Erdmöbel in Hamburg am 30.09.2007 im Uebel & Gefährlich

Erdmöbel

Denkt man als Hamburger an Köln, so fallen einem lediglich BAP, Kardinal Meisner und schales Bier aus Reagenzgläsern ein. Dabei gäbe es bei weitem sympathischere Botschafter der Domstadt am Rhein, nur kennt sie leider fast niemand. So versammelten sich gestern Abend im Club Uebel & Gefährlich auch eher nur 100 als die sicherlich verdienten 1000 Zuschauer, um der wunderbaren Musik der adrett in Anzug und Krawatte erschienenen Herrencombo zu lauschen. Denken die Erdmöbel, die am Vortag ein Konzert in Münster bestritten, an die Hansestadt im Norden, so fällt ihnen als erstes ein, dass sie gern hier spielten, da Hamburg fern genug der Heimat liegt, so dass ihre Eltern nicht im Publikum weilen.

Was geht, Muschikatz?, eine Coverversion des Tom Jones-Hits What’s New, Pussycat? eröffnete im beschwingten 3/4-Takt das Konzert. Bereits 2005 zeigte die Kölner Band auf ihrer Platte Für die nicht wissen wie, dass es ihnen mit fabelhafter Leichtigkeit gelingt, internationale Klassiker wie Burt Bacharachs Close To You, Anfang der 70er Jahre ein Erfolg der Carpenters, geschmackvoll ins Deutsche zu übertragen und im eigenen Erdmöbel-Sound, einer Mischung aus Melancholie und Easy-Listening, zu präsentieren. So war es nach einem ersten Charterfolg im Dezember 2006 mit Weihnachten, einer eigenen Version von Whams zu dieser Jahreszeit unvermeidlichem Last Christmas, nur konsequent, diesen Weg weiterzugehen. Es entstand das Album No. 1 Hits. Eine Sammlung von Liedern, die ganz sicher nicht immer unbedingt den Geschmack der nach dem ostdeutschen Wort für Särge benannten Kapelle und deren Publikum widerspiegelt, die jedoch alle gemein haben, irgendwann auf der Welt irgendwo einmal die Charts angeführt zu haben.

Die erste Stunde des Konzerts bestritt die Band ausschließlich mit Titeln der neuen Platte. Noch etwas zurückhaltend waren die Reaktionen auf Nirvanas Riecht wie Teen Spirit (Smells Like Teen Spirit), bei dem die typischen Gitarrenriffs durch Posaunenklänge ersetzt wurden, sowie auf Einer wie wir (Joan Osborne – One Of Us). So richtig zum Brodeln brachten das Publikum erst die mit einem Augenzwinkern dargebotenen Interpretationen der Nervhits Aus meinem Kopf (Kylie Minogue – Can’t Get You Out Of My Head) mit dem Ohrwurmrefrain La-la-la-la-la-la-la-la-la-la-la sowie die Hampelmannperformance zum Technohit Auf und ab von den Vengaboys (Up And Down).

Fahler als nur fahl, die Erdmöbel-Version der Procol-Harum-Schnulze A Whiter Shade Of Pale, ließ bei Markus Berges (Gesang und Gitarre), Ekimas (Bass), Wolfgang Proppe (Keyboards) und Christian Wübben (Schlagzeug) Erinnerungen an ihren ersten Hamburg-Auftritt im Jahr 1995 im Knust in der Brandstwiete wachwerden. Der Club war gerade mit Werbeplakaten für eine Engtanzfete tapeziert. Getanzt wurde damals auf dem Konzert jedoch sicher weniger als heute, schließlich fand es zu der Zeit statt, als die Band nicht zu spielen begann, bevor sich das Publikum auf den Boden setzte. Dies sollte eine bessere Zuhöratmosphäre zu schaffen. Zum Glück ist man im Laufe der Zeit wieder von diesem ungewöhnlichen Brauch abgekommen. Wer zum Takt der Musik mitwippen möchte, kann dies wieder tun, wovon auch ausreichend Gebrauch gemacht wurde. Der Musikgenuss kam dennoch nicht zu kurz, denn die freundlicherweise – und für Konzerte leider mittlerweile unüblich gewordene – gemäßigte Lautstärke lud zum genauen Hinhören ein. Auch gut gestimmte Instrumente trugen zum Hörgenuss bei. Bassist Ekimas wies schon mal auf fehlgestimmte Gitarrensaiten hin, indem er das Spiel nach ein paar Takten abbrach. Gitarrist Markus Berges quittierte dies nicht nur mit richtigem Dreh an der Mechanik, sondern auch mit freundlichem Dank und Hinweis darauf, dass Ekimas nicht nur Bassist, sondern schließlich auch Produzent der Gruppe sei.

