Warteschlangengeschichten Teil 7

Rolltreppe

An meiner heimischen U-Bahn-Station gibt es eine neue Errungenschaft: Eine Rolltreppe, die ihre Richtung wechselt. Nicht, dass es so wäre, dass, wenn man gerade auf ihr stünde und sich nach oben befördern ließe, die Fahrtreppe eigenmächtig, sobald man sich auf der Hälfte des Weges befände, dazu entschlösse, den Fahrgast wieder zu seinem Ausgangspunkt, an den Fuß der Treppe, zu befördern. Nein, die Sache stellt sich viel schlichter dar. Ab 10 Uhr, sobald auch der verschlafenste Berufspendler seine Arbeitsstätte erreicht hat, und die Treppe ohnehin den größten Teil des Tages unbenutzt und hoffnungsfroh auf den nächsten Bahnfahrer wartet, den sie seinem Ziel ein kleines Stückchen näher bringen könnte, wandelt sich diese auf den ersten Blick ganz gewöhnliche Rolltreppe zu einem Lehrstück in Sachen künstliche Intelligenz, in Fachkreisen auch als KI bekannt. Nähert sich ihr jemand von oben und löst damit eine Lichtschranke aus, so befördert die Fahrtreppe diese Person nach unten und verfällt danach wieder in ihren gewohnten Ruhezustand. Dasselbe geschieht, wenn sich ihr jemand von unten nähert. Sobald der Fahrgast die Lichtschranke am unteren Ende passiert, fährt die Treppe nach oben. Eigentlich ein ganz einfaches Prinzip, so man es denn verinnerlicht hat.

Nun ist es so, dass der Mensch auch mit dieser Errungenschaft umzugehen wissen muss, um in den Genuss ihrer Vorzüge zu kommen, wozu es einer gewissen Fähigkeit zum Erkennen von Zusammenhängen und Finden von optimalen Lösungen bedarf. Kurzum, um die Vorzüge der KI zu genießen, muss man mit natürlicher Intelligenz (NI) angemessen auf erstere reagieren können. Dies ist leider nicht bei allen Mitmenschen der Fall.

So kommt es in jüngster Zeit immer wieder dazu, dass nach oben strebende Mitmenschen dabei beobachtet werden können, wie sie vollkommen unnötig Personenstaus dadurch erzeugen, dass sie staunend am unteren Ende der Rolltreppe stehen und nicht begreifen können, warum die Rolltreppe, die sie doch kürzlich noch sehr zuverlässig hinauf beförderte, nun plötzlich Menschen in die ihnen entgegengesetzte Richtung transportiert. Fest verwurzelt stehen sie, ihre Ungläubigkeit kopfschüttelnd zum Ausdruck bringend, so sehr im Weg, dass an ihnen kein Vorbeikommen ist, während sich allmählich Warteschlangen in einem Ausmaß bilden, wie sie in Hamburg sonst lediglich vor gesperrten Elbtunnelröhren zu beobachten sind. Nun reicht es aber nicht, nur in unteren Geschossen für Staubildung zu sorgen, nein, jene Menschen gehen sogleich, sich dabei stetig wundernd, zu Fuß die feste Treppe hinauf. Oben angekommen stehen sie wieder vor derselben Rolltreppe und können es nicht fassen: Die Treppe hat ihre Fahrtrichtung geändert. Wieder stehen sie im Weg, das Kopfschütteln nimmt ein Ausmaß an, das dem behandelnden Orthopäden bereits Dollarzeichen in den Augen erscheinen lässt und die Videoüberwachung zur Zugabfertigung wird von dem Warteschlangenverursacher für „Die versteckte Kamera“ gehalten. Dabei könnte es doch eigentlich so einfach sein: Es gibt auch einen Personenaufzug.

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