Willy Brandt steuert den Schlitten

Marlis Vater war Willy Brandt und er steuerte den Schlitten. Natürlich, wie es sich für Willy Brandt gehört, nicht irgendeinen, sondern einen ganz besonderen. Der Schlitten bestand aus einem Ohrensessel, unter dem als Kufen Skier montiert waren. Dieser wurde von einem Pferd gezogen. Kein elegantes Dressurpferd, sondern wie es sich für einen Arbeiterführer gehört, ein eher rustikales Brauereipferd. Hinter dem Schlittensessel, und das war das besonders Tolle, wurden die Rodelschlitten der Kinder aus der Nachbarschaft mit dicken Seilen angebunden. Pferd, Ohrensessel mit Skiern, Rodelschlitten, Rodelschlitten, Rodelschlitten etc. So eine Fahrt war ein großer Spaß, damals, als Schnee im Winter noch etwas ganz Normales war.

Kurze Zeit später entdeckte ich zufällig Marlis Vater im Fernsehen. Es muss zu einer Zeit gewesen sein, als ihr Vater noch ein sehr aktiver Politiker gewesen war. Ich wunderte mich zwar, dass der Ohrensesselschlittenmann an prominenter Stelle über Dinge sprach, die ich nicht verstand, dachte aber fast 40 Jahre nicht mehr über diese Merkwürdigkeit nach.

Mit der allergrößten Wahrscheinlichkeit war Willy Brandt nicht der Vater von Marlis aus der Nachbarschaft. Aber er sah genau so aus. Und er hätte es sein können.

Reiterstaffel bleibt!

Hoch zu Pferde stärken Hamburger Polizisten das „subjektive Sicherheitsgefühl“ der Bürger. Doch während des Abzettelns von Falschparkern im Innenstadtbereich muss stets ein Reiter auf dem Rücken des Rössels bleiben, um auf das Nutztier des anderen Obacht zu geben: Soll es doch weder davonlaufen, von einem urbanen Pferderipper niedergestreckt werden oder sich seines Pferdemists auf offener Straßen entledigen. Letzteres hätte zur Folge, dass wiederum ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes, der ansonsten damit beschäftigt ist, Herrchen herumkotender Hunde mit Ordnungsgeldern zu beschweren, die berittenen Kollegen und Helfer mit einem Knöllchen auszustatten. Nicht auszudenken, was dieser Ordnungsgeldkreislauf für die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung der Reiterstaffel zur Folge hätte. Ein Gutachten der Innenbehörde hat ergeben, dass der Nutzen der behottehüten Schutzmänner die Kosten von rd. 500.000 Euro pro Jahr überwiegt. Obwohl Pferde im urbanen Raum laut Aussagen von Tierschützern eher untauglich sind, weil sie bei Großdemonstrationen viel lieber fröhlich wie auf einer Wiese durch die Menschenmenge davongaloppierten oder das weit verbreitete Kopfsteinpflaster scheuen, will die Freie und Hansestadt Hamburg die Reiterstaffel weiter ausbauen. Ich bin froh, in einer Stadt leben zu dürfen, in der die innere Sicherheit auch auf dem Rücken der Pferde verteidigt wird.

Wendy-Boy

Alles Glück der Erde
liegt auf dem Rücken der Pferde.
(aus einem Poesiealbum)

Wenn es zwei Dinge gab, die ich in meinem Leben als Grundschüler nicht sonderlich geschätzt habe, so waren es Poesiealben und die Freizeitgestaltung meines damals besten Freundes Lars (*).

Ständig überreichten einem doofe Mädchen – andere gab es damals noch nicht – ihre rosafarbenen Büchlein, in denen man sich als Zeichen der eigentlich gar nicht vorhandenen Freundschaft auf der jeweils rechten Seite mit einem Sinnspruch verewigen sollte. Die jeweils linke Seite ließ Raum für gestalterische Freiheiten in Form von Glanz- und Glitzerbildchen, Scherenschnitten oder ganz banalen Stickern, die es mit Bedacht einzukleben galt, ohne die Seiten mit Klebstoff zu verschandeln. Wer über ausreichend Begabung verfügte, konnte auch seine Buntstifte zum Einsatz bringen. Mir war das alles eine Qual. Oft schleppte ich das Büchlein wochenlang in meinem Schulranzen herum, bevor ich mich dazu durchringen konnte, ein paar Linien mit dem Bleistift zu ziehen und in schönster Handschrift einen Spruch zu kopieren, den ich einige Seiten zuvor erspäht hatte. Den besonders doofen Mädchen gab ich schließlich, nachdem die Rückgabe mehrfach angemahnt wurde, das Album einfach unbearbeitet zurück.