Nordic Walking

Ein Mann mit einem Nordic-Walking-Bekenner-T-Shirt der Größe XXL mit der Aufschrift „Ich glaub, ich geh‘ am Stock – Nordic Walking“ geht humpelnd, aber ohne Stock, die Straße entlang. Ein anderer Mann betrachtet ihn abschätzig. Der Humpelnde sagt: „Ich kann schlecht laufen, ich habe mir den Zeh gebrochen.“

Weckerqualen


Foto: Frengo

Ein gleichsam effektiver und heimtückischer Weg, unliebsame Nachbarn in den Wahnsinn zu treiben ist, seinen Wecker auf eine Uhrzeit zu stellen, zu der man selbst nicht daheim zu sein gedenkt. Der fortgeschrittene Nachbar verwendet in seiner ganzen Niedertracht hierfür freilich keinen mechanischen Aufziehwecker, den er zuvor auf einem Teller plaziert hat, sondern geht mit der Zeit und benutzt einen lautstarken Digitalwecker mit automatischer Weckwiederholung.

Sollte mein Nachbar allerdings in seiner Schikane so weit gegangen sein, dass er mich gerade nicht nur mit lautstarken akustischen Signalen quält, sondern zugleich auch noch in den Urlaub gefahren sein, so kann er gewiss sein, dass ich zwecks Abstellung der Schallbelästigung geeignete Maßnahmen zum Aufbruch der Wohnung ergreifen werde.

Ich indes bin meinen Mitmenschen wohlgesinnt und hoffe nicht, so weit gehen zu müssen. Daher wünsche ich selbst meinem maliziösen Nachbarn einen angenehmen Urlaub und türschlossschonende kurze Batterielaufzeiten (alternativ, falls der Nachbar lediglich einen tiefen Rausch ausschläft, und darob seinen Wecker überhört, wünsche ich ihm zumindest einen taglang einen angemessenen Kopfschmerz, der ihm eine Lehre sein möge).

Ohne Titel

Wie jeden Tag saß das Mädchen mit dem Akkordeon vor dem Supermarkt auf dem tristen Marktplatz und spielte traurige Weisen. Die meisten Menschen beachten sie gar nicht und ziehen teilnahmslos vorbei, wie auch ich das meistens tue. Nur heute, als ich an der Bushaltestelle wartete, schenkte ich ihr einen flüchtigen Blick und war dankbar, dass sie wenigstens nicht „Besame mucho“ spielte. Gleichzeitig bemerkte ich im Augenwinkel eine Frau, die Andrea G., einer Mitschülerin aus Grundschulzeiten, die mir vor etwa einem Vierteljahrhundert mit voller Wucht und Absicht, aber ohne Grund, gegen das Schienbein trat, zum Verwechseln ähnelte.

Ob des Anblicks setzte unerwartet eine Art Phantomschmerz in meinem Schienbein ein. Unberechtigt war dies, denn der Knochen meines Unterschenkels war sowohl noch vorhanden als auch vollkommen intakt. Dennoch betrat ich grundlos leicht humpelnd den Linienbus. Neben mir saß ein älteres Ehepaar, das mir jedoch noch etwas zu jung für die Worte, welche ich mitzuhören nicht beabsichtigt hatte, erschien. Etwas zu laut sagte die Frau: „Helmut, ich bin froh, dass du deinen Geist wiederhast und wieder mit mehr Mut in den Tag startest.“ Helmut indes blickte ins Leere und machte dazu einen wenig geistreichen Eindruck.

Mir blieb nichts weiter, als meinen Kopfhörer aufzusetzen und zur Zerstreuung Bachs Goldberg-Variationen einzuschalten.

Regula und Roderich streiten sich über den Namen der Elbphilharmonie

Regula und Roderich sind seit nun fast dreißig Jahren ein Herz und eine Seele. Sie teilen Tisch, Bett und Roderichs bescheidenes Einkommen aus seinem Minijob. Als sie sich gestern wieder einmal unerlaubterweise ihre Fahrkarte für den öffentlichen Personennahverkehr teilen wollten, trauten sie ihren Augen nicht: „Geben Sie der Elbphilharmonie Ihren Namen“ stand groß auf dem Plakat an der U-Bahn-Haltestelle geschrieben.

Als Kinder wurden sie noch für ihre merkwüridig anmutenden Vornamen von ihren Altersgenossen verspottet, das schweißte sie aber nur noch mehr zusammen. Nur jetzt, nach so vielen Jahren, drohte der erste große Zwist: sie konnten sich einfach nicht darauf einigen, wer von ihnen der Elbphilharmonie seinen Namen geben sollte.

Das Bauprojekt ist politisch gewollt, es ist ein „Leuchtturmprojekt für die Metropolregion Hamburg“, sagen die Politiker. Für Regula und Roderich war der geplante Konzertsaal bislang nichts weiter als ein bißchen Glas auf einer alten Lagerhalle, doch nun sollte alles anders werden.

Im Jahr 2011 oder 2012 soll die Konzerthalle fertiggestellt sein, doch wie soll sie heißen: Regula oder Roderich?

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