0815-Blogeintrag

Kürzlich bezeichnete ein anonymer Kritiker dieses Onlinejournal als ein 0815-Blog. Dies ist natürlich vollkommen berechtigt. Natürlich handelt es sich bei dieser internetbasierten Publikation um nichts Außergewöhnliches und trotzdem hat sie sich auf unerklärliche Weise bewährt – zumindest in einem überschaubaren Kreis meist wohlgesinnter Leserinnen und Leser.

Um meinem Ruf gerecht zu werden, erlaube ich mir, natürlich wie immer vollkommen befreit von jedweder Notwendigkeit, kurz auf drei relativ unbedeutende Begebenheiten des heutigen Tages einzugehen, die trotz ihrer Nichtigkeit in der Lage waren, meinen im Ansatz vorhandenen Glauben an den gesunden Menschenverstand zumindest vorübergehend ein kleines Stückchen erschüttern zu lassen.

Pritt-Stift

1) Vor der Tür der Filiale eines in Gütersloh ansässigen Buchclubs steht eine junge Dame und grüßt mich mit einer Freundlichkeit, als hätten wir bereits in der Sandkiste Brüderschaft getrunken. In ihren Händen hält sie einen Plastikeimer, in dem sich Lotterielose befinden. Sie erklärt mir, dass heute mein Glückstag sei, denn jedes Los gewönne. Etwas misstrauisch ziehe ich einen Zettel mit dem Aufdruck „418“ und lasse mich in das Ladengeschäft leiten. Hier nimmt mich eine etwas ältere Dame in Empfang und versucht mir, ohne mich zu begrüßen, etwas zu bestimmt mit den Vorteilen des Clubs vertraut zu machen. Nur mit Mühe kann ich sie davon abhalten, mir das bestens bekannte Prinzip dieser Unternehmung in aller Ausführlichkeit zu verdeutlichen und überreiche ihr erwartungsvoll mein Los. Mit griesgrämiger Miene überreicht sie mir einen winzigen Prittstift und sagt: „Das ist Ihr Gewinn.“ Ich verlasse die Räumlichkeiten etwas ratlos und frage mich, ob man sich über einen Klebestift wirklich von Herzen freuen kann.

2) Ich warte geduldig auf die nächste U-Bahn, die mich wie üblich zuverlässig nach Hause bringen soll. Die Anzeige am Bahnsteig zeigt seit fünf Minuten an, dass der nächste Zug sofort führe. Alle drei Minuten ertönt eine Durchsage mit blechener Stimme, die besagt, dass sich die Bahn um etwa drei Minuten verspäte. Nach einer Viertelstunde allerdings lautet die Ansage, dass sich die Bereitstellung des Zuges noch um eine weitere Viertelstunde verzögert. Das passt mir nicht. Die Kommunikation noch weniger als die Verspätung an sich.

3) Ich habe mich entschlossen, auf eine andere Bahnline auszuweichen. Mir gegenüber sitzt ein elegant gekleideter älterer und in Würde ergrauter Herr. Unpassend zu seiner vornehmen Erscheinung malt er wie ein Berserker mit einem gelben Marker seitenweise in technischen Bedienungsanleitungen herum, bis alle Blätter nahezu vollständig neongelb erleuchten. Ich zweifle, ob dies der Übersichtlichkeit dienlich ist.

Sicherlich hätte man auch ohne diesen Beitrag genauso zufrieden weiterleben können wie bisher. Manchmal allerdings geschieht tagelang nichts von bemerkenswerter Relevanz, das zudem auch noch geeignet wäre, an dieser Stelle publiziert zu werden. Zu allem Unglück paart sich dieser Zustand gelegentlich auch noch mit der Phantasielosigkeit des Autors. Ich verspreche, dass eine Wiederholung unvermeidlich sein wird und warne bereits jetzt vor zukünftigen belanglosen Wortbeiträgen. Das Feld der allseits für relevant befundenen Berichterstattung über adical, Grimme-Preis, flickr, iPhone und siebzehnjährige Touristen in türkischen Gefängnissen will ich indes auch weiterhin gern denen überlassen, die sich berufen fühlen, darüber zu berichten.

20 Antworten

  • Mein Großvater sagte immer:
    „Was stört es eine alte Eiche, wenn sich die Wildsau an ihr schobbert?“

    Ich für meinen Teil bin sehr froh, bestimmten Menschen nicht zu gefallen, ;-)

    Und:
    Prittstifte kann man nicht zuviel haben!
    Wenn man zur Telekom geht, um einen Auftrag zu stornieren, den man nicht beauftragt hat, bekommt man als „kleine Entschädigung“ einen
    T-Schlüsselanhänger und 2 Klingeltöne geschenkt – da nehm ich doch lieber den Klebestift!

