Spring Beer Day im Alten Mädchen

Hopper Bräu aus Hamburg bringt mit dem ‚Tutti Frutti‘ ein Saison mit Gurken. Formidabel.

500 Jahre Reinheitsgebot sind genug. Man glaubt ja gar nicht, was man so alles verpasst, wenn man vor dem heimischen TV-Gerät sitzt und dabei kästenweise Regenwälder rettet. All das in dem guten Glauben, deutsches Bier sei das beste auf der Welt. Während es hierzulande strengstens verboten ist, den Sud mit einer Kirsche zu beleben, erlaubt die gestrenge Biergesetzgebung chemische Zusatzstoffe wie PPVP, die das Bier haltbar und klarer machen. Auf dass ein leuchtend-goldenes Bier, nachdem es ein halbes Jahr lang im Kiosk in der Sonne stand, noch genau so fad schmeckt wie am ersten Tag. Das naturbelassene Gebräu mit der Kirsche muss leider alkoholhaltiges Malzgetränk heißen, denn Bier darf sich nur nennen, was Hopfen, Malz und Wasser enthält – neben zahlreichen erlaubten künstlichen Zusatzstoffen. Prost! Trotzdem träumen industriell geprägte Großbrauer noch immer von ihrer Heiligsprechung, während im Nachbarland Belgien die Bierkultur jüngst von der UNESCO zum Weltkulturerbe erhoben wurde – und das trotz Kirschen im Bier.

Lieblingsbesucher, ratlos guckend ob des Reinheitsgebotes

Aber alles halb so wild, wir haben ja jetzt Craft Beer. Die Bewegung kommt aus den USA, wo der Leidensdruck noch viel höher war. Dort haben ein paar Leute irgendwann angefangen, nach alten Rezepten zu Hause Bier zu brauchen. Und irgendwann wurde alles größer und die ersten professionellen Craft-Beer-Brauereien entstanden. Wer das jetzt alles für Hipsterquatsch für vollbarttragende tätowierte Männer in karierten Holzfällerhemden halten mag, der kann das gern tun. Oder aber einen Blick nach Franken werfen, wo man vielerorts den ganzen Industriequatsch einfach übersprungen hat, und noch immer in handwerklichen Verfahren und mit guten Zutaten hervorragendes Bier braut.  Craft Beer at its best – nur eben ohne das ganze Marketingtamtam.

Spring Beer Day im Alten Mädchen

Mittlerweile ist Craft Beer auch in Deutschland angekommen. Und zwar so mainstreamig, dass auch der letzte TV-Bier-Trinker im Supermarkt mit voller Wucht darauf gestoßen wird. Die ihm vertrauten Fernsehbiermarken haben nämlich alle längst ein für den gewöhnlichen Pilstrinker exotisches Pale Ale im Regal. Oder was sie dafür halten.

Dass die Vielfalt weitaus größer ist, hat der gestrige Spring Beer Day im Hamburger Braugasthof Altes Mädchen einmal wieder wunderbar gezeigt. Denn viele zu unrecht in Vergessenheit geratene Bierstile wie die sommerliche Berliner Weiße (natürlich die echte, mit Brettanomyces) sind mit der Craft-Beer-Bewegung wieder zurück in die Fässer und Gläser gekommen. Insgesamt präsentierten 20 Brauereien aus Deutschland und Dänemark mehr als 90 verschiedene Biere.

Besonders erfreut natürlich, dass die vertretenen lokalen Mikrobrauereien mit exzellenten Erzeugnissen aufwarten konnten. Zu meinen Favoriten zählten die Kreativbrauerei Kehrwieder (Trinkempfehlung: SHIPA Hüll Melon und Jrön), Balduin (Imperial IPA und Galaxy Ale), Circle 8 (Wit), Wildwuchs (Bock O’Range) und Hopper Bräu (Tutti Frutti – Saison mit Gurke). Hamburg kann halt mehr als Astra und Holsten.

