Jetzt ganz neu: Café to go

Leicht ist es, mit Blick auf die sich unaufhaltsam ausbreitenden Coffee-Ketten,  den  Untergang der Kaffeehauskultur zu proklamieren. Welch zivilisierter Mensch sitzt nicht lieber im Café seines Vertrauens und trinkt seinen Cappuccino aus einer echten Tasse? Stattdessen finden wir an nahezu jeder Straßenecke einer jeden größeren Stadt die Niederlassung eines Bohnenkonzerns, der entweder nach einer Figur aus einem Walfängerroman oder einem französischen Dichter des 19. Jahrhunderts benannt ist. Schwerpunkt der Geschäftstätigkeit bildet hier der Verkauf von Schnickschnacklattemacchiatos mit Sojamilch und Karamelgeschmack mit halber Fettdosis – am besten alles im Pappbecher zum Mitnehmen.

Abgesehen davon, dass der Kaffee aus der Kaffeebarkette geschmacklich häufig keinen Hochgenuss darstellt, ist, was auf den ersten Blick so praktisch erscheint, in Wirklichkeit kein Vergnügen: Der  Pappbecher ist zumeist so dünn, dass man ihn aufgrund des zu stark erhitzten Inhalts kaum anfassen kann, der aufgesetzte Deckel macht den Kaffeetrinker entweder zu einem alten Kind, das noch, oder zu einem jungen Greis, der schon aus der Schnabeltasse trinkt. Entfernt man den entwürdigenden Deckel, so rächt sich das physikalische Gesetz der Trägheit der Masse – und der Inhalt schwappt über.

All das ist selbstverständlich nicht neu, und ich will daher an dieser Stelle nicht weiter auf das bekannte Klagelied einstimmen. Stattdessen blicke ich nach vorn: Coffee to go war gestern – was kommt, ist das Café to go.  Noch hat sich diese Welle nicht durchgesetzt, aber schon bald werden wir nie wieder in einer fremden Stadt auf das vertraute Café mit dem hervorragenden Cappuccino, den leckeren hausgemachten Tartes, Kuchen und Quiches, der freundlichen Bedienung, der bewährten Auswahl an Tageszeitungen, der gepflegten Musik im Hintergrund  und den bekannten Gästen verzichten müssen. Das Lieblingscafé ist einfach immer dabei – ein Hoch auf das Café to go.

Dialoge heute

Ich steige aus der U-Bahn. Am Ausgang der Station kommen zwei schwarzgekleidete junge Damen mit Namensschildern, die sie als Missionare der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“ aka Mormomen identifizieren, auf mich zu.

Dame 1: „Guten Tag. Wir möchten uns mit Ihnen über den Glauben unterhalten.“
Ich: „Das trifft sich gut.“
Dame 2: „Wir glauben an den heiligen Herrgott.“
Ich: „Ich glaube, dass mein Bus gleich abfährt.“
Dame 1: „Vielleicht können wir uns ein anderes Mal unterhalten?“
Ich: „Bestimmt, aber ich muss nun wirklich los. Tschüs.“

Während ich wenig später im Café sitzend darüber sinniere, ob ein abfahrender Bus wirklich wichtiger ist als ein Gespräch über Gott, gerate ich mitten in einen der gefürchteten Schichtwechsel.

Bedienung: „Wir haben Schichtwechsel. Du bist der letzte Tisch, der noch nicht abkassiert ist.“
Ich: „Ich bin gar kein Tisch. Ich bin ein Gast.“
Bedienung (wendet sich irritiert an ihre Kollegin): „Was ist denn auf dem Tisch?“
Ich: „Auf dem Tisch befindet sich eine Kaffeetasse und ein Glas Wasser.“

Ende.

Der Blitz

Draußen ist es dunkel. Es ist Morgen, Mittag oder Abend. Auf jeden Fall ist es Herbst, da ist es eigentlich immer dunkel. Klare Nacht – den ganzen Tag lang. Nur manchmal leuchtet es ganz plötzlich für den Bruchteil einer Sekunde grell auf. Doch kein Grollen ist zu vernehmen, der Himmel ist wolkenlos und klar. Und trotzdem ist da dieses Blitzen: einmal, zehnmal, hundertmal kurz hintereinander.

Irritiert nehme ich zur Kenntnis, dass sich im Haus gegenüber jemand ein Photostudio eingerichtet hat. Vielleicht hat dieser jemand es erst gestern getan, möglicherweise bereits im Frühjahr. Jedenfalls fällt mir erst jetzt, da die Tage dunkler geworden sind, auf, dass sich gegenüber ein Raum voller Studioblitze befindet. Diese scheinen den ganzen Tag in Betrieb zu sein. Aus dem Fenster des Photographen blitzt es so gewaltig, dass ich in meinem Wohnzimmer – synchronisierte ich das Auslösen meiner Kamera mit seinem Blitzgerät nur sorgfältig genug – problemlos ebenfalls ein Studio einrichten könnte, jedoch ohne die Anschaffung einer eigenen Blitzanlage. Aus meiner leichten Animosität wird tiefe Abscheu.

Gelegentlich hört man von Menschen, die in der Nähe von Windkraftanlagen leben. Der regelmäßige Schattenwurf der Rotorblätter treibt einige der Anwohner langsam, aber sicher in den Wahnsinn. In der Nähe eines solchen Windrades möchte ich meinen nächsten Urlaub verbringen.

Herbst 2008

Wenn du und das Laub wird älter
und du merkst, die Luft wird kälter
und du fiehlst, daß du bald sterbst
dann is Herbst

(Dieter Hildebrandt)


„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“, dichtete Rainer Maria Rilke im Jahre 1902. Und sinnierten wir bis vor kurzem bei diesen Zeilen noch über die Zeit des Überganges zwischen Sommer und Winter, gar die Zeit der Ernte, so weist uns das vor uns auf dem Tisch liegende, welkende Handelsblatt schonungslos auf die fortdauernde Immobilienkrise hin.

Über den Herbst habe ich bereits im vergangenen Jahr alles geschrieben, was zu schreiben ist. In diesem Jahr gibt es darum auch nur einige Bildimpressionen von mir. Falls ich im kommenden Jahr den Chlorophyllabbau in den Blättern noch miterleben sollte, komponiere ich vielleicht eine passende Kantate.

boschblog.de
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.