Tagebuch eines EM-Verweigerers Teil 5: Schostakowitsch und Schluss

Eigentlich ist dies ein Beitrag für die Rubrik Leserbriefe. Da ich aber langsam beginne, mich an diese kleine Fußballserie zu gewöhnen, erscheint dieser zum Ausklang der glücklicherweise heute endenden Europameisterschaft in dieser Reihe. Das Beste am Fußball ist, dass es – wenn man von Nachspielzeiten einmal absieht – keine Zugaben gibt.

Kürzlich frug mich eine unbekannte Kommentatorin, wie mein Verhältnis zu Dimitri Schostakowitsch (1906-1975) sei. Der russische Komponist war nämlich, wie die Archive der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) und der Süddeutschen Zeitung belegen, ein großer Fußballfan. Die NZZ schreibt dazu in ihrer Ausgabe vom 23. September 2006:

Zwischen intellektueller Überlastung und den ständigen politischen Zwängen fand Schostakowitsch kaum Möglichkeiten der seelischen Entspannung. Ohne Fussball hätte er dieses Leben nicht ausgehalten, meinte seine Biografin Sofia Hentowa.

Die unbekannte Leserbriefschreiberin schreibt weiter, dass sie derzeit fasziniert von Schostakowitschs 11. Sinfonie sei, und fragt nach einem möglichen Zusammenhang zwischen Rhythmik und Fußballtaktik. In Ermangelung einer vorliegenden Aufnahme dieses Werkes weiß leider auch ich darauf keine erschöpfende Antwort zu geben. Wohl aber befindet sich in meiner bescheidenen Musiksammlung eine Gesamtaufnahme Schostakowitschs Streichquartette – die noch immer zeitgemäße und erfrischende Aufnahme des Brodsky Quartets aus dem Jahre 1989. Keine Mühen habe ich gescheut und für meine Leserschaft diese Aufnahme – insbesondere vor dem Hintergrund meines neu erworbenen Wissens um die Fußballliebe des Komponisten – einmal angehört. Das Ergebnis wird Sie möglicherweise so sehr überraschen wie es auch mich überrascht: man kann nicht hören, dass Schostakowitsch ein Fußballnarr war.

Das ist gut, und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen ist es für einen Geistesmenschen unabdingbar, einen intellektuellen Ausgleich zu finden. Tage und Nächte sitzt der Komponist in seiner dunklen Kammer und komponiert Sinfonien, Konzerte, Suiten und Kammermusiken vor sich hin. Das ist anstrengend und irgendwie muss die ganze Anspannung, die sich dabei aufbaut, heraus aus dem komponierenden Komponisten. Da ist es immer noch besser, am Rande eines Fußballfeldes die aufgestauten Aggressionen abzubauen, indem man die eigene Mannschaft anfeuert und den Schiedsrichter beschimpft, als gelegentlich einen Amoklauf zu begehen oder sich die Venen mit Heroin vollzupumpen. Selbst in meinem Freundeskreis finden sich zahlreiche Menschen, die sich hin und wieder mit Begeisterung Fußballspiele anschauen. Auch wenn ich selbst eine Abneigung gegen diese Sportart hege, so bin ich tolerant genug, ihnen diese Vorliebe als Ventil für die Belastungen des Alltags zuzubilligen. Schließlich handelt es sich bei dieser Neigung lediglich um einen kleinen Aspekt ihrer Persönlichkeit. Dieser zeigt ganz wunderbar, dass niemand vollkommen ist – nicht einmal meine eignen Freunde. Zweitens ist es doch beruhigend zu erkennen, dass es zwischen einer einzelnen Charaktereigenschaft und dem Menschen als Ganzes keinen wirklichen Zusammenhang gibt. So kann man einerseits fußballverrückt und gleichzeitig ein talentierter Komponist sein, wie dies bei Schostakowitsch der Fall war. Auch gibt es bekannte Fälle von Fußballverrückten, die gleichzeitig ganz miserable Musiker sind, wie es die Band Sportfreunde Stiller mit ihrer Fußballhymne 54, 74, 90, 2010, aber auch viele andere zuvor eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben.

Mit der versöhnlichen Erkenntnis, dass auch Fußballfans gute Menschen sein können, will ich dieses kleine Tagebuch beschließen – morgen ist zum Glück alles vorbei.

9 Antworten

  • Ich frage mich, woran man die Fußballbegeisterung eines Komponisten festmachen will!

    Erfolgt die Analogie der 11. Symphonie dadurch, weil 11 Mann auf dem Fußballplatz stehen?

    Immerhin gibt es bei Youtube einige Ausschnitte aus der 11. Zum Beispiel vom 4. Satz.

  • Ich kenne auch viele Musiker (auch Klassik) die extreme Fussballfans sind. Aber ob sich solche eine Begeisterung wirklich in der Musik niederschlägt wage ich zu bezweifeln. Schostis 11. kenne ich nun nicht genau, kann also zu dem speziellen Fall nichts sagen.

  • verehrte Herren Kommentatoren, ich befürchte, ich muss mich nochmals zu Wort melden und ich bitte Sie, eventuelle spitze Bemerkungen meinerseits nicht übel zu nehmen. Ich tue mein Bestes, sie zu unterdrücken. Aber ich mag es nicht, missverstanden zu werden.
    Sie dürfen das nicht alles so wörtlich nehmen. Dass die Nummer einer aus persönlichen Gründen präferierten Sinfonie mit der Anzahl der Spieler auf dem Rasen übereinstimmt, ist purer Zufall (darauf bin ich selbst nicht mal gekommen). Ich will die Fußballbegeisterung Schostakowitschs nirgendwo festmachen und évidemment – natürlich – schlägt sich Schostakowitschs Ballliebe weder auf seine Werke im Allgemeinen noch auf rhythmische Details im Besonderen nieder. (*seufz*, muss man denn alles mit „;)“ kennzeichnen? (;)!!!) )
    Es war mehr, wie soll ich sagen, eine rhetorische Frage.

    Dass dies Herrn Bosch für den finalen Teil seiner Fußballserie als Inspiration gedient hat, ehrt mich sehr.
    Ich habe Herrn Bosch, seine Kultiviertheit kennend, auf diese, für mich bei erster Betrachtung sehr paradox wirkende aber interessante Tatsache hinweisen wollen.

    Lieber Herr Bosch, ich freue mich von Herzen, Sie versöhnt mit der Welt zu wissen.

  • klasse Tagebuch-Aktion. Habe es gerade im Schnelldurchgang durchgelesen und musste doch so einige male lachen. Besonders der Part mit dem Zeitungshändler hat mir gefallen.

    Da freut man sich doch auf die WM. Ich erwarte ein Tagebuch!

    Beste Grüße
    Olli

  • Ich hatte gar keine Zeit mich während der EM zu melden. Das Thema ist ja auch durch. Nur soviel: Ich bin sozusagen, part-time-Fußballseher. Aber komischerweise hatte ich auf das letzte Spiel gar keine Lust mehr, geschweige denn, es in einer Kneipe zu schauen. EM-Burn-Out? Egal, ich habe es natürlich doch gesehen, und jetzt hast du ja 2 Jahre Ruhe.

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