Selbstverständlich durften auch Der Weg nach Mandalay (Robbie Williams – The Road To Mandalay), das melancholische Wieder allein, natürlich (Gilbert O’Sullivan – Alone Again, Naturally) und eine computerfreie Fassung des Kraftwerk-Klassikers Das Modell nicht fehlen. Das mittlerweile fast selbst zu einem Klassiker gewordene Nah bei Dir schloss dann den Zyklus der Fremdkompositionen, für den sich die Audienz mit großen Applaus bedankte.

Obwohl von den Feuilletons stets mit Lob bedacht, blieben die Erdmöbel mit ihren zum Teil verschrobenen Liedern immer in ihrer Nische. Daran dürfte auch die Interpretation von Welthits und der kürzlich vollzogene Wechsel vom Independent-Label Tapete zur Majorplattenfirma Sony BMG nichts ändern. Die wenigen, aber treuen Fans sind immer noch dieselben gelieben. So erntetete das Quartett, das hervorragend von Henning Beckmann an der Posaune ergänzt wurde, einen noch größeren Applaus für die Ankündigung, nun mit den eigenen Stücken fortzufahren – darauf dürfte der größte Teil des Publikums gewartet haben.

Es folgten das zauberhafte In den Schuhen von Audrey Hepburn, das Liebeslied Genau wie ich mir es wünsche, die Köln-Hymne Die Devise der Sterne, und das großartige Dreierbahn, von dem ein Musikkritiker einst schrieb, dass es in einer besseren Welt sicher ein Hit geworden wäre. Publikumswünsche wurden nicht erfüllt, da die Band nach eigenen Aussagen noch nie Publikumswünsche erfüllt habe und außerdem gar nicht alle Lieder spielen könne. Den Abschluss des Abends leitete das melancholische Das Beste von Osten ein.

Als Zugabe gab es das Lied über gar nichts, das wohl einzige Lied, in dem Schiffschaukelbremser vorkommen dürften. Hier war die Mitwirkung des Publikums beim eingängigen Refrain „Ich wünsche mir ein Lied/über gar nichts/eins, das fällt und verglüht/in der Finsternis/Über gar nichts/ein kaputter Satellit“ gefragt, das die Band auch gern unterstützte. Außerdem wurde das letzte Mal eine Coverversion gebracht – das fast zu Tränen rührende Ich machte nen Scherz (Bee Gees – I Startet A Joke). Nach erneutem tosendem Beifall ließen sich die Kölner zu einer allerletzten Zugabe hinreißen und sangen nach fast zwei Stunden des Aufspielens ihr Lieblingslied der letzten regulären Platte Für die nicht wissen wie, den Song Au Pair Girl. Ursprünglich eine Auftragsarbeit für Katja Ebstein, die das Lied aber dann nicht singen wollte. Sie hat etwas verpasst.

Es war ein großartiges Konzert. Jeder, der die Gelegenheit hat, die Band auf ihrer Tour noch live zu erleben, sollte sich dies nicht entgehen lassen. Ich sage: Danke, Erdmöbel.

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12 Antworten

  • Ich kann nur bestätigen, dass das Konzert großen Spaß gemacht hat. Skurilitäten, wie der erste Konzertschluss nach 55 Minuten und Zugaben von über einer Stunde muss man bei diesen Jungs wohl immer in Kauf nehmen. Aber der gute Sound und die ehrliche Freude der Band über das mal nicht zu Salzsäulen erstarrte Hamburger Publikum schufen eine angenehm entspannte Atmosphäre.

  • Ja es war einfach Spitze! Obwohl die Busfahrt nicht gespielt wurde. Ich liebe ja ihre eigenen Songs mehr als die Nr 1 Hits, um so erfreuter war ich über die Zugaben. Sie haben die Hamburger gerockt und konnten neue Fans gewinnen.

  • Ich sah sie in Münster und es war ein wunderbarer Abend.
    Die Eltern störten auch nicht weiter, fand es sogar sehr sympathisch. Wozu mir gleich der Song von Olli Schulz einfällt: Was macht man bloß mit diesem Jung? Aus den Erdmöbel-Jungs ist offenbar was geworden.

  • „Die Devise der Sterne“ ist toll. Die Coverversionen mag ich ebenfalls. Und ich wollte sie auch sehen – wie Fink -, einen Tag zuvor in Münster (woher die Band ja großenteils eigentlich auch stammt). Aber zeitgleich spielte Kevin Devine im Amp, der mir noch ein Stück näher am Herzen liegt. Anyway: Sehr schöner Konzertbericht.

  • Das hört sich ja wirklich spannend an. Ist es denn auch möglich die Jungs in Berlin zu erleben, oder ist das mehr auf das Ruhrgebiet beschränkt?

  • danny, du hauptstadtschleef. in berlin warn wir drei mal. wohl nich aufjepasst, wa? münster, köln und hamburg als ruhrgebiet zu bezeichnen ist mehr als verpennt…
    ach was reg ich mich auf, eh egal.

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