Blumfeld geben Abschiedskonzert – Kein Lied mehr

Blumfeld Abschiedskonzert am 25.05.2007 in der Fabrik, Hamburg

Der Morgen des 22. Konzerts der Blumfeld Tour und des damit definitiv letzten Konzerts vor der Auflösung der Band begann in Hamburg mit einem heftigen Gewitter. „Ein Zeichen des Himmels?“ fragt Jochen Distelmeyer, seit nunmehr 16 Jahren Kopf und Stimme der Gruppe, ein paar Stunden später, um es gleich im Anschluss zu verneinen. Schließlich glaube er nicht an Gott. Vielmehr glaubt er offensichtlich daran, dass es wichtig sei, ausreichend zu trinken, und reicht sogleich seine Wasserflasche ins dürstende Publikum. Die Hamburger Fabrik ist seit Wochen ausverkauft und sicher nicht zuletzt angesichts der langen Gästeliste stehen die Fans dichtgedrängt, um sich von Jochen Distelmeyer (Gesang, Gitarre), André Rattay (Schlagzeug), Vredeber Albrecht (Keyboard) und Lars Precht (Bass) zu verabschieden. Etwas später darf auch Gründungsmitglied Eike Bohlken für zwei Lieder aus der frühesten Schaffenszeit (Penismonolog, Zeittotschläger) wieder an den Bass. Im Hintergrund reicht Sterne-Bassist Thomas Wenzel nach fast jeden Lied eine andere, frischgestimmte Gitarre und darf im Hintergrund auch hin und wieder selbst in die Saiten greifen, was den Sound merklich erfrischt.

Blufeld, TicketObwohl es das letzte gemeinsame Auftritt ist, wirkt die Band aufgeräumt und gut gelaunt. Selbstverständlich werden Songs von allen sechs Alben gespielt gespielt. Zu Zirkusmusik betreten die Protagonisten des Abends die Bühne und Angefangen von Draußen auf Kaution, Mein System kennt keine Grenzen und Tics wurde kaum ein wichtiges Stück ausgelassen. Auch Klassiker wie das epische So lebe ich, Eine eigene Geschichte und Viel zu früh und immer wieder; Liebeslieder, um nur eine kleine Auswahl zu nennen, werden im Laufe des Abends zu Gehör gebracht. Die Spielfreude gipfelt darin, dass Jochen Distelmeyer und Lars Precht zum heiteren Boogie Apfelmann gemeinsam fröhlich das Tanzbein schwingen und die Audienz zum Mitsingen und -klatschen animieren. Sie „kommen ungefragt und gehen ungefragt“, jemand aus dem Publikum ruf „Nicht aufhören!“ und hat verständlicherweise die Lacher auf seiner Seite. Plötzlich erscheint der Frontmann allein auf der Bühne und singt zu Beginn des ersten von insgesamt drei Zugabeblöcken zum Playback ausgelassen tanzend und zigaretterauchend das schlagerartige Tausend Tränen tief. Einzelne Tränchen werden angesichts des nahenden Abschieds auch hier und da im Publikum vergossen. Die Mitmusiker steigen zum Ende hin wieder ein und einige Lieder weiter ertönt auch bereits, nach gut zwei Stunden, die obligatorische Zugabe Verstärker, die in Cole Porters Everytime We Say Goodbye mündet. Es folgen mit April („Gestern, heute, morgen/Hoffnungen und Sorgen …“) und Anders als glücklich („Ich hab‘ Angst davor, wie’s weitergeht/und vorm Alleinesein …“) noch zwei melancholische Titel, bevor Jochen Distelmeyer nach fast drei Stunden feststellt: „Das war’s.“ und „Man muss auch loslassen können.“ Viel Applaus und zum Abschluss, bereits im Saallicht noch ein letztes Mal: Superstarfighter.

Eine Ära geht zuende. Mehr als anderthalb Jahrzehnte haben Blumfeld die deutschsprachige Musik maßgeblich geprägt. Es war ein bewegendes Konzert und trotzdem ist die Band unprätentiös in den Ruhestand getreten. Ich bin froh, gestern Abend dabeigewesen zu sein, und sage Danke für die Musik.

—————————–

Weiterführende Links:

23 Gedanken zu „Blumfeld geben Abschiedskonzert – Kein Lied mehr“

  1. Ja, sehr klasse Bericht!
    Du stands unten mitten in der Menge? Mein Gott.
    Es war echt voll. Schade, dass man sich nicht gesehen hat!

  2. Servus,
    feiner Bericht. Was mir immer wieder bewußt wird: Das angenehme und schöne Gefühl des Konzertbesuches ist immer so rasch vorbei. Ein Erinnern immer schwer. :) Du hast das schon gut geschafft.

  3. Danke fürs fleißige Verlinken, wir haben dich entsprechend auch in unserem Concert Guide mit aufgenommen.

    Eine kleine Korrektur noch: „Eine eigene Geschichte“ wurde leider, wie fälschlicherweise hier von dir angegeben, definitiv nicht gespielt.

