Kleiner Knigge für Offene-Kaffee-Klubs

Der Bildung von Netzwerken dienende Zusammentreffen von Menschen aus Branchen, die früher der sogenannten New Economy zugerechnet wurden, werden mir zunehmend ein Graus. Stellte man sich früher einander noch mit Namen vor, tauschte gar manchmal Visitenkarten aus, so reicht heute vielfach offenbar die Frage „Was machst du?“ als Gesprächseröffnung.

Bevorzugter Treffpunkt ist einmal monatlich die Filiale einer amerikanischen Kaffeekette. Noch bevor man früh am Morgen überhaupt mit jemandem ein Wort gewechselt hat, und bevor man seinen Kaffee in der Hand hält, tritt jemand an einen heran und fragt: „Was machst du?“

Fast könnte man meinen, die Mehrzahl der Anwesenden beschäftigte sich professionell mit Prozessoptimierung. Auch ich bin kein Freund des ausufernden Kleingesprächs, weiß aber ein „Hallo, ich bin der (und der) und mache das (und das). Was machst du denn so?“, durchaus zu schätzen. Diese scheinbar ausufernde Floskel verhindert nicht nur das Rotieren des Freiherrn Knigge in seiner Grabkammer, sondern bringt auch gleich etwas wohlige zwischenmenschliche Wärme in das gerade beginnende Gespräch. Selbst nach dieser Einleitung sollte es jedem möglich sein, zügig zu erkennen, ob das Gegenüber interessant ist, und bei Bedarf den Gesprächspartner — selbstredend mit Verabschiedung — zu wechseln. Alle werden einander so gut in Erinnerung behalten.

Wenn mich das nächste Mal jemand mit den Worten „Was machst Du?“ begrüßt werde, antworte ich einfach wieder: „Guten Tag, ich heiße @bosch [bitte an dieser Stelle Vor- und Zunamen einsetzen; Anm. d. Red.] und warte gerade auf meinen Kaffee.“

Viel braucht es nicht, um wichtig zu sein


Foto: ifranz.tv

In früheren Zeiten hat man seiner Bedeutsamkeit Ausdruck verliehen, indem man seinem Gegenüber eine Visitenkarte überreichte, auf der der eigene Name sowie die Anschrift verzeichnet waren, denn damals gab es weder E-Mail-Adressen noch Homepages. Hanseatische Kaufleute, die von morgens früh bis spät am Abend mit Ärmelschonern an ihren Stehpulten in hochherrschaftlichen Kontorhäusern standen, sorgfältig Buchhalternasen in ihre Handelsbücher zeichneten und redlichen Handel mit Kaffee, Kakao und Gewürzen aus fernen Ländern betrieben, überreichten ihren Geschäftspartnern zur Begrüßung eine solche bedruckte kleine Karte.

Diese wurden stets von einem Meister seines Handwerks in einer traditionellen Druckerey gefertigt. Bleisatz und handgeschöpftes Büttenpapier waren damals noch selbstverständlich, und wer eine solche Karte in Empfang nehmen durfte, war sich der Ehre bewusst, denn schließlich verteilte man diese kleinen Kunstwerke nicht wahllos an jedermann. Handel mit existierenden Waren, Papier und Kaufmannsehre enstammen alle aus einer lang vergangenen Zeit, die heute noch als Old Economy bekannt ist.

Heute hat man ein virtuelles Büro in einem Business Center oder bezeichnet seinen aufgeklappten tragbaren Computer und einen Tisch in einem Café mit W-LAN als sein Büro, wenn man nicht gerade mit seinem geleasten Cabriolet durch Schwabing düst und dabei lautstark, den Motorenlärm übertönend, in sein Taschentelefon brüllt, um gerade die neuesten Projekte anzuschieben. Sobald man einen Parkplatz gefunden hat, wendet man sich seinem Blackberry zu und versucht etwas Wärme in sein hektisches Leben zu bringen, indem man möglichst intensiv das Rädchen dieses Kommunikationswerkzeuges betätigt. Man macht etwas mit Internet oder mit Medien oder am besten gleich mit beidem und verfügt zu jeder Zeit und an jedem Ort der Welt über Business-Pläne, Best-Case-Szenarien, Exit-Strategien, Executive Summaries, SWOT-Analysen, Ruby on Rails, ein rosafarbenes Polohemd mit Kragen zum Hochklappen, ein schlecht sitzendes Jackett, jede Menge Haargel sowie eine Zehnerkarte für das Solarium. Was man darüber hinaus gern hätte, ist ein Gewinn nach Steuern in in siebenstelliger Höhe oder zumindest eine schwarze Null. Das Letzte, was man braucht, sind indes imponierende Visitenkarten.

Minderwertige Besuchskarten, wie sie der Druckautomat erstellt, der neben dem Paßbildautomat am Hauptbahnhof aufgestellt ist, berühren nicht nur den Empfänger, sondern mittlerweile sogar den aufstrebenden Jungunternehmer peinlich. Hochwertige Visitenkarten hingegen sind so teuer wie die Tagesmiete für das Büro: Der Preis eines einzelnen Exemplars entspricht ungefähr dem eines Halbfett-Latte-macchiatos mit Sojamilch und Karamellsirup to stay.

Vor diesem Hintergrund bedient sich der angehende Internetmillionär zunehmend eines Taschenspielertricks, auf den nicht einmal ein fusioniertes Gemeinschaftsunternehmen der Wirtschaftsgrößen Jürgen Schneider, Alexander Falk und Franjo Pooth gekommen wäre: man sammelt auf Konferenzen in einer Geschwindigkeit, als gälte es hierfür einen Eintrag in das Guinness-Buch der Rekorde zu erlangen, die Businesscards aller Teilnehmer ein, indem man versucht, ihnen möglichst glaubhaft zu versichern, selbst ein High-Potential mit unglaublich vielen extrem guten Kontakten zu den international bedeutendsten CEOs, CFOs und COOs zu haben. Diese guten Kontakte könne man selbstverständlich jederzeit weitervermitteln, da man selbst allerdings so extrem wichtig sei, habe man bereits in der letzten halben Stunde all seine zwanzig Visitenkarten, die man dabei gehabt habe, verteilt. Dies sei natürlich bedauerlich, aber da man ja nun im Besitz der jeweiligen Karte seines Gegenübers sei, könne man dieses ja auch gleich ganz bequem bei XING [Anm. d. Red.: bitte ggf. durch LinkedIn, Facebook oder StudiVZ ersetzen] kontaktieren und zu seinen anderen 1.273 XING-Kontakten, die man bereits auf diesem Wege erfolgreich generiert habe, hinzufügen. Auf dem Wege der Visitenkartenkostenvermeidung, für die man noch auf der Suche nach einem griffigen englischsprachigen Wort ist, um diese tragfähige Konzept auch angemessen an Investoren zu kommunizieren, aber auch als Konzept für andere Industriezweige zu vermarkten, hat das tolle neue Start-up nun schon die Büromiete der ersten drei Jahre komplett eingespart, was den Break-even in greifbare Nähe rücken lässt, solange die Rohstoffpreise für Kaffee stabil bleiben. Viel braucht es eben nicht, um wichtig zu sein – oder sich zumindest dafür zu halten. Dieses Prinzip ist besser bekannt als New Economy.