vor. Man stempelt meine Benachrichtigungskarte, bringt den Vermerk „Sendung liegt nicht vor“ an, kopiert sie und nimmt meine Telefonnummer auf. „Normalerweise rufen die Kollegen immer an, ob die Sendung auch vorliegt. Wir würden sie schließlich nicht umsonst in ein andere Filiale schicken.“ Noch bevor ich den Halbsatz „Doch, das würden sie …“ herausbringe, verweist mich die Dame an den Leiter der Zustellung. Da könne ich noch einmal „mein Glück“, wie sie es auszudrücken pflegte, versuchen.

Kapitel 4: Ich nehme den Weg in das Innere eines Gebäudes auf mich, das ich, handelte es sich hier nicht um ein börsennotiertes Unternehmen, durchaus als Verwaltungstrakt bezeichnen würde. Der Leiter der Zustellung nimmt meine Benachrichtugskarte entgegen und verschwindet mit dieser für eine Viertelstunde in einem Hinterzimmer. An seiner Tür klebt ein nicht nur gelbes, sondern auch vergilbtes Plakat: Auf diesem preist eine gelbe Hand mit Sonnenbrille namens Rolf, die einst für die Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen warb, eine sogenannte Service-Hotline an. Jeder Anruf kostet 12 Pfennig (!). Ob die Führungskraft der Zustellung hinter dieser Tür nach meinem Paket sucht oder einen Kaffee trinkt, bleibt mir verborgen. Meine Büchersendung ist auch hier nicht aufzufinden. Auch der Mann mit dem Plakat an der Tür nimmt meine Telefonnummer auf. Sicher ist sicher, denke ich, überlege aber trotzdem, wo ich jetzt 12 Pfennig herbekommen solle, falls auch er mein Frachtgut nicht auffindet.

Kapitel 5: Am nächsten Tag um 7.30 Uhr werde ich von einem Anrufer geweckt. Ich höre das Klingeln zu spät. Da aber die Rufnummer hinterlassen wird, rufe ich umgehend zurück. Meine Gesprächspartnerin von der Post weiß aber leider nicht, worum es geht. Nach etwa fünf Minuten der Ratlosigkeit teilt sie mir mit, dass ich meine Büchersendung in der Filiale Grasweg abholen könne.

Kapitel 6: Nachdem mich die Abholung dieser Büchersendung insgesamt über zwei Stunden meiner kostbaren Lebenszeit gekostet hat, stelle ich ernüchtert fest, dass es sich bei dem Buch lediglich um ein Belegexemplar eines Seniorenratgebers handelt, in dem ein Foto von mir abgedruckt ist. Hätte ich das vorher gewusste, dann hätte ich mich nie auf diese beschwerliche Jagd gemacht — und stattdessen etwas Kafka gelesen.

Copa Cabana

Was ist eigentlich das Problem? Das Problem ist diesem Lande ist, dass zu wenig gewollt wird. Nur wer sich anspruchsvolle Ziele setzt, ist in der Lage, Höchstleistungen zu vollbringen. Stattdessen, wohin man auch schaut: Niveaulimbo.

Wer dem heutzutage etwas entgegensetzen will, der muss sich schon etwas Besonderes ausdenken. Gerade als Existenzgründer, gerade in der Gastronomie, gerade auf St. Pauli. Hier ist nicht Altkanzler Helmut Schmidt gefragt, der einst sagte, wer Visionen habe, der solle zum Arzt gehen. Hier ist gefragt, wem die die eierlegende Wollmilchsau noch zu wenig ist. Wer auf dem Kiez die zahlungskräftigen Besuchermassen für sich gewinnen will, der eröffnet nicht einfach eine Kneipe — es muss schon eine Lounge sein. Oder eine Sportsbar. Oder ein Café. Oder ein Irish Pub. Am besten alles zusammen und auch noch mit angeschlossenem Kiosk. Und was liegt da näher, als diese Einrichtung auch noch „Copa Cabana“ zu nennen? Gerade in dieser winterlichen Jahreszeit dürfte dieser sonneversprechende Name die Scharen mühelos anlocken. Hier ist man gerne Gast.

