Rettung

Um uns aus einer Notsituation zu erretten, denke ich, sind wir selbst genauso verlogen wie die, denen wir diese Verlogenheit andauernd vorwerfen und derentwegen wir alle diese Leute fortwährend in den Schmutz ziehen und verachten, das ist die Wahrheit; wir sind überhaupt um nichts besser, als diese Leute, die wir andauernd nur als unerträgliche und widerliche Leute empfinden, als abstoßende Menschen, mit welchen wir möglichst wenig zu tun haben wollen, während wir doch, wenn wir ehrlich sind, andauernd mit ihnen zu tun haben und genauso sind wie sie.

Thomas Bernhard, Holzfällen

Kälte, Kaffee, Klassik

Berlin im Februar. Hätte ich ein Thermometer, es zeigte -17 Grad Celsius. Nach dem Zwiebelschalenprinzip gekleidete Menschen stehen an der Haltestelle und warten auf den Kältebus. „Alle Kalender für die Hälfte“, bietet die Buchhandlung an, ich will aber keinen. Ich nehme einen schnellen Capuccino im Café mit dem Klassikradio. Es läuft Mozart und ich muss an Glenn Gould denken, der sagte, dass Mozart eher zu spät als zu früh gestorben sei. In den Nachrichten wird verkündet, dass Bayreuth Liveübertragungen von Wagner-Opern künftig ins Kino bringen wolle. Keine Eurokrise, kein Wulff, kein Fährunglück. Dafür bin ich dankbar und nehme billigend noch ein paar vor sich hinplänkelnde Sätze Mozart-Sinfonien in Kauf. Stattdessen kommt der Gefangenenchor aus Verdis Nabucco. Diese Musik macht mich immer melancholisch, weil sie auf der Beerdigung meines Großvaters gespielt wurde. Die Platte hatte damals einen kleinen Sprung, was wiederum eine unfreiwillige Komik in sich barg. Der Bestatter von gegenüber bietet ein günstiges Komplettpaket: 995,– Euro inklusive Leichenwäsche. Aber ohne Nabucco.

Zauberwürfelkünstler

Ein junger Mann in der U-Bahn starrt wie in Trance an die Decke und bedient nebenbei in Blitzgeschwindigkeit ein mechanisches Geduldsspiel der achtziger Jahre. Nur selten gerät er ins Stocken, zählt dann an seinen Finger irgendetwas ab und fährt fort. Weisen alle Seiten des Zauberwürfels dieselbe Farbe auf, beginnt er von vorn. Bis zur Endstation.

Transmedialer Elektrozaun

Health & Safety Violation #36, Ben Woodeson

Es ist wieder einmal so weit: In der Schwangeren Auster wird Medienkunst gezeigt. Die Eingangshalle durchzieht ein Elektrozaun. Health & Safety Violation #36 heißt das von Ben Woodeson geschaffene Kunstwerk. Es wirkt etwas bedrohlich. Sicherheitspersonal achtet darauf, dass ihm niemand zu nahe kommt, der nicht die Haftungserklärung unterschrieben  hat, die den Künstler von allen Schadensersatzansprüchen freistellt.

Ich beobachte das Spektakel eine Weile, traue mich aber zunächst nicht, mir einen Stromstoß versetzen zu lassen. Es sind nur wenige Milliampere, die im Abstand von wenigen Sekunden durch den Zaun gejagt werden; etwa so viel wie durch einen Weidenzaun. Die Mutigen, die Plus- und Minuspol berühren, schreien zumeist kurz auf. Obowohl man weiß, dass etwas passieren wird, ist der Schreck enorm. Die meisten lachen, nachdem sie sich davon erholt haben. Eine junge Frau fällt zu Boden, was aber eher dem Schreck als der Stärke des Stromstoßes geschuldet ist.

Was der Künstler uns damit sagen will? Man weiß es nicht, niemand erklärt es. Der Reiz, es ausprobieren zu wollen, wird dennoch stärker. Ein paar Biere später werde ich mutig: ich unterschreibe, dass ich zur Mitwirkung an diesem Kunstwerk bereit bin, meinen Tod in Kauf zu nehmen, und erhalte im Gegenzug einen Stempel auf das Handgelenk, der mich für den Zutritt zum Elektrozaun berechtigt. Die Bekannte zieht mit (eigentlich hat sie mich überredet) und wir entscheiden uns für die Romantikvariante. Wir halten einander an den Händen, sie berührt den Minuspol, ich den Pluspol. (Vermutlich aber umgekehrt.) Dann passiert es: es funkt zwischen uns beiden. – Zeitgleich durchfährt unsere Körper ein kleiner Stromstoß. Es ist nicht so, dass man die Zaunstangen ununterbrochen festhalten möchte, aber auch nicht so schlimm wie erwartet. Wir machen es noch zwei weitere Male und fühlen uns den Rest des Abends wie Superhelden, die ein Medienkunstwerk bezwungen haben.

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