Leergutflirt

Durch einen unbekannten Supermarkt irrend nach der Leergutannahme zu suchen, bietet fruchtbaren Nährboden für eine Flirtsituation. Unsere Blicke treffen einander und verraten gemeinsame Ratlosigkeit, da weit und breit kein defekter oder lediglich rudimentär funktionierender Automat zur Entgegennahme unserer Pfandflaschen zu erkennen ist. Das verbindet ungemein.

Nach einer gefühlten halben Ewigkeit des Umherirrens zwischen den Flaschenregalen entdecke ich die Leergutannahme und weise der Dame fast heldenhaft die Richtung. Beiderseits hocherfreut halten wir auf dem Weg ein kurzes Pläuschchen: „Ist aber auch wirklich zu schwierig zu finden hier.“ – „Ja, alles total unübersichtlich.“ etc.

Nicht ohne einander noch einmal zuzulächeln werden wir schließlich Flasche für Flasche unser Pfandgut los. Die Annäherung wird jedoch jäh beendet, als ich aus meinem Baumwollbeutel – für uns beide gleichermaßen unerwartet –  eine halbvolle Flasche billigen Fusels ziehe, den mir jemand untergeschoben haben muss. Noch irritierter als ich schaue, blickt mich die Dame an. „Ich kenne diese Flasche überhaupt nicht“, sage ich zum hastigen Abschied. Schließlich bin ich zu dieser Spirituose gekommen wie der trockene Alkoholiker zur Fahne. Da mir die Situation dennoch unangenehm erscheint, achte ich später darauf, nicht gemeinsam mit der Dame an derselben Kasse anzustehen.

Das ist alles ist nicht weiter schlimm, denn schließlich funktionieren Supermarktflirts ohnehin nur in schlechten Fernsehwerbungen – und ich kann mir nun mit der halben Flasche einen vergnüglichen Abend bereiten. Falls mir noch jemand einfällt, der eine Vorliebe für billigen Schnaps hat, werde ich ihn dazu einladen.

ESL

Manches, was Leben das besser macht, verschwindet schleichend. Viel zu oft lässt man es einfach geschehen – aus mangelnder Aufmerksamkeit oder Unvermögen, die eigenen Wünsche zu formulieren. Irgendwann reibt man sich die Augen, und es ist nicht mehr da.

Dann steht man vor dem Supermarktregal und so weit das Auge reicht gibt es nur noch Hocherhitztes, das uns als „extra lange frisch“ verkauft wird. Es schmeckt zwar nicht so gut, hält dafür aber ein paar Tage länger im Regal: extended shelf life (ESL).

Es bedarf einer größeren Anstrengung, um das Frühere noch einmal schmecken zu können. Aber es ist lediglich eine kurze Erinnerung an das Glück vergangener Tage. Nach nur drei Nächten im Kühlschrank ist alles wieder schlecht geworden: frische Vollmilch.

Salamibaguette

Beginnt man erst einmal, sich für eine Sache in besonderer Weise zu interessieren – seien es nun Bauwagen oder alte Karren –, geht man plötzlich mit offeneren Augen durch die Welt und sieht diese plötzlich überall. So geht es natürlich auch mit Serviervorschlägen für gutes Essen.

Nun ist es angesichts der Ideenlosigkeiten der Menschen und der beträchtlichen Verkaufspreise für hochwertige Kochbücher so, dass sicher viele Kunden von Supermarktketten dankbar sind, wenn ihnen während des Erwerbs von Lebensmitteln ganz beiläufig kostenlose Rezepte gereicht werden – insbesondere wenn deren Zubereitung aufgrund geringer Komplexität für jedermann zu leisten ist.

„Frühling, ja Du bist’s! Dich hab‘ ich ich vernommen!“ – endlich kommt er mit dem Gericht daher, das wir am allermeisten mit ihm verbinden: einem Wurstbrot. Allerdings muss ich zugeben, dass mir das belegte Genießerbrot ohne den empfohlenen Porree noch besser mundet. Außerdem passt ein auch als „Winterlauch“ bezeichnetes Gemüse nicht besonders gut zur Jahreszeit.

