Viel Lärm um nichts – eine Hammer-Weihnachtsgeschichte

Es war noch früh am Morgen als der Lärm begann, etwa gefühlte sechs Uhr. Tatsächlich war es aber bereits halb neun, als es anfing, im Treppenhaus zu krachen, zu hämmern und zu bohren. Noch leicht umnachtet frug ich mich, ob ein in der Nachbarschaft wirkender Philosoph aus seinem Winterschlaf erwacht sei, um die neue Schule des aktiven Dekonstruktivismus am Beispiel einer Hauswand in die Praxis umzusetzen oder ob einfach nur ein Abbruchunternhemen versehentlich damit beauftragt wurde, unser schönes Haus abzureißen.

Beim Verlassen der Wohnung stelle ich jedoch fest, dass offenbar nichts dergleichen eingetreten ist. Die einzige Veränderung, die ich bemerken kann, ist, dass nun eine Pinnwand im Erdgeschoss des Treppenhauses angebracht wurde. Wie praktisch, denke ich, eine Pinnwand; während gleichzeitig in mir die Frage keimt, welchem Zweck dieselbige wohl dienen mag. Seit nun über sieben Jahren wohne ich in diesem Haus, und noch nie hatten wir so eine Pinnwand. Mir hat eine solche auch nie gefehlt, aber nun hängt sie da, als sei es nie anders gewesen, und ich weiß nicht, warum.

Wird dort demnächst vielleicht die Hausordnung, von deren Existenz ich über sieben Jahre nichts geahnt habe, gut sichtbar für alle potenziellen Störenfriede im Hause ausgehängt? Oder noch schlimmer, vielleicht ein Putzplan für das Treppenhaus? Bislang herrschte stillschweigend Einigkeit darüber, dass uns aus Bequemlichkeitsgründen eine Reinigungsfirma zu Diensten ist. Vielleicht aber wurde auf der letzten Eigentümerversammlung beschlossen, dass künftig selbst geputzt wird? Schließlich wird alles teurer, der Strom, die Heizung, die Müllabfuhr; da muss man sparen, wo man kann. Ich weiß es nicht, denn als Bewohner zweiter Klasse werde ich zu diesen Zusammenkünften nicht geladen, schließlich bin ich nur Mieter und als solcher könnte ich doch auch gut hin und wieder das Treppenhaus reinigen. Zumindest alle zwei Wochen mal, das ist doch nicht zu viel verlangt und dafür kann man sich doch auch nicht zu schade sein, oder? Hoffentlich haben die Geizkragen nicht auch noch den Gärtner gefeuert und fordern demnächst via Pinnwandeinbestellung zur Gemeinschaftsarbeit in der Grünanlage auf, denke ich. Und bei Schnee? Was ist eigentlich bei Schnee? Bekommen wir nun einen Schneeräumplan für unsere Pinnwand, oder wird wenigstens der Schnee noch von einem qualifizierten Schneeräumdienstleister entfernt? Nun gut, dies ist meine kleinste Sorge, denn besonders viel Schnee fiel in den vergangenen Jahren nicht, und wenn, dann war er meist so schnell wieder verschwunden, dass man nicht wusste, ob er geschmolzen ist oder professionell geräumt ward. Aber der Fensterputzer. Unser freundlicher Fensterputzer fürs Treppenhaus, der soll nun auch nicht mehr kommen, nur weil wir plötzlich eine Pinnwand haben, auf der künfig eine mieterbasierte rollierende Treppenhausfensterputzplanung der betreffenden Bewohnergruppe kenntlich gemacht wird?

Jedesmal, wenn ich an dieser Pinnwand vorbeikomme, sehe ich mich das Treppenhaus putzen, den Rasen mähen oder Schnee schieben. Der Wohnwert sank gegen Null, seitdem ich mir ausmale, wie eine große Koalition aus Eigentümergemeinschaft und Hausverwaltung mir mein Mieterleben zur Wohnhölle macht. Viele Magengeschwüre später hängt endlich der erste Zettel an der Pinnwand. Statt einer auf diesem Wege kenntlich gemachten Hausordnung, verordneten Arbeitsdienste oder angekündigten Mieterhöhungen wünscht die Hausverwaltung allen Bewohnern des ehrenwerten Hauses ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes Jahr 2008. Dafür wäre der Lärm im Treppenhaus nun wirklich nicht nötig gewesen.

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Ergänzende Anmerkung des Verfassers: In Wirklichkeit ist die real existierende Pinnwand noch immer jungfräulich, aber so ein watzlawicksches Hammer-Happy-End macht sich – gerade in der Weihnachtszeit – besonders gut.

Ich nutze daher diese Gelegenheit und wünsche meinen Lesern auf diesem Wege ein frohes Weihnachtsfest, alles Gute für das Jahr 2008 und eine friedliche Hausverwaltung …

9 Gedanken zu „Viel Lärm um nichts – eine Hammer-Weihnachtsgeschichte“

  1. Ich wünsche ein ebenso frohes Weihnachtsfest und bitte mir zu verzeihen, wenn ich herumkrittle, aber beim Lesen des Textes hat sich mir immer mehr aufgedrängt, dass man Pinnwand doch mit zwei n schreiben müsse…

  2. @Sprachspielerin: Ich fand’s mit einem „n“ aber schöner. Auch meine Schlussredaktion hatte nichts dagegen – und selbst im Uni Leipzig Wortschatz war diese Schreibweise zu finden. Ich habe aber keine Kosten und Mühen gescheut, noch einmal persönlich im Duden nachzuschlagen, und daraufhin die Schreibung, wie von Ihnen angeregt, zu berichtigen. Ich danke für den freundlichen Hinweis und hoffe, dass Sie mir trotz Rechtschreibmängel gewogen bleiben.

  3. Natürlich bleibe ich gewogen, ich habe mich ja quasi schon entschuldigt für die Korrektur, aber mir ging’s beim Lesen eben so, dass ich ‚Pinwand‘ einfach unästhetisch fand, aber da sind die Geschmäcker wohl verschieden…

  4. Wie immer man das Ding schreibt, ich wünsche wundervolle und frohmachende Weihnachten – auf daß die Pin(n)wand Dir demnächst kundtue, ein monatlicher Cafébesuch auf Kosten der Hausverwaltung sei allen Mietern angeboten, man wolle darüber sprechen, wie weit man die Mieten senken könne, und die Anlage eines nahen Erholungsparks für alle Mieter (auf Kosten des Eigentümers sei für den März beschlossen worden.

  5. Jetzt komme ich noch einmal „persönlich“ vorbei, um Dir auch hier schöne Weihnachten und ein tolles 2008 zu wünschen! Viele Grüße in den vermissten Norden!

  6. Ab an die PIN-Wand mit ihnen, Herr Bosch.
    Das wäre doch fein, ihre Blogartikel dort ausgedruckt hinzuhängen. Analoge Heimat sozusagen.

    Guten Rutsch soweit in den Nachbarbezork :)

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