Hafengeburtstag

Einfach mal was Verrücktes tun und sich aufmachen zum Hafen. Hunderttausende sind schließlich dafür extra angereist, denn es ist Hafengeburtstag. Dann aber statt an die Landungsbrücken einfach gegen den Strom nach Harburg fahren und dort, am Hafen, das Nichts genießen. Keine tutenden Kreuzfahrtschiffe, keine majestätisch gleitenden Viermaster, keine ungelenk herumbalettierenden Schlepper, keine Fischbrötchen und vor allem keine Menschen. Das ist schön.

Kreuzung

Einmal falsch abgebogen und schon ist alles vorbei. Jetzt nicht für den Lastwagenfahrer, wohl aber für den von ihm übersehenen älteren Herrn. Genau zwei Jahre ist der Unfall her. Noch immer kommt seine Witwe regelmäßig an die Unfallstelle und legt Blumen nieder und zündet eine Kerze an. Immer wieder erneuert sie auch den Zettel in der Klarsichtfolie. Er erinnert an den „lieben Ehemann, Vater, Opa und Schwiegervater“.

Täglich komme ich an der Todeskreuzung entlang. Wie schnell alles zu Ende sein kann: Schnell.

HfbK: Jahresausstellung 2016

Hochschule für bildende Künste, Jahresausstellung 2016. Menschen mit Kunsthochschulfrisuren, Kunsthochschulbrillen und Kunsthochschulschals sitzen gelangweilt in Räumen, in denen sich ihre jeweiligen Kunstwerke befinden, ihr Kettenrauchen mehr Pose als Performance. „Du bist ja auch noch immer da“, wird ein in die Jahre gekommener Professor von einem ebenfalls ergrauten Bekannten begrüßt. Ja ja, ein paar Jahre müsse er schon noch, und uff, Grundklassen im Malen und Zeichnen zu unterrichten sei auch nicht immer schön. Aber immerhin zeigten seine Studenten ihre Werke nicht öffentlich, denn „ausstellen, sollte man nur, wenn’s auch etwas Interessantes zu sehen gibt“, so er, seiner Emeritierung wohlwollend entgegensehend.

Am meisten nerven die istdaskunstoderkanndaswegfragenden Zahnarzt- und Rechtsanwaltseltern, die von ihren kunststudierenden Sprösslingen jedes Jahr aufs Neue durch den Rundgang geschleift werden; ihr Verständnis so klein wie ihr Interesse. Dennoch erscheint das Abseitige oft interessanter als die Hauptsache selbst: Auf den Gängen Bierflascheninstallationen, Schmierereien, Krams. Hier und dort ein verzweifelter schriftlicher Hinweis, dass gebrauchtes Geschirr kein Aschenbecher sei und zurück in die Mensa gehöre. Die Putzkräfte haben längst kapituliert, wohl auch aus Angst, versehentlich eine Bachelorarbeit zu zerstören. Danke für gar nichts, denn irgendwie ist es ja auch ganz charmant und aufgeräumt und sauber haben es die Zahnärzte und Rechtsanwälte ja schon zu Hause. Der Dilletantismus zeigt sich auf den Fluren schon in guten Ansätzen und irgendwann gesellt sich vielleicht auch noch die Genialität dazu. Und dann kommt alles ins Museum.

 

Hamburger Dom, Konträrfaszination

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Hamburger Dom, größtes Volksfest des Nordens, so die Veranstalter. Auf jeden Fall aber das häufigste: Frühling, Sommer und Winter. Gefühlt immer. Zuckerwatte, Riesenrad, Liebesapfel, Wilde Maus usw. Dazu aus Carmens Nebel ertönend in der Endlosschleife der Soundtrack des Ballermanns. Wer sind die Millionen, die hier für Sekunden ihr Glück zu finden versuchen?

Dennoch ein guter Ort. Jedenfalls morgens, bevor alles blinkt, wenn die jungen Männer zum Mitreisen noch schlafen. Alles so schön trist hier. Hamburger Dom, Konträrfaszination. Kann man hingehen, antizyklisch.