Warteschlangengeschichten Teil 6

flickr: Wochenmarktstand

In der Warteschlange vor dem mobilen Verkaufsstand einer Hamburger Biobäckerei geht es leider nur mühsam voran. Die Verkäuferin ist wie immer etwas zu übereifrig und noch lange, bevor ich die Gelgenheit habe, meine Müslistange und ein Dinkelbrötchen zu bestellen, weiß ich, welcher Dialog so genau Wort für Wort gleich nach dem freundlichen Begrüßungsprozedere folgen wird:

Ich: “Eine Müslistange und ein Dinkelbrötchen, bitte.”
Verkäuferin: “Und worauf haben Sie noch Appetit?”
Ich: “Da gäbe es sicher eine ganze Menge, aber ich bleibe bei meiner Bestellung.”

Passend reiche ich das abgezählte Münzgeld über den Bedienungstresen und dann stellt sie mit größtmöglicher Selbstverständlichkeit die nächste Frage, bei der mir jedesmal Nackenhaare wachsen, um sich sogleich senkrecht aufzustellen.

Verkäuferin: “Brot haben Sie noch zuhause?”

Von diesem Dialog gibt es keinerlei Abweichung. Wer dies nicht glauben kann, sollte einmal an einem Donnerstag auf dem Wochenmarkt am Hamburger Schulterblatt oder an einem Freitag in Ottensen versuchen, kein Brot zu erwerben. Ich kaufe gern ein und lasse mir auch gern etwas verkaufen, aber diese penetrante Art der Suggestivfragerei bringt mich auf die Palme.

—————————————————
Hier gibt es weitere Warteschlangengeschichten.

Warteschlangengeschichten Teil 5

Sie fahren eine Rolltreppe herunter und bleiben danach stehen. Sie verlassen einen Personenaufzug und bleiben danach stehen. Sie verlassen eine U-Bahn und bleiben danach stehen. Einfach so, kein Schritt mehr, als hätte sie der Blitz getroffen. Hinter ihnen bricht vollkommen unerwartet das Chaos aus.

So entstehen Warteschlangen aus dem Nichts. Was bringt diese Leute nur dazu, einfach stehenzubleiben?

————————————-

Mehr Warteschlangengeschichten: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4

Warteschlangengeschichten Teil 4

Ein älterer korpulenter Herr reiht sich in die Warteschlange vor dem Geldautomaten im marmorgeschmückten Foyer eines am Hamburger Jungfernstieg gelegenen Bankhauses ein. Er ist komplett schwarz gekleidet, trägt einen eleganten Hut italienischer Machart sowie auffällig große Kopfhörer und bewegt sich im Rhythmus der für sonst niemand hörbaren Musik.

Kurz bevor er an der Reihe ist, das Bargeld aus dem Automaten zu ziehen, sagt er:

“Ich bin erregt, an diesem Automaten gewinne ich immer.”

Dies erscheint mir einleuchtend. Der vermeintliche Glückpilz setzt vermutlich immer auf dieselben richtigen Zahlen.

Mehr Warteschlangengeschichten: Teil 1, Teil 2, Teil 3

Warteschlangengeschichten Teil 3

Grüner Jäger, Hamburg
Foto: Der Toco

Zwei junge Mädchen, die knapp die Volljährigkeit erreicht haben dürften, reihen sich in die Warteschlange vor einem Tanzschuppen ein. Als sie sehen, dass der Eintrittspreis wegen einer dort aufspielenden Liveband deutlich über dem üblichen Niveau liegt, sagt eine von ihnen:

“10,- Euro? Dafür bin ich zu geil.”

Ich, als zur Generation Ü-30 zählender Beobachter dieser Szene, stellte mir daraufhin die folgende Frage: Ist das Fräulein ob des Erblickens des Eintrittspreises plötzlich derartig stark sexuell stimuliert, dass sie dem Tanz in einem Musikclub eine andere körperliche Aktivität vorzieht, oder hat sich gar ein Werbeschlagwort eines großen Elektronikhändlers in der Jugendsprache so sehr manifestiert, dass Geilheit fortan als Synonym für Geiz gewertet werden darf?

Mehr Warteschlangengeschichten: Teil 1, Teil 2

Warteschlangengeschichten Teil 2

flickr: Beck's

Foto: royal618

Der Niedergang der Bierkultur begann nicht etwa mit dem Ausverkauf der altehrwürdigen hanseatischen Brauerei in Bremen an einen Belgischen Industriebierhersteller, sondern bereits mit der großflächigen Verbreitung von goldenem Bier in transparenten Flaschen. Immerhin waren es damals noch Glasflaschen, aber diese Tatsache ändert nichts zum Guten.

Dass das herbe Pils mit seinem aromatischen Hopfenanteil immer mehr zu einer exotischen Erscheinung in einer Welt voller alkoholhaltiger Spaßgetränke verkommt, wurde mir endgültig klar, als ich mir kürzlich im Kino die Wartezeit bis zum Beginn des halbwegs anspruchsvollen Streifens mit dem Erwerb eines geeigneten Kaltgetränkes verkürzen wollte und die junge Dame vor mir folgende Bestellung aufgab: Weiterlesen

Warteschlangengeschichten Teil 1

Eisliebe, Hamburg-Ottensen

Zwei Mütter mit quengelndem Nachwuchs stehen in der nahezu kilometerlangen Warteschlange eines beliebten Ottensener Speiseeisherstellers. Sagt die eine mit enttäuschtem Unterton: “Neulich waren wir beim Eisdealer in der Schanze. Da gab es nicht mal eine Warteschlange vor dem Laden.”

So sehen also die Leute aus, für die ein Urlaub ohne Stau auf der Autobahn kein richtiger Urlaub ist.