Ognik

„Wie heißen diese Beeren auf Deutsch?“ fragt die ältere Frau mit dem Fahrrad. Die orangenen Früchte sehen aus wie kleine Äpfel und hängen an stark bedornten Zweigen. Stadtmenschen wissen so etwas naturgemäß nicht, aber haben zur Bestimmung von Pflanzen eine App. „Man kann sie essen“, sagt die Frau, während ich mein Smartphone zücke. „Feuerdorn, sie heißt Feuerdorn.“ „Feuerdorn?“, die Frau schaut mich enttäuscht an.

„Was heißt Feuerdorn auf Polnisch?“ Da ich noch weniger polnische Wörter als Pflanzen kenne, bemühe ich erneut mein kluges Telefon. „Ognik“, antworte ich. „Kann man die essen?“, fragt sie, während sie einen kleinen Strauch Ognik pflückt. „Sie sind ungenießbar. Die Kerne enthalten Blausäure“, antworte ich fachkundig tuend. „Dann lieber nicht“, flötet sie und fährt auf ihrem klapprigen Drahtesel davon. 

Die Beeren sind eher unbekömmlich als gefährlich. Das wird die Frau nun nie erfahren, aber das ist nicht so schlimm. Sie hat sich nicht vergiftet und ihr ist keine Köstlichkeit entgangen.

Tomaten

Jedes Jahr im August gibt es diesen einen Tag, an dem Tomaten außergewöhnlich gut schmecken. Tomaten haben an diesem Tag ein intensives Aroma, sie schmecken süß und gleichzeitig erfreut eine balancierte Säure, wenn man hineinbeißt. Man weiß nicht genau, wann dieser Tag kommt, aber man darf ihn keinesfalls verpassen. Man muss ein Brot mit Tomate essen. Das ist zwingend.

An allen anderen Tagen wiederum ist der Genuss von Tomaten gar kein Genuss: fade und wässrig schmeckt die Frucht. Eine Gemeinheit der Natur, das einst gemachte Versprechen komplett willkürlich und unzuverlässig einzulösen. Die gut schmeckende Tomate ist unwahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto.

Spezialschiffdokus

Schwimmkran ‚Svanen‘; Prora, Januar 2026

Als ich noch lineares Fernsehen nutze, schaute ich, wenn ich nachts nicht schlafen konnte, gern Dokumentationen auf Phoenix oder n-tv: Schwerlasttransporte, Spezialschiffe, Tagebaubagger. Ingenieure, die die Welt im Griff hatten, wiegten mich sanft in den Schlaf.

Möchte ich indes heute schneller einschlafen, so hilft mir Netflix. Nicht durch das Anschauen der immer öder werdenden Filme oder Serien. Allein die Findung einer Entscheidung, was man denn schauen möchte, ermüdet ungemein effektiv.

Fred

Jetzt  ist  die  Jahreszeit,  in  der  Vögel morgens wieder lautstark zwitschern. Missmutige Teenager verabscheuen dies, weil sie sich in ihrem Schlaf gestört fühlen. Alle normalen Menschen mögen Vögel. Zumindest die, die ihnen nicht auf den Kopf kacken.

So auch A. Sie fand die kleine Blaumeise hilflos am Wegesrand und nannte sie Fred. Fred zeigte sich zeigte sich zwar vital, konnte aber nicht fliegen. Was tun?

Der Kleintierambulanz der Universität am anderen Ende der Stadt sind Singvögel zu gewöhnlich, um sie nach den Regeln der Wissenschaft der Veterinärmedizin zu behandeln. Außerdem war Wochenende und am Wochenende behandelt man dort vermutlich nicht einmal vom Aussterben bedrohte Raubvögel des Jahres. Im Internet raten die Expert:innen der Wildtierrettung, das hilflose Gefieder mitzunehmen, es in einem Karton an einem geschützten Ort abzusetzen und zu warten. Nicht füttern, kein Wasser bereitstellen. Häufig kommt das Federvieh innerhalb von vier Stunden ganz von selbst wieder zu Kräften. 

Wir pflückten etwas Gras, damit Fred es bequem hat, in seinem Karton auf unserem Balkon. Ein paar Mal flatterte Fred noch, aber es reichte nicht, um sich in die Lüfte zu schwingen. Kurze Zeit später hörte sein kleines Vogelherz auf zu schlagen.

Er hat es nicht geschafft. Am Abend haben wir ihn im Garten hinter dem Haus begraben. Wie leicht Fred war. Keine 20 Gramm. Mach’s gut, kleiner Piepmatz.

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