Buridans Esel

Esel

„Die Verzwicktheit des Universums treibt,
scheint’S, einem neuen Maximum entgegen.“

(Arno Schmidt, Zettels Traum)

Im öffentlichen Verkehrsmittel die gefundene Zeitung vom Vortag flüchtig durchblättern und dabei im Politikteil über das Gleichnis von Buridans Esel stolpern. Der Esel steht zwischen zwei gleich großen, gleich weit entfernten Heuhaufen und kann sich nicht entscheiden, welchen er zuerst fressen soll. Schließlich verhungert er. Entschlossen nehme ich die Zeitung erst mit, werfe sie dann aber auf dem Bahnsteig in den Müllbehälter für Altpapier.

Warschauer Straße

S- und U-Bahnhof Warschauer Straße, Berlin

Alles Warten ist Warten auf den Tod.
(Franz Werfel)

Am Bahnsteig  auf die Verabredung warten, die aber nicht kommt, und dabei Züge und Leuten hinterherblicken etc. Dann feststellen, dass man sich in der Zeit geirrt hat. (Möglicherweise auch im Ort, im Menschen und überhaupt in allem.) Ein leerer Akkumulator verhindert fernmündliche Kontaktaufnahme. Später stellt sich heraus, dass es ein Irrtum war, wie überhaupt alles ein Irrtum ist.

Zuhause angekommen der eigenen Vernichtung gedenken, die sich heute auf den Tag genau zum zweiten Mal jährt, und das Buch von Joseph Roth nach ein paar Zeilen aus der Hand legen, um sich halb angewidert, halb fasziniert dem Stumpfsinn des Privatfernsehens hinzugeben.