Kleiner Knigge für Offene-Kaffee-Klubs

Der Bildung von Netzwerken dienende Zusammentreffen von Menschen aus Branchen, die früher der sogenannten New Economy zugerechnet wurden, werden mir zunehmend ein Graus. Stellte man sich früher einander noch mit Namen vor, tauschte gar manchmal Visitenkarten aus, so reicht heute vielfach offenbar die Frage „Was machst du?“ als Gesprächseröffnung.

Bevorzugter Treffpunkt ist einmal monatlich die Filiale einer amerikanischen Kaffeekette. Noch bevor man früh am Morgen überhaupt mit jemandem ein Wort gewechselt hat, und bevor man seinen Kaffee in der Hand hält, tritt jemand an einen heran und fragt: „Was machst du?“

Fast könnte man meinen, die Mehrzahl der Anwesenden beschäftigte sich professionell mit Prozessoptimierung. Auch ich bin kein Freund des ausufernden Kleingesprächs, weiß aber ein „Hallo, ich bin der (und der) und mache das (und das). Was machst du denn so?“, durchaus zu schätzen. Diese scheinbar ausufernde Floskel verhindert nicht nur das Rotieren des Freiherrn Knigge in seiner Grabkammer, sondern bringt auch gleich etwas wohlige zwischenmenschliche Wärme in das gerade beginnende Gespräch. Selbst nach dieser Einleitung sollte es jedem möglich sein, zügig zu erkennen, ob das Gegenüber interessant ist, und bei Bedarf den Gesprächspartner — selbstredend mit Verabschiedung — zu wechseln. Alle werden einander so gut in Erinnerung behalten.

Wenn mich das nächste Mal jemand mit den Worten „Was machst Du?“ begrüßt werde, antworte ich einfach wieder: „Guten Tag, ich heiße @bosch [bitte an dieser Stelle Vor- und Zunamen einsetzen; Anm. d. Red.] und warte gerade auf meinen Kaffee.“

5 Antworten

  • @Liz: Das mache ich auch so. Allerdings schreibe hier bekanntlich unter Pseudonym, weshalb mein richtiger Name im obigen Text auch nicht vorkommt. Ich habe meinen Lesern einfach mal eine gewisse Transferleistung zugetraut; aber sicherheitshalber noch eine redaktionelle Anmerkung ergänzt. Was antwortest du auf die Frage: „Was machst du?“

    @Tho: Ich will dich keinesfalls entmutigen. Mach dir ruhig dein eigenes Bild von diesen Treffen. Jeder der „hallo“ sagt, macht sie schließlich besser. Es ist ja auch etwas überspitzt formuliert, aber mir ist diese Unart in der letzten Zeit verstärkt aufgefallen.

  • Und ich dachte schon es läge mal wieder an meinem fortgeschrittenen Alter, dass mich mangelnde Umgangsformen stören. Allerdings reagiere ich auch auf namentliche Vorstellung nicht immer freundlich. Kürzlich saß ich lesend (s. http://blog.he-inter.net/?p=320) in einem amerikanischen Kettencafe als mich ein hippiesker junger Mann mit den Worten „Hallo ich heiße Martin (kein Scherz!) und Du?“ „Ich nicht!“ war meine Antwort, die ich offenbar mit einem derart finsteren Blick vortrug, dass Martin gleich wieder verschwand. Vermutlich beklagt er sich jetzt über die unhöflichen Alten …

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