HfbK: Jahresausstellung 2016

Hochschule für bildende Künste, Jahresausstellung 2016. Menschen mit Kunsthochschulfrisuren, Kunsthochschulbrillen und Kunsthochschulschals sitzen gelangweilt in Räumen, in denen sich ihre jeweiligen Kunstwerke befinden, ihr Kettenrauchen mehr Pose als Performance. „Du bist ja auch noch immer da“, wird ein in die Jahre gekommener Professor von einem ebenfalls ergrauten Bekannten begrüßt. Ja ja, ein paar Jahre müsse er schon noch, und uff, Grundklassen im Malen und Zeichnen zu unterrichten sei auch nicht immer schön. Aber immerhin zeigten seine Studenten ihre Werke nicht öffentlich, denn „ausstellen, sollte man nur, wenn’s auch etwas Interessantes zu sehen gibt“, so er, seiner Emeritierung wohlwollend entgegensehend.

Am meisten nerven die istdaskunstoderkanndaswegfragenden Zahnarzt- und Rechtsanwaltseltern, die von ihren kunststudierenden Sprösslingen jedes Jahr aufs Neue durch den Rundgang geschleift werden; ihr Verständnis so klein wie ihr Interesse. Dennoch erscheint das Abseitige oft interessanter als die Hauptsache selbst: Auf den Gängen Bierflascheninstallationen, Schmierereien, Krams. Hier und dort ein verzweifelter schriftlicher Hinweis, dass gebrauchtes Geschirr kein Aschenbecher sei und zurück in die Mensa gehöre. Die Putzkräfte haben längst kapituliert, wohl auch aus Angst, versehentlich eine Bachelorarbeit zu zerstören. Danke für gar nichts, denn irgendwie ist es ja auch ganz charmant und aufgeräumt und sauber haben es die Zahnärzte und Rechtsanwälte ja schon zu Hause. Der Dilletantismus zeigt sich auf den Fluren schon in guten Ansätzen und irgendwann gesellt sich vielleicht auch noch die Genialität dazu. Und dann kommt alles ins Museum.

 

Von langen Sätzen und kurzen Gedanken

„Pro Satz nur einen Gedanken“, so die gestrenge Lektorin. Eigentlich einleuchtend, denn welcher Leser vermag schon superlangen Bandwurmsätzen inhaltlich noch Folge zu leisten, aber was ist eigentlich mit dem Klimawandel? Hört man doch zuletzt, dass am Nordpol die Temperaturen bis auf null Grad gestiegen sind. Das ist immerhin 30 Grad Celsius mehr als normal, was wiederum viel beunruhigender ist als unübersichtliche Satzkonstruktionen. Ein Satz, ein Gedanke, man müsse sich als Autor beschränken usw. Als Leser kann man das nur begrüßen. Andererseits wäre man angesichts des massenweise in die Welt herausgeblasenen Geschreibsels froh, wenn ein Satz, wie lang er auch sein möge, überhaupt einen Gedanken enthielte, und was hat damals wohl das Lektorat gedacht, als es zum ersten Mal auf das Werk Thomas Bernhards stieß?

Wir sind Büchner-Preis

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Was für eine Literaturwoche. Erst Bachmann-Preis für Gomringer. Nun Büchner-Preis für Goetz. Na endlich, will man rufen. Und wann kommt denn mal wieder was Neues?

Johann Holtrop ist in seinem tiefen Fall längst von der Gegenwart überholt. Das lebendige Managervorbild entzieht sich mit einem Sprung durchs offene Fenster dem Offenbarungseid; seine Armbanduhr wird zur Befriedigung der Gläubiger öffentlich versteigert. Die totale Demütigung, wie sie der Autor nicht böser hätte ersinnen können.

Und während der frisch gekürte Preisträger von Ulf Poschardt in der Welt mit einem Nachruf bereits lebendig begraben wird, erfreuen wir uns kurz an einem alten Interview mit dem ZEITmagazin aus dem Jahre 2010:

ZEITmagazin: Das andere, was einem auffällt: Man sieht auf Ihrer Stirn die Narbe Ihres Rasierklingenschnitts, vor fast 30 Jahren auf der Bühne in Klagenfurt. Diese Aktion prägt das Bild von Ihnen bis heute. Haben Sie das jemals bereut?

Rainald Goetz: Nein.

ZEITmagazin: Denken Sie manchmal daran?

Rainald Goetz: Ja.

ZEITmagazin: Und was geht Ihnen da durch den Kopf?

Rainald Goetz: Freude.

Wir freuen uns mit dem Autor. Ein bißchen ist es, als wären wir mal wieder Papst geworden. Oder zumindest unsere Frauennationalmannschaft.

Tage der deutschsprachigen Literatur 2015, Tag 2 vormittags

Goethe x Bachmann

Ingeborg sitzt auf ihrer Wolke und raucht eine Zigarette. Gestern hat sie den halben Tag geschlafen und den Rest des Tages mit Paul Whatsapp-Nachrichten geschrieben. Heute aber schaut sie im österreichischen Staatsfernsehen, wie in Berlin und nicht in Berlin lebende Schriftsteller um den nach ihr benannten Preis wettlesen. Nebenbei verfolgt sie die Tweets des den Publikumspreis stiftenden Kreditinstituts.

Manntexte, Rehtexte, Kirschkerntexte, Kirschkerntexte. Immer wieder Kirschkerntexte. Zwischen den Manifesten ausufernde Jury-Diskussionen über Interpunktion und filmische Autorenporträts mit japanischen Mönchsflöten im österreichischen Alpenidyll. Mehr Semikola wagen! Im nächsten Jahr, im nächsten Jahr. Vorfreude auf das jüngste Gericht. Ingeborg hofft, dass sich mal wieder wer gescheit die Stirn mit einer Rasierklinge aufritzt, doch nichts dergleichen geschieht. Aber vielleicht bekennt sich Ronja von Rönne heute Nachmittag zum Feminismus, zum Feminismus.

„Der Text ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil der Problems.“ Warum nicht einfach die Autorenbeiträge kürzer fassen und mehr Raum für die Juroren schaffen? Das wäre auch gut für die Einschaltquoten, denkt Ingeborg, während sie ein letztes Mal tief an ihrer Zigarette zieht und dabei ganz sanft einschläft.