#einheitsmomente: Wie Politiker für die Deutsche Bank werben

Ein wenig stutzte ich als ich diesen Sonntag die PDF-Ausgabe des Tagesspiegel durchblätterte. Auf der ersten Seite des Wirtschaftsteils befand sich eine kleine, als solche gekennzeichnete, Anzeige, in der die Deutsche Bank unter dem Hashtag #einheitsmomente zum 25. Jubiläum zur Abwechslung einmal etwas gute Stimmung verbreiten will. Das ist an sich nichts ehrenrühriges.

Was mich allerdings befremdet, ist die Tatsache, dass eine aktive Bundesministerin so offensichtlich für die Deutsche Bank wirbt: Ein gefühliges Zitat herausgegriffen aus einer knapp fünfminütigen Interviewveröffentlichung, ein Foto von Manuela Schwesig (SPD) und dann die nebeneinander stehenden Schriftzüge „Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“ – „Präsentiert von Deutsche Bank“.

Naturgemäß gehe ich davon aus, dass die Deutsche Bank keine finanziellen oder sonstigen Gegenleistungen getätigt hat. Unglaublich ist für mich allein die Tatsache, dass hier mit dem Amt der Bundesministerin nichts anderes als schnöde Imagewerbung für ein Kreditinstitut gemacht wird, das in den vergangenen Jahren keinen Skandal ausgelassen und maßgeblich zu zahlreichen Krisen, in denen wir uns heute befinden, beigetragen hat.

Nach langer Zeit des Haderns erweist sich Twitter nun einmal wieder als ein Instrument des direkten Drahtes zu den Spitzen der Politik. Nach nunmehr fast 100 Retweets und Likes, die sich somit meiner durchaus nicht unberechtigten Frage, ob man als Ministerin für die Deutsche Bank werben dürfe, erreichte mich die folgende Antwort:

Die Antwort von Manuela Schwesig lässt für mich jedenfalls folgende Schlüsse zu:

  1. Sie ist naiv und hat selbst gar nicht bemerkt, dass sie Teil einer Imagekampagne für die Deutsche Bank geworden ist. (Dann ist sie für ihr Amt nicht geeignet.)
  2. Sie ist nicht gut beraten worden. Ihr Stab hat die Falle nicht bemerkt. Ein vermeintlich harmloses Interview wurde ausgeschlachtet. (Dann vertraut sie den falschen Mitarbeitern.)
  3. Sie findet gar nichts Schlimmes dabei. (Dann sei auf die Möllemannsche Briefbogenaffäre verwiesen, bei der der einstige Bundeswirtschaftsminister für den Einkaufswagenchip eines Verwandten auf offiziellem Briefpapier des Ministeriums warb und daraufhin seinen Hut nehmen musste.)

In der Pressemitteilung der verantwortlichen Agentur mc-quadrat heißt es jedenfalls nicht ohne Stolz:

„Uns war es besonders wichtig, dass der Zuschauer beim Anschauen der Filme das Gefühl bekommt, die Geschichten persönlich erzählt zu bekommen. Der dokumentarische Wert stand für uns dabei im Vordergrund“, sagt Philipp Stelzner, Regisseur und Geschäftsführender Gesellschafter von mc-quadrat. Fokussiert auf die Geschichte wurde so eine Atmosphäre geschaffen, die den Zuschauer gespannt den Personen zuhören lässt und Gänsehaut erzeugt.

Gänsehaut erzeugt bei mir indes weniger die Tatsache, dass sich Manuela Schwesig zu Zeitpunkt der Wiedervereinigung, wie heute viele andere Sechzehnjährige auch, mit der Berufswahl schwergetan hat, sondern vielmehr, dass bei dieser Kampagne auch andere noch aktive Spitzenpolitiker wie Stanislaw Tillich (CDU, Ministerpräsident des Freistaates Sachsen), Aydan Özoğuz (SPD, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration) und Petra Pau (Die Linke, Vize-Präsidentin des Deutschen Bundestages) keine Bedenken damit haben, Kraft Einsatz ihres Amtes die Deutsche Bank zu unterstützen.

Wolfgang Thierse (SPD, ehemaliger Präsident des Deutschen Bundestages), Ulrich Wickert (Journalist) und Klaus-Dieter Lehmann (Präsident des Goethe-Instituts) und einige andere, vor allem Unternehmerpersönlichkeiten, spielen dabei in dieser Kampagne nur noch eine Nebenrolle.

Zweifelsohne ist der 25. Jahrestag der Wiedervereinigung Gedenken wert, der Schicksale und Leistungen in Ost und West. In dieser Imagekampagne wächst allerdings zusammen, was nicht zusammen gehört: Als Bundesminister lässt man sich nicht von der Deutschen Bank präsentieren.