Was aber nun tun, wenn man noch viel lieber Schinken als Salami mag? Dann ist man ohne eine entsprechende Zubereitungsanleitung aufgeschmissen. Ratlos steht man dann da zwischen all seinen Induktionskochplatten und elektrischen Parmesanreiben und schüttelt verzweifelt sein kochbemütztes Haupt. Dann ist es Zeit, seinen Kolbenfüller mit königsblauer Tinte aufzuziehen, und auf Büttenpapier ein paar Zeile an den Lebensmittelladen seines Vertrauens zu schreiben:

„Liebes Kaiser’s-Rezept-Team,

ich bin ein großer Fan von Ihren Rezepten, aus denen ich bereits zahlreiche Anregungen für die schmackhafte Zubereitung von Nahrungsmitteln entnommen habe. Auch das Salamibaguette ist äußerst deliziös. – Aber ich bevorzuge Schinken. Wie gern genösse ich jetzt ein frühlingshaftes Schinkenbaguette. Leider bin ich bin an dessen Zubereitung bereits mehrfach gescheitert. Daher ersuche ich Sie höflichst, mir eine entsprechend modifizierte Zubereitungsanleitung zu übersenden.

Ihrer Antwort sehe ich gespannt entgegen. Entsprechendes Rückporto habe ich diesem Schreiben beigelegt. Im Voraus danke ich Ihnen für Ihre Bemühungen und verbleibe

mit freundlichen Grüßen

Ihr
bosch“

Warenwelten #8: Einkaufserlebnis

Das ist zwar nicht Neukölln, hier entsteht aber demnächst ein Supermarkt.

Das ist zwar nicht Neukölln, hier entsteht aber demnächst ein Supermarkt.

Berlin ist so etwas wie Amerika im Kleinen – die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten. Hier zählt sogar der dosenbierkaufende Kunde noch als Individuum und wird nicht, gleich einem Schlachtvieh, durch die engen Gänge des Supermarktes getrieben. Selbst in Neukölln ist das so. Kaufland, das klingt nach großer weiter Welt – dabei handelt es sich lediglich um einen Lebensmittelmarkt mit angeschlossener Hartwarenabteilung im fensterlosen Unterschoss eines unwirtlichen Einkaufszentrums. Natürlich haben auch hier die Kassiererinnen den antrainierten Röntgenblick, mit dem sie Kunden und Einkaufswagen beim Kassiervorgang nach Diebesgut absuchen. Ich nehme das allerdings nicht persönlich, sie müssen das tun. Und trotzdem könnte man fast den Eindruck haben, die Kassiererinnen hätten Freude an ihrer Tätigkeit, obwohl jeder weiß, dass das nicht sein kann. Die perfekte Illusion im Einkaufswunderland.

Zum Abschluss des Warenerwerbs folgt eine Überraschung. Ich werde während des Bezahlvorganges nicht um die Vorlage einer datenklaubenden Kundenkarte gebeten, sondern freundlich und routiniert gefragt: „Haben sie alles gefunden? Hat ihnen der Einkauf gefallen?“ So etwas kannte ich noch nicht, daher musste ich mich kurz sammeln: „Der Einkauf war ein Erlebnis“, erwiderte ich. „Ich bin sehr zufrieden und komme gern wieder. Falls es ihnen hier einmal zu langweilg werden sollte, so werde ich bei der Fluglinie meines Vertrauens gern ein gutes Wort für sie einlegen. Sie würden sich beim Sicherheitsballett auch ganz ausgezeichnet machen und könnten so nebenbei noch etwas von der großen weiten Welt sehen. Das hätten sie sich verdient. Vielen Dank, Frau Müller, es war mir ein Vergnügen, bei ihnen einkaufen zu dürfen – und bis zu meinem nächsten Einkauf.“

(alle Namen geändert)

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