Wir sind Büchner-Preis

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Was für eine Literaturwoche. Erst Bachmann-Preis für Gomringer. Nun Büchner-Preis für Goetz. Na endlich, will man rufen. Und wann kommt denn mal wieder was Neues?

Johann Holtrop ist in seinem tiefen Fall längst von der Gegenwart überholt. Das lebendige Managervorbild entzieht sich mit einem Sprung durchs offene Fenster dem Offenbarungseid; seine Armbanduhr wird zur Befriedigung der Gläubiger öffentlich versteigert. Die totale Demütigung, wie sie der Autor nicht böser hätte ersinnen können.

Und während der frisch gekürte Preisträger von Ulf Poschardt in der Welt mit einem Nachruf bereits lebendig begraben wird, erfreuen wir uns kurz an einem alten Interview mit dem ZEITmagazin aus dem Jahre 2010:

ZEITmagazin: Das andere, was einem auffällt: Man sieht auf Ihrer Stirn die Narbe Ihres Rasierklingenschnitts, vor fast 30 Jahren auf der Bühne in Klagenfurt. Diese Aktion prägt das Bild von Ihnen bis heute. Haben Sie das jemals bereut?

Rainald Goetz: Nein.

ZEITmagazin: Denken Sie manchmal daran?

Rainald Goetz: Ja.

ZEITmagazin: Und was geht Ihnen da durch den Kopf?

Rainald Goetz: Freude.

Wir freuen uns mit dem Autor. Ein bißchen ist es, als wären wir mal wieder Papst geworden. Oder zumindest unsere Frauennationalmannschaft.

Tage der deutschsprachigen Literatur 2015, Tag 2 vormittags

Goethe x Bachmann

Ingeborg sitzt auf ihrer Wolke und raucht eine Zigarette. Gestern hat sie den halben Tag geschlafen und den Rest des Tages mit Paul Whatsapp-Nachrichten geschrieben. Heute aber schaut sie im österreichischen Staatsfernsehen, wie in Berlin und nicht in Berlin lebende Schriftsteller um den nach ihr benannten Preis wettlesen. Nebenbei verfolgt sie die Tweets des den Publikumspreis stiftenden Kreditinstituts.

Manntexte, Rehtexte, Kirschkerntexte, Kirschkerntexte. Immer wieder Kirschkerntexte. Zwischen den Manifesten ausufernde Jury-Diskussionen über Interpunktion und filmische Autorenporträts mit japanischen Mönchsflöten im österreichischen Alpenidyll. Mehr Semikola wagen! Im nächsten Jahr, im nächsten Jahr. Vorfreude auf das jüngste Gericht. Ingeborg hofft, dass sich mal wieder wer gescheit die Stirn mit einer Rasierklinge aufritzt, doch nichts dergleichen geschieht. Aber vielleicht bekennt sich Ronja von Rönne heute Nachmittag zum Feminismus, zum Feminismus.

„Der Text ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil der Problems.“ Warum nicht einfach die Autorenbeiträge kürzer fassen und mehr Raum für die Juroren schaffen? Das wäre auch gut für die Einschaltquoten, denkt Ingeborg, während sie ein letztes Mal tief an ihrer Zigarette zieht und dabei ganz sanft einschläft.

Instagram-Nirvana – Zensur Nevermind

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Nirvana (dt. „Erlöschen“) bezeichnet ein buddhistisches Konzept, das den Austritt aus dem Leiden beschreibt. Verweht werden damit auch alle verbundenen falschen Vorstellungen des persönlichen Daseins.

Kommenden Donnerstag findet in Berlin die German Aeropress Championship statt. 32 Teilnehmer versuchen dabei mittels eines vom Frisbee-Hersteller Aerobie erfundenen Plastikkolbens ein möglichst schmackhaftes Kaffeegetränk zuzubereiten. Der Gewinner vertritt Deutschland im April bei der Weltmeisterschaft in der Grunge- und Kaffeehauptstadt in Seattle.

Im Vorfeld wurden die Wettbewerber gebeten, ein möglichst kreatives Aeropress-Foto von sich einzureichen, das der Veranstalter nutzt, um die Teilnehmer in sozialen Netzwerken vorzustellen. Mein Foto zeigt eine Adaption des bekannten Albumcovers Nevermind der Band Nirvana. Das Baby trägt darauf meinen bärtigen Männerkopf, statt auf eine Dollarnote schwimme ich auf eine Aeropress zu.

Bereits bei der Veröffentlichung der Platte gab es Diskussionen, ob der gut sichtbare Penis des Babys für Unmut in der Öffentlichkeit sorgen könne. Dennoch entschied sich die Plattenfirma für die nackte Wahrheit. Der Instagram-Community war meine kleine popkulturelle Referenz offenbar zu viel der Zumutung. Bereits nach wenigen Stunden wurde mein Foto vom Betreiber des sozialen Netzwerkes gelöscht. Ob es sich bei meinem Verstoß gegen die „Gemeinschaftsrichtlinien“ um eine Copyrightverletzung oder um eine Verletzung des strikten Nacktheitsverbotes handelte, blieb in der standardisierten Mitteilung, in der man mich zur Besserung aufforderte, offen.

„Instagram soll sicher sein und Spaß machen“, heißt es darin. Auf die Darstellung von Ikonen der Popkultur muss dabei jedoch leider verzichtet werden. Das klingt wie Hohn, wenn man bedenkt, dass Heckenschützen aus aller Welt auf der Plattform zu Tausenden stolz Fotos und Videos ihrer Tötungsmaschinerie präsentieren dürfen.

Nevermind. In diesen Momenten bin ich kurz froh, dass mein Foto aus dem Leiden der sozialen Netzwerke ausgetreten ist, um sein Nirvana in meinem eigenen Blog zu finden. Hier kann es ohne die Bigotterie eines amerikanischen Internetkonzerns eines Tages in Frieden erlöschen.

John Scofield: Someone To Watch Over Me

John Scofield konnte einem mit seinen sechs Seiten in den vergangen Jahrzehnten gewaltig auf die Nerven gehen. In der gemeinsamen Zeit mit Miles Davis klangen beide oft, als würden sie nach Öl bohren. Doch das ist vorbei.

Angekommen, ganz bei sich, wie er da steht, und die Gershwin-Ballade spielt. Alle Musiker mit geschlossenen Augen. Steve Swallows Bass wärmt die gesamte kommunale Stadthalle, Schlagwerker Bill Stewart kämpft mehr mit den Tränen als mit dem Rhythmus. Ein großer Jazz-Moment in Leverkusen im November 2010. Man muss es immer und immer wieder anschauen. Und vor allem hören.