Wer den Spring Beer Day verpasst hat, muss sich nicht grämen. Das nächste bestimmt noch superere Bier-Ereignis in Hamburg steht bereits vor der Tür. Vom 16.-18. Juni findet wieder der Craft Market in der Rindermarkthalle statt. Hier gaben sich im vergangenen Jahr einige der besten Brauereien Europas – darunter unter anderem To Øl, Pöhjalla, Lervig, Oedipus und Beavertown – die Ehre. Wer gutes Bier mag, darf sich jetzt schon freuen. Auf die Vielfalt! Prost! 🍻

Das Alpaka kommt nicht

Mehr als eine halbe Stunde warte ich geduldig am Zaum vor dem Gehege im Bremer Bürgerpark auf das Neuweltkamel. Aber es interessiert sich nicht für mich. Warum sollte es auch? Viel lieber sitzt der freundliche Rasenmäher der Sonne zugewandt einfach nur da. Lediglich kurze Phasen der Nahrungsaufnahme vermögen die meditative Entspannung gelegentlich zu unterbrechen. „Guck mal, ein Lama!“, so nicht wenige der Eltern zu ihren Kindern. Da würde ich auch nicht kommen, wenn ich ein Alpaka wäre.

Die Innere Haut – Kunst und Scham

Clemens Krauss, Sebstportrait als Kind, 2017

Virgile Novarina, „En somme“ Nr. 44, 2017

Sarah Lucas, The Great Flood, 1996
Berlinde de Bruyckere, C. Reybrouck, 1999
Museum Marta Herford, Frank Gehry, 2005

Herford, der Name ist gemeinhin allenfalls dem geneigten Pilstrinker ein Begriff. Dabei beheimatet die ostwestfälische Kleinstadt ein Museum für zeitgenössische Kunst, das sehr viel besser ist als das von hier stammende Gebräu. Marta Herford ist der Name und als ich ihn zum ersten Mal hörte, bildete ich mir für einen kurzen Moment ein, dass es sich hierbei um eine schon in die Jahre gekommene Braumeisterin aus der Radewiger Feldmark handeln könnte. Aber weit gefehlt. Das Akronym steht für m für Museum, art = Kunst und a für Ambiente bzw. Architektur. Okay.

Mit all diesem Vorgeplänkel sollte man sich allerdings nicht weiter aufhalten, wenn man überlegt, ob es sich lohnt, einen Ausflug hierhin zu unternehmen, denn allein das von Frank Gehry entworfene Gebäude ist einen Besuch wert. Innen gibt es Kunst, derzeit läuf die Ausstellung „Die Innere Haut – Kunst und Scham“ mit Werken u. a. von John Bock, Louise Bourgeois, Rineke Dijkstra, Albrecht Dürer, Bruce Gilden, Nan Goldin, Juergen Teller und Erwin Wurm. Die Gruppenausstellung versammelt über 100 Werke von mehr als 50 Künstlern rund um Scham und Schamlosigkeit.

Das Gefühl der Scham kennt ja jeder, der nicht Donald Trump ist. Der Autor spürt es besonders dann, wenn er über Dinge schreibt, von denen er gar keinen Schimmer hat. Zum Beispiel Kunst. Deswegen erspare ich dem Leser hier weitere Ausführungen. Fahren Sie einfach nach Herford und schauen Sie sich die Ausstellung am besten selbst an. Sie ist noch bis zum 4. Juni 2017 zu sehen.

Café unter den Linden und Wilde Maus

Kakao mit Rum
Warum heißer Kakao und Rum neuerdings separat serviert werden, ist dem Autor ein Rätsel

Wer heute das erste Mal einen Fuß in die Freie und Hansestadt Hamburg setzt, der fühlt sich gleich bestätigt: Es regnet in Strömen. Und weil man bei diesem Wetter gar nicht anders kann, als einen heißen Kakao mit Rum zu bestellen, bestelle ich einen heißen Kakao mit Rum. Seit nun 24 Jahren gehe ich ins Café unter den Linden und zum ersten Mal werde ich von einer Bedienung gesiezt. Zwar bin ich älter geworden, aber noch nicht senil. Soweit ich mich erinnern kann, wurde im Café unter den Linden überhaupt noch nie jemand gesiezt.

