Am Südpol ist es mittlerweile so warm, dass es für George, den Pinguin, keinen Unterschied macht, ob er dort auf einer schmilzenden Eisscholle sitzt, oder sich in Hamburg befindet. Da können die Politiker in Kopenhagen noch so viel über den Klimaschutz diskutieren.
Der Pinguin aus Plüsch ist schon etwas ramponiert und sein Besitzer hat ihn einfach auf einer unwirtlichen Parkbank in der Nähe einer Bahntrasse ausgesetzt. Das ist schlimm für George, aber was hätte er dagegen tun sollen? Die Parkbank ist jetzt seine Eisscholle. Heimat kann überall sein.
Ich sitze in meinem Café und blättere in der Speisekarte. Das Café ist natürlich nicht mein Café, sondern mein Lieblingscafé, in das ich täglich gehe — unter anderem, um die Zeitung zu lesen, die natürlich ebenso wenig die meine ist. Die Karte kenne ich zwar, aber ein mir unbekannter Gast nimmt meine bevorzugte Tageszeitung in Beschlag.
Viele Gäste sind mir mittlerweile bekannt; zum Beispiel Klaus, der meistens schwarze Lederhosen trägt, und am Tisch nebenan sitzt. Er kritzelt etwas in winzigen Buchstaben auf ein loses Blatt Papier. Es könnte seine Biographie sein oder auch sein Testament. Die Buchstaben sind so klein, dass ich bezweifle, dass er sein Geschriebenes je wieder wird entziffern können; zumindest nicht ohne Leselupe. Der Gast, der die Tageszeitung in Beschlag nimmt, ist mir nicht bekannt, nicht einmal vom Sehen. Deswegen traue ich mich nicht, ihn zu fragen, ob er mir einen Teil abgibt. Es ist Freitag, und vermutlich hätte er ohnehin nur den Münchener Immobilienteil herausgerückt, der für mich einen ähnlich hohen Unterhaltungs- und Informationswert hat wie ein Lokalteil aus Reykjavik. Klaus und ich teilen uns die Zeitung immer unaufgefordert. Im Laufe der Zeit hat sich ein fester Modus herauskristallisiert, wer zuerst welchen Part lesen darf — nach einer gewissen Zeit wird getauscht.
Um die Wartezeit auf Politik, Feuilleton und Wirtschaft zu überbrücken, addiere ich die Quersummen der Preise aller Speisen und Getränke, um im Anschluss aus der Summe die Quadratwurzel zu ziehen. Mathematik hat mir nie Freude bereitet, genauso wenig wie der Sportteil, den ich stets auslasse. Sport ist noch uninteressanter als Anzeigen für großzügige Villengrundstücke am Starnberger See. Aus den Lautsprechern schallt dezent Musik: Paul Weller, von dem ich mich jedes Mal wundere, wie er an diesen Ort kommt. Der Modfather zu Gast im beschaulichen Winterhude; eine merkwürdige Vorstellung.
Zum Glück ist heute noch kein Wochenende, denn dann kommen zu allem Unglück auch noch die Wochenendfrühstücker aus ihren Löchern. Weil sie immer früher aufstehen als ich, essen sie mir meist die letzten Brötchen weg. Das Wichtigste ist, zum kleinen Frühstück ein zusätzliches Vollkornbrötchen zu bestellen. Dann startet es sich angenehmer in den Tag.
Einige Jahre waren sie jetzt schon ein Paar; scheinbar glücklich. Irgendwann ging er Zigarettenholen und kam nicht mehr zurück. Wie in einem schlechten Film. Dabei war er eigentlich Nichtraucher — das glaubte sie zumindest.