Ein Tag im Leben

Dieser Tag konnte kein guter werden. Bereits die morgentliche Durchsicht des Pressespiegels bestätigte diesen Anfangsverdacht: Eine umstrittene Schweizer Sterbehilfeorganisation unterstützt Schwerkranke mit Hilfe des Luftballongases Helium beim Ausscheiden aus dem Leben. Abgesehen davon, dass der Freitod durch vermutlich qualvolles Ersticken herbeigeführt wird, konterkarieren mit Donald-Duck-Stimme gesprochene letzte Worte den durch diese Maßnahme eigentlich gewollten würdevollen Abgang, dachte ich.

Bei meinem späteren Cafébesuch musste ich feststellen, dass offensichtlich ein Chaosforscher vor mir die Tageszeitung gelesen und mit dieser umfangreiche Testreihen durchgeführt hat. Als es mir gelang, die Seiten des Druckerzeugnisses in eine akzeptable Reihenfolge zu bringen, war mein Kaffee bereits kalt.

Am Abend besuchte ich eine Lesung in einem fensterlosen Raum. Der erste kleine Glücksmoment des Tages trat ein, als der lautstarke monotone Klang der Lüftung unerwartet verstummte. Halb froh über das ausbleibende Hintergrundgeräusch, halb erneut an Dignitas denkend, lauschte ich den wunderbar-skurrilen Auszügen aus David Gieselmanns Poptickerlexikon.

Versöhnlich stimmten mich die frische Abendluft und ein Kuhbonbon in der Jackentasche.

Zu lang für Twitter (aber trotzdem belanglos)*

Ein großer, dicker Mann verharrt stundenlang regungslos auf einem Barhocker. Die von ihm ausgehende Lethargie ist so groß, daß man sich fragen könnte, ob er noch Gast oder schon Möbel ist. Massen sind träge, das wissen wir noch aus dem Physikunterricht. Doch plötzlich holt er gänzlich unvermittelt mit raubtierähnlicher Geschmeidigkeit  einige Münzen  aus seiner Hosentasche und verteilt diese blitzschnell auf dem Tresen. Mit viel zu hoher Stimme, die nicht so recht zu seiner  grobschlächtigen Erscheinung passen mag, presst er die Worte „So, aus die Maus.“ aus sich heraus. Während die Bedienung die auf der Theke befindliche Münzsammlung auf Vollständigkeit überprüft, verlässt der Mann wortlos die Schenke.

Als ich eine halbe Stunde später die Kneipe ebenfalls verlasse, steht der Mann mit der Eunuchenstimme noch immer vor der Tür. Obwohl es stürmt und regnet, parliert er gleichmütig, als habe ihm ein unverhofftes Hitzefrei eine Siesta beschert, mit einer ihm offensichtlich bekannten Frau. Im Vorbeigehen höre ich, daß der Mann sagt: „Mein Fahrrad steht vorm Büromarkt Hansen“, um sogleich ohne Aussprache einer geläufigen Grußformel von dannen zu ziehen. Die Frau steht noch einen Moment wie festgewurzelt da und wundert sich; ich hingegen wundere mich nicht mehr. Sollte Sven Regener ein merkwürdiges Abschiedslied schreiben wollen und ihm wider Erwarten kein Text einfallen, werde ich den Kauz mit der Fistelstimme als Texter empfehlen. Fürs Singen wäre dieser indes weniger geeignet.
—————————————————————–

* Twitter ist eine genauso zweckfreie wie anziehende Seite im
weltweiten Netz, auf der man seinen virtuellen Freunden in 140
Zeichen über den Stand der Dinge in Kenntnis setzen kann.