Rolf Dieter Brinkmann: Schreiben, realistisch gesehen

Sylt

Schreiben, realistisch gesehen.

Worüber
kann ich noch schreiben
vielleicht ein Gedicht
über zerschlagene Waschmaschinen
über Straßenbau oder
junge Ehen

man rät mir viel
man korrigiert mich
man meint, es sei überflüssig
man trinkt und raucht
man geht fort

wenn ich am Schreibtisch sitze
vor einem weißen Blatt Papier
weiß ich nichts mehr –
die hydrographischen
Angaben von heute
mittag zwölf Uhr
in Meereshöhe
sind schöner, ich glaub es gern

denn
ach, das Meer
das ich noch nie gesehen habe
mein geheimer Unwille
meine große Müdigkeit
das Meer, das Meer
das zerstört
werden wird
in einem anderen Gedicht!

(Rolf Dieter Brinkmann, aus „Standphotos“)

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch

Bahnhof Dammtor, Hamburg

Ich bin ein kranker Mensch … Ich bin ein böser Mensch.
Ein abstoßender Mensch bin ich. Ich glaube, meine Leber
ist krank. Übrigens habe ich keinen blassen Dunst von meiner
Krankheit und weiß gar nicht mit Sicherheit, was an mir
krank ist. Für meine Gesundheit tue ich nichts und habe
auch nie etwas dafür getan, obwohl ich vor der Medizin und
den Ärzten alle Achtung habe. Zudem bin ich noch äußerst
abergläubisch, so weit z.B., daß ich vor der Medizin
alle Achtung habe. (Ich bin gebildet genug, um nicht abergläubisch
zu sein, aber ich bin abergläubisch.) Nein, meine Herrschaften,
wenn ich für meine Gesundheit nichts tue, so geschieht das
nur aus Bosheit. Sie werden sicher nicht geneigt sein, das zu
verstehen. Nun, meine Herrschaften, ich verstehe es aber. Ich
kann Ihnen natürlich nicht klarmachen, wen ich mit meiner
Bosheit ärgern will, ich weiß auch ganz genau, daß
ich nicht einmal den Ärzten dadurch schaden kann, daß
ich mich nicht von ihnen behandeln lasse; ich weiß am allerbesten,
daß ich damit einzig und allein mir selbst schade und niemandem
sonst.

(Fjodor M. Dostojewski, aus Aufzeichnungen aus dem Kellerloch)

Kapitulation

Fuck it all.

Lenz

Er schien ganz vernünftig, sprach mit den Leuten; er tat Alles wie es die Anderen taten, es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen; sein Dasein war ihm eine notwendige Last – So lebte er hin.

(Georg Büchner,  aus Lenz)

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