  • Ich würde den Prittstift nehmen. Das finde ich zumindest besser, als so Geschenke, die ich nie benutzen werde.
    Die Geschichte mit dem älteren Herren mit dem Textmarker finde ich sehr interessant.
    Wilhelm Genazino z.B. beschreibt ähnliche Aktionen in seinen Büchern.
    In der Bahn weiß ich manchmal nicht, ob ich Lesen oder Leute beobachten soll. Zum Teil bekommt man Sachen mit, die die eigentlich nur in ihrem Wohnzimmer machen. Oder in ihrer Küche. Ich muss nämlich oft im Zug essen, nach der Arbeit. Vielleicht werde ich dann auch in einem Bloq beschrieben.

  • Lieber Bosch,

    gerade die Belanglosigkeiten des Alltags sind es, die mich allmorgendlich hier und zur „Rückseite der Reeperbahn“ ziehen. Ich bin begeisteter „Zeit“-Leben Leser, weil dort über vieles berichtet wird, was die Welt nicht wissen muss. Insofern hoffe ich auf weitere Belanglosigkeiten deinerseits und schließe mit dem Satz in Richtung anonymer Kritiker, was ich auf seinem Blog auch schon getan habe. Das kann ich mir dann ja doch nicht verkneifen.

    Wenn eine Institution, wie z.B. die katholische Kirche, nach einem Verbot eines gewissen Filmes schreit (z.B. „Life of Brian“ von den Monty Pythons), sind diese der Institution zu ewigem Dank verpflichtet. Mehr Werbung geht gar nicht und das war sicher einer der Gründe für den Erfolg von „Life of Brian“. Insofern wünsche ich weiterhin viel Erfolg und kreative Ideen. Und ich bin mir sicher, du bist dem anonymen Kritiker ein wenig dankbar für seine Humorbefreitheit.

    Apropos Belanglosigkeiten. Selten einen so belanglosen Beitrag über Red Bull gelesen wie dort. So belanglos, dass es nicht mal für „Zeit“-Leben Leser reicht.

  • Ein Klebestift klingt zwar fast ironisch, nach Schalknasen im Schicksalsministerium, aber sobald man plötzlich einen benötigt, wird man ihn vergnügt zücken. Und wenn das hier 0815 ist, hätte ich nie gedacht, wie scharfsichtig, wie wortgewandt und mit welchem Blick für kleine Details 0815 bestechen kann. Schöner Text.

  • Die einen schreiben über Flickr und Grimme, die anderen über Klebestifte und Buchclubs. Ich lese beides gerne.
    Danke für diesen schönen Blogartikel, der in sofern nix Außergewöhnliches darstellt, da es hier immer Interessantes zu lesen gibt.

  • Ich bin seit 20 Jahren glückliches Mitglied im Bertelsmann Buchclub und habe mir gerade gestern ein neues Billyregal für meine Konsaliksammlung angeschafft.
    Die steht jetzt an einer Kopfwand, da wirken die Cover besser.
    Wenn ich jetzt noch Zeit finde, fange ich auch an zu lesen.

  • Unterschätze bitte nicht den Wert Deiner soziokulturellen Beobachtungen. Du schreibst gegen den Mainstream und konservierst dabei Deine Gedanken, Deine Umgebung, Deine Umwelt. Im Endeffekt sind Deine Texte Zeitkapseln und Du steckst von jedem von uns ein bisschen was mit hinein. In vielen Deiner Worte finde ich etwas von mir wieder und weiß schon jetzt, dass ich das meiste Gegenwärtige aus dem Bewusstsein verlieren werde – Doch eines beruhigt mich. Sobald ich wieder einen dieser Texte hier lese, wird es wieder da sein. Hamburg im Frühsommer 2007 mit seinen Menschen, seinen Geschichten. Danke dafür. Und lass Dich nicht beirren, wenn in den Statistiken andere mit Mainstream-Geschichten an Dir vorbeiziehen. Deine Texte sind zeitlos. Ein bleibender Wert.

  • Einem Kommentar in meinem Blog – das noch nach der ehrenvollen Auszeichnung „08/15“ strebt – folgend, bin ich jetzt über eine halbe Stunde in die Bosch-Welt versunken, länger als mich die meisten anderen medialen Angebote nach Gutenberg fesseln können. Wenn dies also nicht von bemerkenswerter Relevanz ist, so ist es zumindest gute Unterhaltung.

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