 


Anmerkung: Der Autor war vor langer Zeit einmal bei der Deutschen Bank angestellt und ist heute als freier Kommunikationsberater tätig. (Die obigen Kampagne lehnt er trotzdem auf allen Ebenen ab.)

#einheitsmomente: Wie Politiker für die Deutsche Bank werben

Das Steuersystem ist kaputt

„Das Steuersystem ist nicht das, wofür ich es gehalten habe.“ Lange hielt Alice Schwarzer das Steuersystem für den Wegbereiter von Raffgier und Steuerbefreiung. Jetzt sieht sie, dass sie sich geirrt hat. In Wahrheit zerstöre es die Grundlagen ihres Schweizer Nummernkontos.

Deutschlands bekannteste Feminismus-Expertin Alice Schwarzer bekennt sich geirrt zu haben: „Das Steuersystem ist nicht das, wofür ich es gehalten habe“, schreibt Schwarzer in einem Beitrag für das Feuilleton der ‚Frankfurter Allgemeinen FDP-Mitgliederzeitung‘. Bislang habe sie geglaubt und verkündet, dass das Steuersystem das ideale Medium der Bereicherung, der Steuerfreiheit und der Emanzipation sei. Nach der Steueraffäre um Uli Hoeneß und den neuen Erkenntnissen über Lücken im Steuergeheimnis und dem CD-Ankaufwahn der Staaten kommt Schwarzer zu dem Schluss: „Das Steuersystem ist kaputt.“

Als Medium der totalen Einnahmenkontrolle untergrabe es die Grundlagen der freiheitlichen Wirtschaft, als Vehikel der Betriebsprüfungsspionage wirke es auch ökonomisch zerstörerisch. Der Skandal, schreibt Schwarzer, „betrifft auch jene, die glauben der Totalüberwachung zu entgehen, indem sie Selbstanzeigen nicht benutzten“. Schwarzer ist Gründerin und Herausgeberin der Frauenzeitschrift Emma, sie hat seit Jahren im Fernsehen, in der BILD und auch sonst überall die Moralkeule geschwungen.

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Das Steuersystem ist kaputt

Peer kann Papst – Warum Steinbrück der nächste Pontifex wird

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Heiliger Stuhl (Symbolfoto)

Der Papst-Rücktritt bewegt uns alle. Dabei ist er nur konsequent: in einer Demokratie wie dem Vatikan werden Ämter auf Zeit verliehen. Naturgemäß sind die Medien dieser Tage voller Spekulationen über die Gründe, insbesondere aber hinsichtlich möglicher Nachfolgekandidaten. Von der Wochenzeitung Die Zeit erreichte uns heute eine E-Mail mit dem Betreff „Blitzumfrage zum Papstrücktritt“, in der es heißt: „Sehr geehrter Leser, wie ist Ihre Meinung? […] Bedauern Sie den Rücktritt des Papstes? Ja/Nein. Als Dankeschön erhalten Sie 3 Wochen lang DIE ZEIT gratis frei Haus und sichern sich zusätzlich ein exklusives Dankeschön-Paket.“ Uns interessiert an dieser Stelle nicht das Bedauern, sondern vor allem, wie es nun weitergehen soll auf dem Stuhle Petri.

Dem Zeit-Herausgeber Helmut Schmidt, von dem der schöne Satz „Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen“, können wir zwei Prognosen an die auch schon etwas zittrige Hand geben, die so sicher sind wie das Amen in der Kirche. Erstens: Die Zeit-Auflage wird sich entgegen dem Print-Trend dank Mailing-Aktionen wie dieser weiter himmlischen Höhen nähern und die Verkaufszahlen des Wir-sind-Papst-Fachblattes Bild in naher Zukunft übertrumpfen.

Zweitens: Er kann es. Wer? Natürlich Peer. Auf dem Weg ins Kanzleramt hat er zwar gerade gewisse Orientierungsschwierigkeiten, aber wenn der anstrengende Wahlkampf erst überstanden ist, wird Peer Steinbrück hieraus als gestärkter Papst hervorgehen.

Er ist ein Mann klarer Worte, niemand kann mit einer solchen Selbstgewissheit die Welt erklären wie Steinbrück. Er nimmt kein Blatt vor den Mund; in Zeiten von Glaubenskrisen und drängenden Fragen nach Missbrauch, Zölibat, Frauenordniation vertritt er gemäßigt fortschrittliche Positionen. Auch der interreligiöse Dialog ist für den von der großen Koalition gestählten Steinbrück eine leicht zu überwindende Hürde. Dank der Mitglieder seines jetzigen Wahlkampf-Teams verfügt der kommende Mann auf dem Apostolischen Stuhl über exzellente Kontakte zu Laienorganisationen, die für ihn in Zukunft von allergrößtem Wert sein dürften

