Distanzschule

Kuss
Prater, Kastanienallee, Berlin-Prenzlauer Berg

Man braucht nicht viel davon, um glücklich zu sein.
Wir küssen uns im Sonnenschein.
Das dunkle Königreich wird nicht mehr aufzuhalten sein.
Das Schlechte in der Welt bricht nunmehr über uns herein.

(Tocotronic)

Wir sitzen in einer Bar und das nicht zum ersten Mal. Sie ist eine kühle Blonde mit einem sehr norddeutschen Namen. Während wir uns angeregt über dieses und jenes unterhalten, kommen sich unsere Lippen plötzlich sehr nahe etc. Als ich dazu ansetze, meine Augen zu schließen, zischt sie mir leise zu: „Denk nicht einmal daran.“

Vielleicht hätte ich es trotzdem versuchen sollen. Dann hätte sie mir eine schallende Ohrfeige verabreicht, um mir sofort darauf in die Arme zu fallen und mich leidenschaftlich zu küssen, wie es in Hollywood üblich ist. Vielleicht wäre dabei aber auch nur meine Brille zu Boden gefallen und in tausend Scherben zerborsten, wie es in Hamburg-Altona üblich ist.

Als sei selbstverständlicher nichts auf der Welt, justiere ich binnen Bruchteils einer Sekunde unseren Distanzbereich auf ein übliches Maß. Als wäre nichts geschehen, nippen wir weiter an unseren Getränken und fahren mit der Konversation fort.

Viele Jahre später dann in denkbar unpassenden Situationen immer und immer wieder die aufkommende Frage, ob die kühle Blonde damals wirklich gezischt hat oder ob es ausschließlich in meinem Kopf stattfand.

Buridans Esel

Esel

„Die Verzwicktheit des Universums treibt,
scheint’S, einem neuen Maximum entgegen.“

(Arno Schmidt, Zettels Traum)

Im öffentlichen Verkehrsmittel die gefundene Zeitung vom Vortag flüchtig durchblättern und dabei im Politikteil über das Gleichnis von Buridans Esel stolpern. Der Esel steht zwischen zwei gleich großen, gleich weit entfernten Heuhaufen und kann sich nicht entscheiden, welchen er zuerst fressen soll. Schließlich verhungert er. Entschlossen nehme ich die Zeitung erst mit, werfe sie dann aber auf dem Bahnsteig in den Müllbehälter für Altpapier.

Schlesische Straße

Up above
Aliens hover
Making home movies
For the folks back home

(Radiohead)

Die Sonne scheint, aber es ist eine andere als noch vor ein paar Tagen. Es ist bereits diese Scheißrilkeherbsttagssonne, die den Niedergang des nur leidlich angedeuteten Sommers ankündigt. Vor mir geht ein kleiner Mann mit wild wucherndem Backenbart, der mit heiserer Stimme in sein Mobiltelefon spricht: „Wirst Du 43 oder 44? – Mann, Mann, Mann, wie die Zeit vergeht.“ Fassungslos schüttelt er seinen Kopf. „Wenn Du 44 wirst, erinnert mich das daran, dass ich dieses Jahr 41 werde“, etc. Aus der Kindertagesstätte duftet es nach frischgebackenem Kuchen. Nachricht an mich: „Ach bosch, was soll ich mit Deiner Melancholie?“ Ich weiß es auch nicht.

Irrlicht

24. August 2010, 23 Seiten Notizen mit grünem Kugelschreiber, alles schlimm.

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