Starsucks

Filiale der Kaffeekette Starbucks in der Kümmelstr. 2-8, Hamburg
Filiale der Kaffeekette Starbucks in der Kümmelstr. 2-8, Hamburg

Ich habe gespielt und verloren. Jetzt weiß ich, wie sich die wahren Opfer der Finanzkrise fühlen; all die Rentnerinnen, die ihr letztes Erspartes in Lehmann-Zertifikate investiert haben, und jetzt vor einer der vielen Suppenküchen in den Randbezirken der Großstädte Schlange stehen, um wenigstens noch eine warme Mahlzeit zu erhaschen. Auch wenn es sich bei meinem Einsatz nur um drei Euro handelte  – so tut es doch weh. 100 Mal ist es gut gegangen, das 101 Mal bin ich gescheitert.

Mein letztes Silbergeld, das bei jedem Schritt wohlig in meiner Hosentasche klimperte, habe ich verspielt. Auch wenn ich hätte wissen müssen, dass es irgendwann einmal schief gehen kann, so habe ich darauf spekuliert, dass alles funktioniert. Und dennoch fühle ich mich als Opfer eines internationalen Großkonzerns. Die Gewinnchancen standen schließlich gut; es war eigentlich eine sichere Sache. Trotzdem bin ich durch einen dummen Zufall in der weltweit wohl einzigen von über 14.400 Starbucks-Filialen ohne W-Lan gelandet. Selten wurde mir so übel mitgespielt, selten war ich so abgetrennt vom Rest der Welt.

Wenn es dort wenigstens Kaffee gäbe. Aber alles, was ich für meine drei Euro erhielt, schmeckte nicht besser als ein aufgekochtes Lehmann-Zertifikat. Ein Starbucks ohne W-Lan ist wie ein Café ohne Kaffee.

Warenwelten #8: Einkaufserlebnis

Das ist zwar nicht Neukölln, hier entsteht aber demnächst ein Supermarkt.
Das ist zwar nicht Neukölln, hier entsteht aber demnächst ein Supermarkt.

Berlin ist so etwas wie Amerika im Kleinen – die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten. Hier zählt sogar der dosenbierkaufende Kunde noch als Individuum und wird nicht, gleich einem Schlachtvieh, durch die engen Gänge des Supermarktes getrieben. Selbst in Neukölln ist das so. Kaufland, das klingt nach großer weiter Welt – dabei handelt es sich lediglich um einen Lebensmittelmarkt mit angeschlossener Hartwarenabteilung im fensterlosen Unterschoss eines unwirtlichen Einkaufszentrums. Natürlich haben auch hier die Kassiererinnen den antrainierten Röntgenblick, mit dem sie Kunden und Einkaufswagen beim Kassiervorgang nach Diebesgut absuchen. Ich nehme das allerdings nicht persönlich, sie müssen das tun. Und trotzdem könnte man fast den Eindruck haben, die Kassiererinnen hätten Freude an ihrer Tätigkeit, obwohl jeder weiß, dass das nicht sein kann. Die perfekte Illusion im Einkaufswunderland.

Zum Abschluss des Warenerwerbs folgt eine Überraschung. Ich werde während des Bezahlvorganges nicht um die Vorlage einer datenklaubenden Kundenkarte gebeten, sondern freundlich und routiniert gefragt: „Haben sie alles gefunden? Hat ihnen der Einkauf gefallen?“ So etwas kannte ich noch nicht, daher musste ich mich kurz sammeln: „Der Einkauf war ein Erlebnis“, erwiderte ich. „Ich bin sehr zufrieden und komme gern wieder. Falls es ihnen hier einmal zu langweilg werden sollte, so werde ich bei der Fluglinie meines Vertrauens gern ein gutes Wort für sie einlegen. Sie würden sich beim Sicherheitsballett auch ganz ausgezeichnet machen und könnten so nebenbei noch etwas von der großen weiten Welt sehen. Das hätten sie sich verdient. Vielen Dank, Frau Müller, es war mir ein Vergnügen, bei ihnen einkaufen zu dürfen – und bis zu meinem nächsten Einkauf.“

(alle Namen geändert)

—-
Weitere Beiträge aus der Rubrik “Warenwelten”.

boschblog.de
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.