Klaus Lemke: Rocker

“Du flachst mich nicht, Torte.”
– aus Rocker, 1972

Vor vielen Jahren ein bierseliger Abend mit Freunden. Uns kommt spontan die Idee, ins Kino zu gehen. Gezeigt wird Klaus Lemke – Rocker aus dem Jahre 1972. Ich hatte bislang noch nie von diesem gehört und während ich in der ersten Reihe ganz außen sitze, wundere mich über die vielen Menschen, die plötzlich diesen alten Schinken sehen wollen. Ja ja, Kulstatus sagt man immer so leicht dahin, aber dieser Film hat ihn wirklich – zumindest in Hamburg, wo sich alles abspielt. “Ja, gucken und gucken, da kommt ja nichts.“

Die Geheimdienste von Deutschland …

Rührei

Allein am leeren Frühstückstisch sitzen und an Mutter Beimer aus der Lindenstraße denken, die bei Sorgen stets Spiegeleier brät. Dann ein Rührei mit diesem und jenem zubereiten und, obwohl es schmackhaft ist, unmotiviert darin herumstochern und einen kurzen Moment an die denken, mit denen ich einst gemeinsam Rühreier zum Frühstück aß.

In der Tageszeitung etwas vom Bundestrojaner lesen und sich an den Verrückten erinnern, der vor etwa 15 Jahren selbst im tiefsten Winter nur leicht bekleidet durch Hamburgs Einkaufsstraßen zog, um die Menschheit mit sonorer Stimme vor den Machenschaften der Geheimdienste zu warnen. Jeden seiner Sätze begann er mit den Worten “Die Geheimdienste von Deutschland …” Kopfschüttelnd gingen die Passanten an ihm vorüber, manche lachten ihn aus. Irgendwann war er verschwunden, erst bemerkte man es nicht, er war einfach weg. Vielleicht hatte er doch recht und wusste zu viel und sie haben ihn geholt. Und wo sind überhaupt all die anderen geblieben, die wir für verrückt hielten?

Dann weiter im Rührei herumstochern und darauf hoffen, dass alles bald vorbeigeht.

Phänomenologie des Bananentresors

Viele Jahre später sollte Bruno feststellen, daß die Welt
der Kleinbürger, die Welt der Angestellten und mittleren
Beamten toleranter, liebenswürdiger und aufgeschlossener ist
als die Welt der Aussteiger, der am Rande der Gesellschaft lebenden
jungen Leute, die damals durch die Hippies verkörpert wurden.

(Michel Houellebecq, Elementarteilchen)

Dinge, die ich grundsätzlich ablehne: Reisen, Einkaufen und – mit Einschränkungen – Obst. Wo all dies zusammenkommt, ist ein Fachgeschäft für Außerhausüberlebensausrüstungen in Hamburg-Barmbek. In diesem kann ein jeder in Kältekammern die passende Bekleidung für seine Expedition in die Ostantarktis genauso testen wie die Wasserfestigkeit von Regenjacken für eine Städtereise nach London unter einem künstlichen Wasserfall.

Der bei weitem nützlichste Gegenstand, den ich in diesem Laden entdecken konnte, ist der Bananentresor. Einst hielt man die Bananenschale hinsichtlich ihrer Schutzfunktion für die weiche Frucht für eine geniale Einrichtung der Natur – ein Trugschluss. Denn welcher Reisende kennt das Problem nicht? Da reist man, bepackt mit seinem schweren Rucksack, durch den nahen Osten und würde gern eine Banane essen. Sobald der Appetit auf die fruchtige Köstlichkeit aufkommt, stellt man fest, dass diese regelmäßig von den sich im Gepäck befindlichen Reiseführern “mit den bewährten reisepraktischen Infos und in der gewohnt lockeren Art” zu Mus gemacht wird. (Heute erledigen das bücherersetzende elektronische Endgeräte.)

Das muss nicht so sein, denn heute gibt es Bananentresore. Ein praktischer gekrümmter Transportbehälter aus Kunststoff im fruchtigen gelb sorgt fortan für einen sicheren Transport der Musa. Das ist eine gute Sache, freut sich der Bananenfreund, und glaubt, dass damit all seine Probleme gelöst seien. Doch das ist weit gefehlt. Zwar hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die EU-Bananenverordnung den Krümmungsgrad von zu importierenden Bananen vorgebe, jedoch ist dies zum Leidwesen aller Banenentresorbesitzer nicht der Fall. Vielmehr ist lediglich eine Länge von mindestens 14 cm und eine Dicke von 27 mm vorgeschrieben.