    Beste Grüße
    Markus

  4. @Sir Buckingham: In der Tat, es ist nicht einfach, das nach dem Konzert noch einmal so nachzuvollziehen. Ich überlege auch oft, ob ich überhaupt etwas zu einer besuchten Veranstaltung schreiben soll, oder auch nicht. Und Markus hat mich schon auf einen Fehler hingewiesen.

    @Markus: Vielen Dank für die Berichtigung. Wie komme ich nur darauf? Wie der Sir schon sagte, die Erinnerung ist schnell weg. Ihr habt übrigens eine ganz wunderbare Seite. Was macht Ihr nur jetzt, da die Band sich auflöst? Und interessehalber: Wie kommt Ihr an die orginale Setlist oder habt Ihr fleißige Mitschreiber. Die Reihenfolge der gespielten Lieder auf einem Konzert kann sich doch niemand merken.

  5. Danke bosch für die positiven Worte!

    Na wir bleiben auf jeden Fall weiter online, auch wenn es eben keine Bandneuigkeiten mehr geben wird. Unseren Concert Guide gilt es natürlich weiterhin fleißig mit Daten zu füttern; das hört ja im Prinzip nie auf und wir hoffen, dass noch viele Leute über die Jahre was beisteuern werden.

    Da das Set während einer Tour in der Regel nicht mehr sonderlich variiert, geht schon vieles über Merken. Die Paper-Setlist von der Bühne ist zudem als Basis sehr hilfreich.

    Viele Grüße
    Markus

  6. Die Anreise aus Potsdam hat sich gelohnt. Es war ein grandioses Konzert!!!
    Und dann auch noch „Nights in white satin“!
    Was soll ich sagen? Ich fühle mich „Tausend Tränen tief“!

    Doch, wer die Vergangenheit preist, tadelt die Zukunft.

    Und so bleibt zu hoffen, dass Jochen Distelmeyer so wie einst Billy Corgan reagieren wird: „I want my band back, and my songs, and my dream.“

    Bis dann!
    Schöne Grüße!
    Jan

  7. @Jan: Dann standest Du vermutlich direkt neben mir. Hinter den beiden Typen, die so furchtbar tanzten, der hellblonde mit der Dreiviertelhose, der mit Händen in den Hosentaschen nach links und rechts schwankte und der Dicke mit dem Zopf, der ununterbrochen auf und nieder hüpfte. Sie boten Dir ein Entschädigungsbier an, weil sei eines zu viel erwarben, und offensichtlich nicht mehr bis zwei zählen konnten. Du lehntest ab, da Du ja mit dem Auto gekommen warst. Stimmt’s?

    Jochen Distelmeyer ist in der Tat zu jung, um in Rente zu gehen. Ich bin sicher, dass wir früher oder später noch von ihm hören werden.

  8. Schade, dass sich diese Band auflößt. Eigener Stil, unverwechselbare Stimme und gute Texte. Warum lößt man eine derartige Band auf? Kann man sich nicht einfach eine längere Pause gönnen um dann weiter zu machen?

  9. Hmm,…(grübel)darf ich in diese freudige und denkwürdige Stimmung des Konzertberichts hinein noch einen Nicht-Blumfeld-Fan-Kommentar abgeben ?
    Also, ich kenne Blumfeld und glaube auch, dass ich die im Radio öfter gehört und gutgefunden habe. Ich kenne aber kein EINZIGES Lied.
    Es gab jetzt 16 Jahre diese Band, und ich wusste auch, dass sie sich auflösen und ich weiß auch wer J. Distelmeyer ist, aber ein Lied könnte ich nicht nennen. Immerhin kenne ich von den Sternen einige Lieder und CDs… aber jetzt sogar den Bassisten :-), sollten
    sich die Sterne also mal auflösen, bin ich besser
    vorbereitet !

  10. Halt, jetzt fällt es mir ein. Mindestens das Lied „Tausend Tränen tief“ kenne ich, wahrscheinlich auch noch andere. Ich wollte mich nur von der „Blumfeld -machen die nicht was mit HipHop oder Techno“-Fraktion abgrenzen und mich in die „ich kann zumindest mit Band und Musik etwas anfangen“ – Fraktion rüberretten, wobei ich das aber nicht so schlimm finde, dass ich die Epoche der Band verpasst habe. Die Welt ist halt groß…

  11. Schau mal etwas nach links.. da stehe ich.

    Ja, sehr schade, dass sie aufhören. Nett von Ihnen, dass sie mit Superstarfighter in meinen Geburtstag hineingespielt haben. Allerdings: Nicht auszumalen, wie die nächste CD geworden wäre.

  12. Heute war ich Äpfel pflücken und nur ein Lied fiel mir dazu ein:

    Der Apfelmann

    ….und immer wieder in Gedanken an das letzte Konzert…..

    Schöne Grüße nach HH!

    Jan

  13. Auch wenn der Artikel schon älter ist… habe gerade gesehen, dass Du auch was zur „Hamburger Schule“ geschrieben hast.

    Ich habe Blumfeld mit ca. 16 jahren für mich entdeckt und finde es sehr sehr schade, dass sie für sich entschlossen haben, so nicht weiter zu machen.
    Darum, dass Du das Konzert gesehen hast, beneide ich Dich!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *