Mir bitte auch. Vielen Dank.
Kategorie: Editorial
Berlin im Februar. Hätte ich ein Thermometer, es zeigte -17 Grad Celsius. Nach dem Zwiebelschalenprinzip gekleidete Menschen stehen an der Haltestelle und warten auf den Kältebus. „Alle Kalender für die Hälfte“, bietet die Buchhandlung an, ich will aber keinen. Ich nehme einen schnellen Capuccino im Café mit dem Klassikradio. Es läuft Mozart und ich muss an Glenn Gould denken, der sagte, dass Mozart eher zu spät als zu früh gestorben sei. In den Nachrichten wird verkündet, dass Bayreuth Liveübertragungen von Wagner-Opern künftig ins Kino bringen wolle. Keine Eurokrise, kein Wulff, kein Fährunglück. Dafür bin ich dankbar und nehme billigend noch ein paar vor sich hinplänkelnde Sätze Mozart-Sinfonien in Kauf. Stattdessen kommt der Gefangenenchor aus Verdis Nabucco. Diese Musik macht mich immer melancholisch, weil sie auf der Beerdigung meines Großvaters gespielt wurde. Die Platte hatte damals einen kleinen Sprung, was wiederum eine unfreiwillige Komik in sich barg. Der Bestatter von gegenüber bietet ein günstiges Komplettpaket: 995,– Euro inklusive Leichenwäsche. Aber ohne Nabucco.
Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?
Das kommende Erwachen steht wie das
Holzpferd der Griechen im Troja des Traumes.
(Walter Benjamin)
Einen kurzen Moment ausgelassen sein und den Alltag vergessen, den eigenen Schwerpunkt verlagern, schwingen. Sich dann aber nicht mehr halten können und jäh von der Schaukel fallen. (Nicht weil jemand an der Kette sägte, sondern aus eigener Unachtsamkeit etc.) Darauf aufwachen und feststellen, dass alles nur ein Traum war, aber trotzdem Beulen davontragen.