Wie viele Mitfahrgelegenheiten, Züge und Flüge verpasst wurden, weil sich die Suche nach der in den Tresor passenden Banane weitaus schwieriger gestaltete als gedacht, ist bislang nicht bekannt. Der Verband bananentresorbesitzender Fruchtfreunde e.V. hat jedoch bereits eine Petition zur verbindlichen Reglementierung des Krümmungsgrades an die EU gerichtet.

Hamburg vs. Berlin: Herbertstraße

Herbertstraße, Hamburg-St. Pauli

Herbertstraße, Hamburg-St. Pauli: Sündige Meile, käufliche Liebe. Durchgang nur für volljährige Herren. Vollbusige Damen sitzen hinter Glasscheiben und bieten für ein paar Scheine ihre Körper an. Vorwiegend Touristen amüsieren sich hier, die meisten kommen aber nur zum Glotzen.

Herbertstraße, Berlin-Schöneberg

Herbertstraße, Berlin-Schöneberg: Eine verkehrsberuhigte Wohnstraße im Südwesten der Hauptstadt, ganz in der Nähe des mittlerweile geschlossenen Pudelsalons. Weit und breit keine Sünde zu sehen – nur ein Hörgeräteakustiker.

Herbertstraße Hamburg vs. Berlin: 6 : 3,5.

Richtige Hamburg-Berlin-Vergleiche gibt es auf pop64.de.

 

Hamburg vs. Berlin: Pudel Salon

Hamburg: Ein paar Schritte vom Fischmarkt entfernt befindet sich auf dem Dach des Golden Pudel Clubs, der Elbphilharmonie der Herzen, der Pudel Salon. Schlicht eingerichtet, aber mit einem hervorragenden Blick auf das Tor zur Welt. Im Winter trinkt man drinnen eine heiße Schokolade mit Rum, draußen bereits am Nachmittag kühles Bier und blickt den tutenden Schiffen hinterher. Toll.

Golden Pudel Club, Hamburg-St. Pauli

Berlin: Tief im Westen bringt eine ältere Dame mit goldberandeter Brille und Pelzmantel ihren Vierbeiner mit wolliger gerkäuselter Beeharung zum Hundefriseur. Kritisch beäugt sie das Stutzen der Wolle, dann zieht sie ihrem Pudel, der entweder Sultan oder Daphne heißt, ein rosa Mäntelchen mit strassbesetzten Steinchen über, um mit ihm an der kurzen Leine durch den Kleistpark zu stolzieren. Macht der Köter einen Haufen, schaut das Frauchen pikiert, entsorgt diesen aber vorschriftsgemäß mit spitzen Fingern in der eigens hierfür mitgebrachten Plastiktüte. Anders toll.

Pudel Salon, Berlin-Schöneberg

Pudel Salon Hamburg vs. Berlin: 97 : 3.

Mehr Hamburg-Berlin-Vergleiche gibt es auf pop64.de.

Cappuccino

“Das Schönste an München ist
der Rückflug nach Hamburg.”

(Helmut Schmidt)

Plötzlich sitzt man nicht mehr in seinem geliebten französischen Café in Hamburg-Winterhude, sondern steht in einer italienischen Bar in Berlin-Kreuzberg. Hier wie da blättere ich in der Zeitung und erfreue mich auf Seite drei an einer Reportage über den Hamburger Schriftsteller Uwe Timm, in dessen bekannter Novelle einst zufällig die Currywurst entdeckt wurde.

Der Schriftsteller berichtet von seiner Hassliebe zur Hansestadt, die mit ihrer bürgerlichen Großkotzigkeit immer mehr Metropole sein möchte, als sie tatsächlich ist, und seiner Zuneigung zu München, wo immerzu die Sonne scheint. Berlin hingegen ist einfach nur da – egal.

Ich schlürfe an meinem noch heißen Cappuccino, beiße in mein üppig mit Schinken und Käse belgtes Panino und lächle ein in mich gekehrtes Lächeln. Ich blicke aus dem Fenster, hänge ein wenig den Gedanken nach und zahle passend. Ciao. Tschüs.