Was treibt sie eigentlich an?

Hunderttausende sind an diesem sonnigen Samstag in ganz Deutschland auf der Straße. “Für dezentralisierte regenerative Energie” steht auf ihren Schildern und Transparenten – oder etwas kampagnenfähiger: “Ohne Meiler ist geiler!” Für die gute Sache wird auch schon mal der eine oder andere für den Alltag zu lustige Hut herausgeholt und ein schräges Lied gesungen. Niemand denkt dabei daran, dass Musik auch Umweltverschmutzung sein kann. Das Ganze gerät schnell zum Happening. Die Lage ist ernst, aber was uns bleibt, ist immer noch der Humor.

Was aber macht die gut gekleidete Frau mit den langen braunen Haaren, der riesigen Umhängetasche und den hohen Stiefeln mit der großen Pauke vor ihrem Oberkörper? Nie zuvor hörten wir jemanden, der so unrhythmisch auf das Schlagwerk eingedroschen hat, wie sie. Immer wieder lässt sie sich in der Menschenmenge zurückfallen, um kurz darauf wieder in schnellerem Gehtempo an die Spitze des Demonstrationszuges zu gelangen. Nur wenn sie sich eine Zigarette dreht, pausiert sie kurz mit der Bearbeitung ihrer Trommel. Sie marschiert ganz allein und trommelt weder laut noch schön. Was treibt sie eigentlich an?

Fashion Week Berlin

“Fashion is what one wears oneself.
What is unfashionable is what other people wear.”

(Oscar Wilde)

Die Modewoche in Berlin “ist eher Prenzlauer Berg geworden denn Paris, weniger Mailand als Moabit”, ätzte zu Beginn der Woche ein Hamburger Nachrichtenmagzin. Das ist in Ordnung, denn Häme ist der Stoff aus dem Hamburger Nachrichtenmagazine geschneidert sind. Mich hat es ohnehin nur in das Festzelt auf dem Bebelplatz verschlagen, um einen einzigen Blick zu erhaschen: den des Ekels im Gesicht des gestylten Garderobenfräuleins bei der Entgegennahme meiner Winterjacke aus der vorletzten Kollektion eines schwedischen Bekleidungshauses. Dafür lohnt es sich schon fast, dieses Event zu besuchen.

Aber auch die kleinen Häppchen, von denen es reichlich gibt, weil Nahrungsaufnahme in Modekreisen nach wie vor nicht sonderlich akzeptiert zu sein scheint, sind nicht zu verachten. Als verachtenswert hingegen empfinde ich indes den Konsens, Currywürste aus der Küche von Luxushotels für vier Euro fünfzig zu verkaufen und dies als ironisches Stilmittel zu betrachten. Viellleicht ist die Bratwurst aber auch nur der würdige Nachfolger der Heroin-Chics der 90er Jahre, denn nur besonders extravagante Besucher der Veranstaltung wagen es, eine solche Wurst zu sich zu nehmen. Nach einiger Überlegung erachte ich den Verkaufspreis als angemessen, denn wo bekommt man auf einer Modeveranstaltung schon einen Distinktionsgewinn für weniger als einen Heiermann? Sogleich stellt sich mir die Frage, ob es auf der Toilette wohl – wie im Braukeller der bayerischen Landesvertretung in der Hauptstadt üblich – einen sogenannten Papst, ein Speibecken mit Armstützen, gebe.  Ein bißchen enttäuscht, dass mein Klischee nicht bestätigt wird, aber auch beruhigt, dass der Trend womöglich doch weg vom bulimischen Magermodel geht, stelle ich auf der Herrentoilette fest, dass diese Art der wassergespülten Sanitärinstallation dort nicht vorhanden ist. (Ob dies auf den Damentoiletten ebenso der Fall ist, kann ich freilich nicht beurteilen.)

Kern der Veranstaltung ist das betont lässige Herumstehen im Vorzelt bei gleichzeitigem intensiven Argusbeäuge der bekleidungtragenden Mitmenschen. Dieses wird zum Leidwesen aller jedoch durch gelegentlich stattfindende Modeschauen unterbrochen. Zum Glück sind diese jedoch zumeist sehr kompakt gehalten: Blitzlichtgewitter für die Zweitplazierte aus der Castingshow Germany’s next Topmodel (alternativ: zukünftige Ex-Ehefrau eines vormaligen Tennisprofis) – zehnminütiges graziöses Auf- und Abschreiten des sogenannten Laufstegs, der sich in der Höhe allerdings nicht vom Erdboden absetzt, durch sogenannte Models – Verbeugung durch und Blumen für den Designer. Alle klatschen entzückt in ihre manikürten Hände und sind im Grunde froh, sich wieder ihren Mineralwassern im Vorzelt zuwenden zu dürfen.

Noch während man den letzten Schluck aus seiner Flasche nimmt, wird das Festzelt bereits wieder demontiert. Ich gehe nach Hause mit dem unter orthopädisch beunruhigendem Ausblick, dass die Damen in der kommenden Saison Trauerkleidung zu obszön hochhackigen Schuhen tragen werden. All das wäre nicht weiter schlimm, wenn die Protagonisten des Modezirkus ebenediesen nicht so furchtbar ernst nähmen.

Berlin Fashion Week

One week he’s in polka-dots, the next week he’s in stripes
‘Cause he’s a dedicated follower of fashion.
(The Kinks, “Dedicated Follower of Fashion”)

Man sieht sie jetzt überall in Berlin: Ältere Herren in Trekkingsandalen und Tennissocken. Es muss wohl wieder Fashion Week in Berlin sein.

Shows, Messe, Partys, Küsschen links, Küsschen rechts – das Modebusiness kann schon anstrengend sein. Besonders bei diesen außergewöhnlich sommerlichen Temperaturen. Zu gern würde man das verschwitzte Blüschen gegen den neuesten Hauch von Nichts auf dem Catwalk eintauschen, aber für’s Umziehen bleibt keine Zeit, denn das nächste Event lockt.

Zusammen mit all den anderen ModebloggerInnen stehe ich im Store eines spanischen Schuhherstellers, nippe abwechselnd an erfrischender Mandelmilch und Cava mit Orangenlikör und begegne Nils Bokelberg. Dieser erschien mir bislang völlig unverdächtig, irgendwelchen Moden hinterherzurennen. Trotz aller berechtigten Warnungen der Band Tocotronic hat er sich jedoch offensichtlich dem Trend zum Selbermachen angeschlossen: Nicht ohne Stolz präsentiert der Nilzenburger mir die aktuelle Kollektion seiner selbstgenähten Täschchen – ein sehr kleines Täschchen für seine Panini-Sammelbilder, ein weiteres kleines Täschchen für sein mobiles Telefon und ein größeres Umhängetäschchen im aktuellen Fußball-Look, welches Platz für die beiden kleineren Täschchen bietet.

Das gefällt mir. Die neuen Schuhe von Camper sind aber auch nicht schlecht.

 

How To Look Like Your Shirt Print

Wie alle wirklich tollen Dinge im Internet, ist auch die von Lisa Rank gegründete Facebook-Gruppe, in der alle aussehen wie ihre T-Shirts, etwas sinnlos.

Nicht ganz so toll – aber mindestens ebenso sinnlos – ist der neue Podcast “Das Wort zum Sonntag”, den ich manchmal sogar dienstags zusammen mit Mathias Richel mache.

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Vielen Dank an die Fotografin, Stylistin und Spenderin dieses wunderbaren T-Shirts, @momo13.