Peer Steinbrück wird ein weltoffener Papst sein, der sich auch vor neuen Medien nicht verschließt. Nachdem er sich lange weigerte, mit den Menschen über Social Media zu kommunizieren, hat er in den vergangenen Wochen beachtliche Schritte nach vorn gemacht. Großes Ansehen hat sich der Kandiat verschafft, als er mittels Hacker-Angriff das sogenannte PEERblog, ein von anonymen Opus-Dei-nahen Unternehmern finanziertes Unterstützungsmedium niederstreckte. Auch als Papst wird er von zahlreichen Interessensgruppen, wie Martin Lohmanns Bibel-TV („Die Sache mit der Selbstentscheidung der Frau ist ja vielschichtig.“) stark umworben sein. Hier heißt es, klare Kante zu zeigen und sich deutlich zu distanzieren. Peer Steinbrück wird sich nicht mit den falschen Papstflüsterern gemein machen. Dank erworbener Twitter-Skills wird er mit Leichtigkeit die frohe Kunde über seinen neuen Account @pontifex verkünden. Diese Fähigkeiten werden in der weltgrößten Glaubensgemeinschaft jetzt dringend gebraucht.

Der ehemalige Finanzminister kennt sich mit Geld aus. In kürzester Zeit wird er den Trend der rückläufigen Kirchensteuereinnahmen entgegenwirken; dank Honorareinnahmen für Predigten und Audienzen sowie Sponsorenschaften für Kirchen und Gottesdienste wird die Kasse des Vatikans bald saniert sein. Das sind gute Aussichten, von denen auch die Ungläubigen profitieren werden. Kopfschmerzen nach Gottesdienstbesuchen werden bald der Vergangenheit angehören, denn dank stabiler Haushaltslage, wird bald ausschließlich Messwein ausgeschenkt, der teurer als fünf Euro pro Flasche ist. Selbstverständlich werden unter Steinbrücks Pontifikat auch die Transparenzprobleme der Vatikanbank bald der Vergangenheit angehören.

Natürlich gibt es auch Unwägbarkeiten, die gegen Peer Steinbrück sprechen. Mit Dan Brown und Annette Schavan sind zwar in Vatikanverschwörungen und theologisch-moralischen Angelegenheiten ernstzunehmende Gegenkandidaten im Rennen, jedoch werden ihnen nur noch Außenseiterchancen eingeräumt. Weiterhin hat der designierte Katholikenkandidat Steinbrück bislang noch keine Wahl gewinnen können. Dies lag jedoch peernahen Kreisen zufolge an seiner Unbeliebtheit bei Frauen. Die Wahrscheinlichkeit hieran beim nächsten Konklave zu scheitern, dürfte äußerst gering sein.

Das Wichtigste: Peer Steinbrück wird ein Papst des Volkes sein, einer der sich nicht hinter den Mauern des Vatikans und im dienstlichen Papamobil verschanzt, sondern einer, der auf die Menschen zugeht und das Gespräch mit ihnen sucht. So hat er angekündigt, auch als Pontifex maximus ausgewählte Gemeindemitglieder zu Hause auf einen Eierlikör zu besuchen. Wir freuen uns darauf, wenn es kurz vor Ostern heißt „Habemus Peer!“ – Peer kann Papst.

Peer kann Papst – Warum Steinbrück der nächste Pontifex wird

Lieblingsdiktator

Süddeutsche Zeitung, 8. Januar 2013
Süddeutsche Zeitung, 8. Januar 2013

Während hierzulande die Schlagzeilen von traurigen Trennungsgeschichten dominiert werden, herrscht in der „Demokratischen Volksrepublik Nordkorea“ der größtmögliche Endjubel. Der Spross der ostasiatischen Diktatorendynastie lässt anlässlich seines Ehrentages jedem Kind im Lande ein Kilo Süßigkeiten zukommen.

Doch gut gemeint ist nicht immer gut – hat der Jungdiktator doch bei seiner Großzügigkeit nicht berücksichtigt, dass sowohl die fünfjahresplanmäßig ausgesetzte Produktion von Zahnpasta alsbald zu einer unkontrollierbaren Kariesepedemie führen wird, als auch der für die Devisenbeschaffung bedeutende Export von Magermodels für die anstehende Modesaison ins Stocken geraten könnte.

Doch die Reiskammern des Landes sind leerer als die nordkoreanischen Wahlurnen. Dies vor Augen gibt unser neuer Lieblingsdiktator die Parole „Wenn sie keine Schokolade haben, sollen sie doch Atomsprengköpfe essen!“ aus und hofft klammheimlich auf eine positive Entwicklung des Marktes für Übergewichtige Models mit verfaulten Zähnen, um den Landeskindern auch im nächsten Jahr wieder Süßes geben zu können.

Lieblingsdiktator