Nach dem Sturm

Regenschirme nach Sturm
Regenschirme nach dem Sturm


 

Don’t know why
There’s no sun up in the sky
Stormy weather
(Harold Arlen)

Stürmisch war es heute wieder einmal in der Freien und Hansestadt Hamburg. Eine Abwrackprämie für Regenschirme hätte heute ohne weiteres das längst ausgestorbene Handwerk des Schirmmachers zu neuem Leben erwecken können. Wäre der Strum ein paar Tage früher gekommen und ein paar Stärken heftiger ausgefallen, er hätte möglicherweise sogar die mittlerweile insolvente Kaufhauskette Karstadt retten können.

Dafür ist es nun zu spät. Das Handwerk des Schirmmachers gibt es längst nicht mehr; müsste ich heute einen neuen Schirm kaufen, ich ginge zu Karstadt. Alle meine Regenschirme habe ich in einer Filiale dieses Warenhauses erworben. Eigentlich habe ich nie etwas anderes bei Karstadt gekauft als Regenschirme. Ich weiß, das war zu wenig, um dieses Unternehmen am Leben zu halten; aber die meisten Dinge, die es dort gibt, brauche ich einfach nicht: Kurzwaren, Teppichklopfer, Modeschmuck und Lampenschirme. Aber einen neuen Regenschirm brauche ich ab und zu – schließlich halten sie nicht allzu lange dem Hamburger Wetter stand.

Karstadt geht, das stürmische Wetter in Hamburg bleibt. Falls ich mal Kinder und Enkelkinder haben sollte – ich weiß nicht, wo sie ihre Regenschirme kaufen sollen. Mein Regenschirm hat den heutigen Sturm überlebt. Trotzdem werde ich gleich morgen einen neuen auf Vorrat kaufen.

Warenwelten #7: Blumenladen

Wie ein jeder lebe auch ich in einer Gegend. In dieser Gegend gibt es zahlreiche kleine Geschäfte. In der letzten Zeit aber schließen immer mehr von ihnen. Auch wenn ich in vielen Geschäften in meiner Gegend noch nie etwas erworben habe, weil sie Wandfarben, recyclete Druckerpatronen, Strickjacken für alte Männer, Duftkerzen oder andere Dinge, die ich nicht brauche, verkaufen, betrübt es mich immer sehr, wenn einer dieser Läden auf einem großen Schild seine Betriebsaufgabe aus wirtschaftlichen Gründen bekanntgibt, und mir für meine jahrelange Kundentreue dankt, die ich ihm nie erwiesen habe.

Direkt um die Ecke befand sich bis vor kurzem ein kleiner Blumenladen. Dieser Blumenladen verkaufte mittelmäßig schöne Blumen zu einem mittelmäßig günstigen Preis. Direkt gegenüber befindet sich ein Discounter. Auch hier gibt es Floristik von eher durchschnittlicher Beschaffenheit – allerings zu einem sehr günstigen Preis. Es kam, wie es kommen musste: Vor wenigen Wochen hat die Betreiberin das Geschäft eingestellt (genau wie es die Inhaberin des weiteren Blumenladens fünfzig Meter weiter vor einiger Zeit bereits getan hat).

In der letzten Woche wurden die Räumlichkeiten gegenüber dem Discounter wieder bezogen. Ich habe Respekt vor jemandem, der in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein Geschäft eröffnet. Es handelt sich allerdings wieder um einen Blumenladen, der mittelmäßige Ware zu mittelmäßigen Preisen verkauft. Das Geschäft scheint nicht besonders gut zu laufen: der Laden ist nur sehr spärlich mit frischer Ware bestückt und die Verkäuferin blickt jedem vorübergehenden Passanten traurig hinterher. Mittlerweile versuche ich, rechtzeitig die Straßenseite zu wechseln, um nicht an diesem Blumenladen vorbeizukommen. Beim Anblick des nahezu leeren Geschäfts und der traurigen Verkäuferin bekomme ich Depressionen.

Einerseits habe ich Mitleid mit dem Inhaber dieses Geschäfts: er hat Zeit und Geld investiert, um die Räumlichkeiten herzurichten, zahlt eine sicher nicht allzu niedrige Miete, steht womöglich morgens früh auf, um Blumen im Großmarkt einzukaufen, pflegt diese angemessen und sieht dabei zu, wie diese dann irgendwann im Laden verwelken. Das ist bedauerlich. Andererseits lässt es mich am gesunden Menschenverstand zweifeln, wenn ich sehe, dass jemand genau denselben Fehler ein zweites Mal machen muss.

