Myll, 24. August 2012: Fischli/Weiss

Peter Fischli & David Weiss: Findet mich das Glück?

0457. In einem Anfall von präseniler Bettflucht „Findet mich das Glück?“ von Fischli/Weiss gelesen. „Ist meine Dummheit ein warmer Mantel?“ Bekomme immer gute Laune, wenn ich das Buch zur Hand nehme; die perfekte Klolektüre. „Herrscht tiefer Friede in meiner Wohnung, wenn ich nicht da bin?“ Fragen über Fragen, eine amüsanter als die andere. „Wem nützt der Mond?“ Ich kann keine einzige beantworten. Plötzlich stocke ich: „Braucht es mich (noch)?“ – Die Antwort scheint ganz einfach zu sein, wenn man auf dem Klo sitzt.

1452. „Kennen Sie meine Tochter?“, so der freundliche ältere Herr im Café zu mir, nachdem er vermutet, dass ich mitgehört habe, wie er der Bedienung etwas wenig schmeichelhaftes über sie erzählte. „Nein“, so ich. „Na, dann ist ja gut.“ – Nach kurzem Nachdenken komme ich dararuf, dass ich seine Tochter doch kenne. (Er hatte naturgemäß mit allem, was er sagte, recht.)

Myll, 22. August 2012: Boutique Bizarre

2147. Besuch der Boutique Bizarre. Am Wochenende erhebt das Erotikfachgeschäft für Fetischbedarf von den Touristen ein Eintrittsgeld. Heute kommen wir kostenlos herein. Oben gibt es Sexpuppen und mundgeblasene Glasdildos, unten vornehmlich Saugglocken für Geschlechtsteile sowie Gynakologenstühle usw. Trotz des Erfolges der Sado-Maso-Schmonzette Fifty Shades of Grey muss ich feststellen, dass Latexkopfmasken mit eingebautem Einhorndildo noch immer keinen übermäßig reißenden Absatz finden. BDSM scheint bislang nur im Feuilleton angekommen zu sein.

2212. In der Meanie Bar gegenüber legt der Nachfolger Musik der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts auf. Wir sind einander nie begegnet, erkennen uns aber sofort. Nicken, gehen und vergessen.

2223. Burger. Nicht lecker.

2257. Ich will noch einmal „Fuck You“ am Pudel sehen. Leider blauleuchtende Lichtinstallation bereits entfernt. Das macht mich traurig. (Normalerweise verpasst man ja nichts, weil man immerzu überall sofort hinrennt. Diesmal ist es zu spät.)

0003. Spaziergang durch die Nacht. Mit ihr muss man immer Latschen. Und zwar viel.

0104. Wir gehen zu ihr, sie legt mir die Karten. Das ist naturgemäß alles Quatsch. Alles scheint irgendwie auf jeden ein bißchen zu passen (wie Horoskope aus der Smartphone-App, die Y. mir damals in der Z Bar vorgelesen hat usw.).

0458. Eigentlich will ich einen Sonnenaufgang fotografieren. Mein innerer Instagram-Stream verlangt danach. Bin aber zu müde. Schlafe ein.

Myll, 18. August 2012: Olaf Scholz

Kann auf einem Bein stehen: Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz

1705. Sommerfest der Grünen-Bürgerschaftsfraktion im Innenhof des Rathauses. Es gibt Butterkuchen, Currywurst und Astra aus der Flasche. Toll. Mit von der Partie auch Bürgermeister Olaf Scholz. Es heißt immer, dass man auf einem Bein nicht stehen könne. Scholz kann das. (Und zwar ziemlich lange.)

Nachchtrag:

1957. Kurz in Richtung Hafen geganen. Meine Begleitung wollte nicht auf meine Warnung hören, so schlimm seien die „Cruise Days“ doch sicher nicht usw. Am Hafen angekommen ein Gequetsche und Geschiebe, Hunderttausende wollten die Schiffe sehen, die ein- und ausfahren. Was für ein Ereignis für eine Hafenstadt, wo es doch das Normalste sein sollte, wenn ein Schiff kommt. Bei keiner Bushaltestelle oder Bahnhof wird so ein Gewese um ein ankommendes Verkehrsmittel gemacht und zu diesem Zwecke kleine Fähnchen geschwenkt.

Myll, 17. August 2012

1207. Demonstration für Pussy Riot vor der russisch-orthodoxen Kirche am Holstentor. Etwa 100 Menschen sind anwesend, einige davon mit bunten Masken. „Free Pussy Riot“ rufen und den geballte Faust zeigen, wie es die Sängerin der Punkband tat, auf den Fotos, die um die Welt gingen. Dann ein Gruppenfoto für’s Internet, als Beweis, dass die Demonstration stattgefunden hat. Ein Mann singt ein Lied auf Russisch (naturgemäß muss ich dabei ans letztjährige Abgrillen denken), dann die Urteilsverkündung: Schuldig.

1957. Sommerfest der Jungen Union Hamburg. Bernd, der irgendwas mit Politik macht, schleppt mich in die gediegene Villa mit Garten am Fleet. Die Anwesenden sind bereits in jungen Jahren vollständig verspießt, man trägt Einstecktücher. Zwanzigjährige verpickelte Pfeifenraucher fürchten unter SPD-Steinbrück die Wiedereinführung des Sozialismus, während die Damen hübsche Kleider tragen und glücklicherweise wenig sprechen. Soundtrack in meinem inneren Ohr: Rocko Schamoni – C.D.U. („Du wählst CDU. Und darum ist jetzt Schluss …“) In der Villa überall Fotos von Konrad Adenauer, Helmut Kohl und Angela Merkel, ich bleibe im Garten. Das Bier kostet einen Euro. Das ist nicht zu viel, um die Situation erträglicher zu machen. “

Habt Ihr schon unseren Vorsitzenden begrüßt?“ „Nein? Dann schnell hin zu unserem Junge-Union-Bundesvorsitzenden Philipp Mißfelder.“ Freue mich auch Jahre später noch über den Kurbjuweit-Artikel im Spiegel, der wohl eine der großen Politikervernichtungen der Nachkriegsgeschichte war. So etwas bleibt hängen. Mißfelder will sich nicht zusammen mit mir fotografieren lassen. Er hält mich wahlweise für einen Piraten (was ich nicht bin) oder für einen Mitarbeiter des Satire-Magazins Titanic (was ich leider nicht bin). Ein Foto in der Titanic hätte Mißfelders Beliebtheit in ungekannte Höhen katapultiert. Aber man kann niemanden zu seinem Glück zwingen. Flöte beim Verlassen der Party laut die Internationale.

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