Soundtrack meines Lebens: Bright Size Life

Ich bin 14 Jahre alt und leihe in der öffentlichen Bücherei meiner heimatlichen Kleinstadt „Bright Size Life“ aus. Dies ist meine erste bewusste Berührung mit dem Jazz. Ich bin beim Hören erstaunt, verwundert und befremdet — und bringe den Tonträger eine Woche später in die Bibliothek meines Vertrauens zurück. Jazz spielt danach für mich einige Jahre keine große Rolle mehr. Irgendwann entdecke ich das Frühwerk des Gitarristen Pat Metheny und seiner grandiosen Mitstreiter Jaco Pastorius (Bass) und Bob Moses (Schlagzeug) wieder und weiß es sofort zu schätzen.

Sechs Jahre später, 1996: Ich sitze mit H. im alten VW Passat Kombi ihrer Eltern und wir fahren durch die Großstadtnacht. Aus den Lautsprechern schallt Pat Metheny, als wir plötzlich eine Taube anfahren. H. hat ein großes Herz — für Tiere noch mehr als für mich. Deshalb suchen wir mit dem verletzten Vogel die Notaufnahme des Tierschutzvereins auf. Die Taube wird gerettet.

„Bright Size Life“ empfinde ich heute eher als melodiös und ruhig; dennoch ist die Platte weit entfernt davon, im Plattenladen unter „Fahrstuhljazz“ einsortiert zu werden. Immer wieder beeindruckt mich Jaco Pastorius fretless Bassspiel; so einfühlsam hat man ihn in seinen wilderen Punk-Jazz-Jahren nach dieser Aufnahme Ende 1975 nur noch selten gehört.

H. habe ich längst aus den Augen verloren — aber häufig, wenn ich Pat Metheny höre, erinnere ich mich an sie und denke an angefahrene Vögel Tauben auf dem Dach.

Hier anhören:

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Dies ist ein Beitrag aus meiner Serie “Der Soundtrack meines Lebens”. Weitere Beiträge dazu finden sich hier.

Kleiner Knigge für Offene-Kaffee-Klubs

Der Bildung von Netzwerken dienende Zusammentreffen von Menschen aus Branchen, die früher der sogenannten New Economy zugerechnet wurden, werden mir zunehmend ein Graus. Stellte man sich früher einander noch mit Namen vor, tauschte gar manchmal Visitenkarten aus, so reicht heute vielfach offenbar die Frage „Was machst du?“ als Gesprächseröffnung.

Bevorzugter Treffpunkt ist einmal monatlich die Filiale einer amerikanischen Kaffeekette. Noch bevor man früh am Morgen überhaupt mit jemandem ein Wort gewechselt hat, und bevor man seinen Kaffee in der Hand hält, tritt jemand an einen heran und fragt: „Was machst du?“

Fast könnte man meinen, die Mehrzahl der Anwesenden beschäftigte sich professionell mit Prozessoptimierung. Auch ich bin kein Freund des ausufernden Kleingesprächs, weiß aber ein „Hallo, ich bin der (und der) und mache das (und das). Was machst du denn so?“, durchaus zu schätzen. Diese scheinbar ausufernde Floskel verhindert nicht nur das Rotieren des Freiherrn Knigge in seiner Grabkammer, sondern bringt auch gleich etwas wohlige zwischenmenschliche Wärme in das gerade beginnende Gespräch. Selbst nach dieser Einleitung sollte es jedem möglich sein, zügig zu erkennen, ob das Gegenüber interessant ist, und bei Bedarf den Gesprächspartner — selbstredend mit Verabschiedung — zu wechseln. Alle werden einander so gut in Erinnerung behalten.

Wenn mich das nächste Mal jemand mit den Worten „Was machst Du?“ begrüßt werde, antworte ich einfach wieder: „Guten Tag, ich heiße @bosch [bitte an dieser Stelle Vor- und Zunamen einsetzen; Anm. d. Red.] und warte gerade auf meinen Kaffee.“

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