Krise in der Hamburger Schule

Bereits zu Beginn des Jahres versetzte die Nachricht über die Auflösung der Band Blumfeld die Hamburger Musikszene in einen Schockzustand. Wie jetzt bekannt wurde, ist auch das renommierte Indie-Label L’age d’or (LADO) nahezu am Ende. 1988 von Carol von Rautenkranz und Pascal Fuhlbrügge gegründet, beheimatete die kleine hanseatische Plattenfirma zunächst Bands wie Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs und Huah!, die den späteren Größen der sogenannten Hamburger Schule den Weg ebneten. In den 90er Jahren fanden die Bands Die Sterne und Tocotronic mit ihren intelligenten deutschsprachigen Texten schließlich auch bei einem etwas breiteren Publikum Gehör.

Logo des Plattenlabels L'age d'or (LADO)Trotz dieser Zugpferde im Stall ging auch an LADO die Krise der Schallplattenindustrie in den vergangenen Jahre nicht spurlos vorüber. So führten stark rückläufige Verkaufszahlen sowie Logistikprbleme im Zusammenhang mit dem Wechsel des Vertriebes in eine unüberwindbare wirtschaftliche Krise. Wie das Hamburger Abendblatt berichtete, ist die Firma bereits weitestgehend abgewickelt. Geschäftsführer Carol von Rautenkranz musste sich bereits von seinen sechs Mitarbeitern trennen, das Lager auflösen und Rechte an die Bands zurückverkaufen. Nur ein Vergleich, nachdem die Lado Musik GmbH sukzessive 25 % der ausstehenden Verbindlichkeiten gegenüber Bands, Studios und anderen Lieferanten begleicht, konnte eine Insolvenz knapp abwenden.

Das Aus von LADO könnte auch das Ende des goldenen Zeitalters für die unabhängigen Hamburger Plattenfirmen einläuten. Wie die Hamburger Morgenpost berichtet, müssen sich auch die anderen norddeutschen Independent-Labels auf veränderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen einstellen. So versuchen sowohl das Grand Hotel Van Cleef, das 2002 gemeinschaftlich von Mitgliedern der Bands Tomte und Kettcar gegründet wurde, als auch der Tonträgerverlag Tapete Records des Ex-Sängers der Jemery Days, Dirk Darmstaedter, rückläufige Plattenverkaufszahlen durch den Betrieb eigener Konzertagenturen zu kompensieren.

7 Antworten

  • die leute vom grand hotel müssten vielleicht mal wieder eine band finden, die platten verkauft. oder selber erfolgreich musik machen. ist aber leichter gesagt als getan, natürlich.

  • @florentinus: Beim GHvC macht sich sicherlich bemerkbar, dass die Herren mehr Musiker als hanseatische Kaufleute sind. Olli Schuluz und Death Cab For Cutie sind zu Majors abgewandert. Die Gewinne aus den vermutlich sehr ordentlich verkauften Kettcar und Tomte-Platten wurden in den Aufbau von Bands wie Home of the Lame, die letztes Jahr im Vorprogramm von Element of Crime beweisen durften, dass der Name Programm ist, fehlinvestiert. Na ja, wenn die Kohle knapp wird, müssen halt die Labelchefs eine neue Platte auf den Markt werfen, solange sie noch gefragt sind. Dieses Jahr wären turnusmäßig wieder Kettcar an der Reihe und im nächsten Jahr wieder Tomte. Als Sanierungsbeiträg könnte man ja auch einen zweiten des Films mit Jürgen Vogel drehen – und falls alle Stricke reißen, kann man Daniel Richter um einen Kredit bitten. Bilder verkaufen sich eben derzeit deutlich besser als Musik.

  • Ich mag, dass im Text davon die Rede ist dass „norddeutsche Independent-Labels (sich) auf veränderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen einstellen“ müssen. Als wäre es in Süddeutschland anders. Lokalpatriotismus, das letzte wärmende Feuer in Zeiten der Globalisierung. In diesem Licht erscheint auch der Zusatz „hanseatisch“. Ich dachte immer, das wäre vioel mehr, als nur in Hamburg ansässig zu sein. Nun ja.

  • Schon schade, denn in den ganzen Independent-Labels schlummern jede Menge Talente, die es doch eigentlich zu entdecken gilt. Stattdessen fördert man so einen Quatsch wie DSDS… :(

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