Der Consigliere ist weg

Normalerweise saß er am offenen Fenster und rauchte. Fast immer standen unterhalb des geöffneten Fensters Frauen und Männer aus der Nachbarschaft und baten ihn um seinen Rat. Oft hatten sie komplizierte Formulare oder schwer verständliche offizielle Briefe dabei, die sie ihm hochreichten. Er betrachtete die Schriftstücke mit gebotenem Ernst, zog dann nachdenklich an seiner Zigarette und erklärte in verständlicher Sprache, was zu tun sei. Wie man das eben so macht, als Consigliere.

Wenn sein Rat einmal gerade nicht gefragt war, saß er vor seinem übergroßen Computermonitor. Sein Monitor war so überdimensioniert, dass man von draußen erkennen konnte, was der Consigliere gerade macht. Meistens war Facebook geöffnet. Ich stellte mir dann vor, dass der Consigliere auch auf dieser Plattform voller Hass und Verschwörungmythen, die Sachen gerade rückte. Stets kompetent und konstruktiv. Auf den Consigliere ist Verlass.

Manchmal, wenn niemand unten am Fenster stand und um Rat frug und er auch auf Facebook alle Unklarheiten beseitigt hatte, sah er sich auf seinem sehr großen Monitor Pornovideos an. Auch ein Consigliere braucht mal etwas Freizeit.

Doch jetzt ist er nicht mehr da. Die Wohnung ist leer. Der Monitor ist verschwunden. Wer jetzt wohl die Nachbarn durch die Kalamitäten der Bürokratie navigiert? Ich weiß es nicht. Hoffentlich schläft der Consigliere nicht bei den Fischen.

Unsolidarische Raumnahme

Wäscheleine

Frau Bieber war, was man damals eine „alte Jungfer“ nannte. Gemeinsam mit ihrer ebenfalls schon sehr alten Schwester bewohnte sie eine Erdgeschosswohnung im Nebenhaus. Obwohl zu Beginn der 1980er Jahre alle Menschen bereits einen Farbfernseher besaßen, waren sie die letzten, die noch der alten Freizeitbeschäftigung des Aus-dem-Fenster-Schauens frönten.

Damals neigten die Menschen dazu, ihre gewaschene Kleidung zwecks Trocknung im Freien, drapiert auf langen Leinen, der Sonne und frischer Luft auszusetzen. Doch auch die längste Leine hatte ein Ende. Und so wurde der Zentimeter zu einem raren und bisweilen umkämpften Gut. Insbesondere, da sich Haushalte aus zwei Mietshäusern den Platz teilen mussten.

Frau Bieber neigte jedoch nicht nur zum Fensterausguck, sondern auch dazu, mit unlauteren Mitteln ihren Leinenplatz zu erweitern, indem sie die noch recht klammen Textilien ihrer Nachbarn eigenmächtig abhängte. P. duldete dieses Verhalten gemeinhin nicht. Als er Frau Bieber wieder einmal beim Abhängen fremder Wäsche erwischte, trug er die Alte einfach vom Wäscheplatz zurück in ihre Wohnung. So machte man das damals. Heute gibt es elektrische Wäschetrockner.

 

Ausgesetzt

Frei erfundene Geschichten zu zufällig gefundenen Fotografien sind ja auch so ein literarischer Gemeinplatz. Unzählige Schriftsteller haben sich daran versucht, aber niemand will das lesen.

Und doch juckt es in meinen Fingern, als ich die Fotografie von dem alten Paar und ihrem Hund entdecke. Leicht gebückt stehen sie nah beieinander, sie (mit Faltenrock) legt ihm (im Altemännerpullover) den Arm sanft um die Schulter, zu ihren Füßen ein treudoof blickender Golden Retriever. Alle lächeln, das Paar weil es fotografiert wird, der Golden Retriever, weil es sein natürlicher Gesichtsausdruck ist. Im Garten wächst gemeiner Rhabarber und stehen mehrere aus Holz geschnitzte Skulpturen.

Was mag ihre Geschichte wohl sein? Und vor allem – das Traurige daran ist die Metaebene – warum steht dieses gerahmte Bild so verloren in einem Hauseingang auf St. Pauli?

Ich weiß es nicht. Und werde es wohl auch nie erfahren.