Morgen ist Muttertag, ein Festtag für alle Blumenladenbetreiber. Am 9. Mai 2010 ist wieder Muttertag – dann wird sich aber wohl ein anderes Geschäft in den Räumen bei mir um die Ecke befinden. Ich bin gespannt, ob es wieder ein Laden für Blumen, Wandfarben, Druckerpatronen, Strickjacken oder Duftkerzen wird. Vielleicht findet sich aber zur Abwechslung ein Unternehmer mit einer Idee, die diese Gegend wirklich braucht.

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Weitere Beiträge aus der Rubrik „Warenwelten“.

Die Unstetigkeit des Trends am Beispiel der Wirtschaftskrisenberichterstattung im April 2009


Foto: Ana Ulin (unter Creative Commons by-nc)

Wir schreiben den April des Jahres 2009 nach Chr. Die gesamte Welt befindet sich in einer wirtschaflichen Krise – oder auch nicht. Wer weiß das schon so genau heutzutage. Beim Blick in die Presse offenbart sich uns folgendes Bild (hier am Beispiel von Spiegel Online):

01.04.:  „Gipfel in London – G20 fehlen Mittel gegen Wirtschaftsabsturz“ [Link]
02.04.:  „Börsen im Plus – G20-Versprechen lösen Kursfeuerwerk aus“ [Link]
17.04.:  „Konjunkturkrise – Wirtschaftsministerium warnt vor verstärktem Abschwung“ [Link]
20.04.:  „Optimismus auf Industriemesse – Merkel macht Hoffnung in der Krise“ [Link]
20.04.:  „Neue Prognose – Regierung schraubt Konjunkturerwartungen radikal nach unten“ [Link]
21.04.:  „ZEW-Index – Konjunkturerwartungen verbessern sich überraschend deutlich“ [Link]
22.04:  „Pessimistische Prognosen: Deutschland stürzt in tiefe Rezession“ [Link]


Update:

08.05.: „Außenhandel: Exporteure schaffen erstes Umsatzplus seit sechs Monaten“ [Link]
08.05.: „Umfrage: Angst vor Wirtschaftskrise wächst sprunghaft“ [Link]
08.05.: „Konjuktur: Ökonomen sehen Ende des Abschwungs“ [Link]
12.05.: „Radikale Sparprogramme: Deutschlands größte Jobkiller“ [Link]
14.05.: „Ende des Abschwungs: Notenbank macht Europas Wirtschaft Hoffnung“ [Link]

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Früher war alles besser. Nicht, dass es damals keine Krisen gegeben hätte. Aber wenigstens waren die Konjunkturschwankungen nicht derart unentschlossen.

Versüßte Baustelle

"Lassen Sie sich unsere Bauarbeiten etwas versüßen."

Die Bahnfahrt zwischen Hamburg und Berlin dauert derzeit aufgrund einer Baustelle etwa eine Stunde länger als gewöhnlich. Die Zugbegleiter teilen daher kostenlos Getränke und Laugenstangen an die Fahrgäste aus – „Inklusivservice“ nennt sich dies im Bahnsprech. Trotz der längeren Fahrtzeit und der inklusivservicebedingten Mehrarbeit ist das Bahn-Team frohen Mutes. Möglicherweise ist dem so, weil ihr Vorstandsvorsitzender, Hartmut Mehdorn, aufgrund einer Datenaffäre seinen Rücktritt bekanntgegeben hat. Pappige Laugenstangen und Mineralwasser aus dem Pappkarton können jedenfalls nicht die Gründe für all die strahlenden Gesichter im ICE 831 sein. Später werden noch ein Paar – genaugenommen zwei winzige – Pralinen gereicht, auf deren Karton steht: „Lassen Sie sich unsere Bauarbeiten etwas versüßen.“

Am Hauptbahnhof der Hauptstadt angekommen, stürzen sich mehrere Kamerateams auf die Zugreisenden, um erste Stellungnahmen zum Rücktritt des Bahnchefs zu erhalten. Die fletschenden Zähne der Journalisten verraten, dass reißerische Statements erwartet werden. Ich kann leider nichts Schlechtes über Mehdorn sagen: Immerhin hat er mir die Bauarbeiten versüßt.

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