Auch dieser Tag ist kein besonders guter und somit fügt er sich nahtlos in mein restliches Leben ein. In einer wichtigen Angelegenheit gescheitert zu sein, ist nicht sonderlich angenehm. Alles was bleibt, passt in eine kleine Plastiktasche. Den Tag rundet ein körperlicher Schmerz ab. Es beginnt meist ganz leicht mit einem Ziehen in der Nierengegend. Ich kenne das schon: Ein Nierenstein geht ab; Männer in meinem Alter haben das schon mal. Beim ersten Mal wundert man sich, dass ein Mensch solche Schmerzen haben kann. Mal dauert es ein paar Stunden, in ungünstigeren Fällen kann man sich ein paar Tage damit vergnügen. Eine Zertrümmerung lohne nicht, sagt der Urologe, es sei ja nur etwas Gries auf dem Ultraschallbild zu sehen. Man krümmt sich, streckt sich, trinkt Bier und hüpft; wohl wissend, dass es natürlich zu spät dafür ist, wenn man den Schmerz erst einmal zu spüren bekommen hat. Ich nehme Metamizol in Form von Tropfen ein; wohl wissend, dass eine Infusion jetzt das probatere Mittel wäre. Ich bin froh, dass mich in diesem Moment niemand sieht und denke, wenigstens spürst du jetzt, dass du noch lebst. Ich ahne, dass es davon kommt, in den letzten Tagen zu wenig Flüssigkeit zugeführt zu haben und erfreue mich ein wenig an der Erkenntnis, dass es gelegentlich viel unangenehmer sein kann, zu wenig zu trinken als zu viel.
Jahr: 2010
Die Heizung ist gebändigt und die Raumtemperatur ist mittlerweile konstant angenehm. Aber ich kann nicht immerzu nur im warmen Kämmerlein sitzen. Irgendwann muss man, also ich, auch mal raus: Arbeiten oder Kaffeetrinken – im Idealfall beides gleichzeitig. Der Schnee da draußen wird langsam zu Matsch, trotzdem ist es noch immer sehr kalt. Straßenabahn M10: Vormittags und Abends stehen die Menschen dicht gedrängt und riechen oft genau wie sie gestimmt sind: übel. Ein Paradies nur für Frotteure. Gäbe die BVG ihren Zügen Städtenamen wie die Lufthansa ihren Flugzeugen, könnten sie Sheffield oder Duisburg heißen. Wenigstens hier kann man beim rasanten Anfahren und Bremsen die Trägheit der Masse überlisten und wenigstens einmal im Leben standfest bleiben, denke ich, während ich im Augenwinkel eine gute Bekannte entdecke, die aber zwei Türen weiter steht, und auch deswegen für mich unerreichbar ist. An der Warschauer Straße bin ich froh, endlich aussteigen zu dürfen. Mein Bedürfnis nach menschlicher Nähe ist nur scheinbar für den Rest des Jahres gedeckt.
Samstag und Sonntag: Zustand nach Party. Viel zu spät und zu wenig geschlafen, vor allem aber zu schlecht. Mangelnde Schlafhygiene würde mein Arzt dazu sagen. Draußen ist tiefster Winter. Im Zimmer ist es mal zu kalt und mal zu warm. Ich drehe den Temperaturregler herauf, schwitze, lüfte, drehe ihn herunter, friere etc. Ich sitze auf dem Sofa und schaue einen Film. So ein Sofa ist eine gute Sache, wenn man sonst kaum Freude hat im Leben, denke ich mir. Musik: Morrissey und Blumfeld: Verstärker. „Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg.“ Mozarts Requiem wäre jetzt schön, klassische Musik fördert jedoch die Unzulänglichkeit digitaler Komprimierungsprozesse zu stark zu Tage. Wenn auch nur zum Teil von Mozart ersonnen, zeigt dieses Werk (KV 626) doch ganz besonders, dass der für seine leichte Kost bekannte Komponist zur größten Ernsthaftigkeit im Stande war. Darüber nachdenkend, ob der Humor bei Thomas Bernhard oder Heino Jaeger einer innerlichen Tragik entwachsen ist, fahre ich fort, den Heizkörper zu bändigen. Sonntagabend, während des furchtbar langweiligen Kölner Tatorts fällt mir ein, dass ich seit zwei Tagen keinen Fuß aus dem Zimmer gesetzt und auch nichts gegessen habe. Dann beiße ich in einen sehr vitaminarmen grünen Apfel, der sicher nichts weiter mit meinem Körper tut, als meinen Zahnschmelz zu zersetzen. Es ist die vollkommene Desolation.