Der Niedergang des Cafés begann vor etwa zehn Jahren. Zuvor konnte man sich stets darauf verlassen, von der Bedienung zumindest nachlässig behandelt zu werden. Irgendwann wurde eine den Gästen freundlich zugewandte Balletttänzerin eingestellt. Ab diesem Zeitpunkt wurden meine Besuche seltener. Aber immerhin kam die Balletttänzerin nicht auf die Idee, mich oder irgendeinen anderen der Gäste zu siezen: Nicht den Schnauzbart, der auf dem Uni-Campus antiquarische Bücher verhökert; den Redseligen, der immer am Personaltisch sitzt, obwohl er dort nicht hingehört; den ehemaligen Terroristen, der heute ein mexikanisches Restaurant betreibt; den Heini, der immer die Süddeutsche Zeitung bunkert, während er die Konkret auswendig lernt, und auch keinen der vermutlich auch heute noch immer fast täglich einkehrenden Schachspieler. Bislang konnte man sich immer darauf verlassen, dass unter keinen Umständen gesiezt wird, denn warum sollte es?

Ein wenig aus der Fassung gebracht schlürfe ich an meinem heißen Kakao mit Rum, und um mich ein wenig vom Siezgate abzulenken, belausche ich das Gespräch am Nachbartisch, wie ich es früher immer gern zu tun pflegte. Nebenan sitzen zwei mittelalte weiße Frauen, vermutlich machen sie irgendwas mit Soziologie, aber auf jeden Fall scheint es bei dem, was sie umtreibt, um die Verfassung einer akademischen Abhandlung zu gehen. A schriebe so, als benötigte sie kein Lektorat, so ihr Verlag. B durchschaut naturgemäß sofort, dass sich der vermutlich finanziell nicht sonderlich gut aufgestellte Wissenschaftsverlag mit diesem Lob vor dem Aufwand der Qualitätssicherung des Textes zu drücken versucht.

Und so geht es eine Weile hin und her etc., während A irgendwann bekennt „Mir fehlt ein Masternarrativ: Ein sauberes soziales Problem“ und B sofort begeistert zustimmt „Ja ja, man will die Checker willkommen heißen.“ A sagt, sie sei immer zu verkopft, was ich nach etwa fünf Minuten des flüchtigen Zuhörens – mich beschäftigt gedanklich noch immer das Siezgate – durchaus bestätigen würde. „Ich habe sie immer flexible Mittelschicht genannt“, so A. Und B fragt: „Was ist denn die eine Sache, wenn Du verdichten willst?“ A: „Man weiß nicht so viel.“ B: „Wenn man es weiß, dann denkt man so und so.“

Mir wird das Gespräch zunehmend egaler, aber ich bin der Meinung, dass A für ihre Publikation ganz dringend einen Lektor benötigt, weil ihre Gedanken wirr und B ihr offenbar keine allzu gute Hilfe zu sein scheint. Außerdem bin ich kurz froh, irgendwas mit Werbung zu machen, und mir ist schon fast egal, ob ich gesiezt werde oder auch nicht. Gern würde ich jetzt einen zweiten heißen Kakao mit Rum bestellen, aber die Uhr verrät mir, dass es an der Zeit ist aufzubrechen, obwohl es draußen noch immer regnet und ich dem Gespräch am Nebentisch noch stundenlang hätte zuhören können, obschon es mich im Kern nicht sonderlich interessiert.

Niemand kann beim traurig gucken so lustig sein wie Josef Hader

Ich mache mich also auf den Weg ins nahegelegene Studio-Kino, wo Josef Hader persönlich seinen neuen Kinofilm Wilde Maus vorstellt. Er spricht bereits vor der Filmvorführung, weil er später noch in einem anderen Hamburger Kino dieselben Antworten auf dieselben Fragen geben wird wie hier, aber das ist egal. Wie immer sagt er allerlei lustige Dinge, was alle von ihm erwarten, und er enttäuscht die Erwartungen niemals. „Heute ist Weltfrauentag. Aber am Film kann man ja nun nichts mehr ändern“, so er auf die Frage zu seinem Regiedebüt, die eigentlich schon gar nicht mehr so wichtig ist. In seinem nächsten Film würde er gern das Arschloch spielen. „Arschloch und Regie, das ist eine gute Kombination.“ Der Film ist lustig und traurig und sehenswert. Gehen Sie doch mal wieder ins Kino. Man sollte sowieso viel häufiger ins Kino gehen.

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