Abgrillen

Gartenstühle

Spät im Herbst, wenn die Tage schon kurz sind, pflegen die Russen aus dem Vorderhaus die Tradition des Abgrillens. Bis spät in die Nacht hinein sitzen sie trotz großer Kälte beisammen und garen zum letzten Mal in diesem Jahr Fleisch über glühenden Kohlen. Die Frau singt, alle klatschen, lachen, trinken Wodka.

Eingehüllt in Decken liegen wir nahe dem offenen Fenster und hören den Russen im Innenhof zu. Der Geruch von verkohltem Fleisch dringt zu uns herein, aber die Frau singt zu anrührend, als dass wir das Fenster schließen möchten. Die Frau kennt viele Lieder. Die Lieder, die sie singt, kennen wir nicht, wir verstehen sie nicht. Sie könnten von der Liebe oder von der Heimat handeln, vermutlich handeln sie von beidem. Wir warten auf Kalinka, aber Kalinka kommt nicht. Wir möchten Wodka trinken, aber wir haben keinen Wodka.

Abgrillen

Pingpong

„Ich möchte drei Monate lang sturzbetrunken sein.
Und dann einfach explodieren.“
(Gérard Depardieu)

Autofahren und Seiltanzen sind nach dem Genuss von mehreren Bieren und Wodkas
nicht sonderlich gesellschaftsfähig. Wohl aber Tischtennisspielen. Plötzlich spürt man
ganz ungefährlich, wie betrunken man eigentlich ist. Überhaupt sollten viel mehr Partys
mit Pingpongplatten ausgestattet sein.

Pingpong

Trost und Zuspruch – 2 Mark

Dieses verdammte Mitte. Alles ist irgendwie ironisch und zeitlich befristet: Galerien, Bars, Beziehungen. Im Anschluss an die Weihnachtsfeier ist man sich einig, einen dieser neuen angesagten Orte aufzusuchen. Die Bar, deren Namen natürlich nicht an der Tür steht, befindet sich nur wenige hundert Meter von uns entfernt. Die Damen tragen zu hohe Schuhe und drängen deshalb darauf, ein Taxi zu nehmen. Die Herren gehen den kurzen Weg durch Eis und Schnee zu Fuß und erreichten das Ziel zuerst: Trust. Draußen: Warteschlange und Türsteher. Drinnen: Überfüllung und Wodka aus Flaschen, kein Bier, niemals.

Den Damen gefällt es hier trotzdem, wir ziehen ohne sie weiter, was sich rächen soll: In die Neue Odessa Bar will man uns nicht hineinlassen, weil wir Penisse haben. Wir arrangieren uns mit unserem unpassenden Chromosomensatz, verfluchen aber diese Bar und ziehen erneut weiter, wieder durch Schnee und Kälte und mit der Hoffnung, dass unser Unterwegsbier nicht in der Flasche gefriert.

Torstraße/Ecke Ackerstraße: Muschi Obermaier. Über dem Eingang die Worte „Trost und Zuspruch – zwei Mark“ und weil ich das gerade nötig habe, hoffe ich zum ersten Mal ganz still auf eine Abkehr vom Euro. Der Türsteher winkt mich, noch immer mein halbes Unterwegsbier in der Hand haltend, mit größtmöglicher Gelassenheit und den Worten „na wegen einem mitgebrachten Bier wollen wir hier mal nicht rumflennen“ durch. Der Plattenaufleger spielt bevorzugt Musik der 80er Jahre: Talk Talk, U2 und Simply Red. Die 80er waren musikalisch schlimm, denke ich. Die 70er, 90er und 0er ebenfalls. Und auch sonst. Wir stehen herum, trinken gutes bayerisches Bier aus etwas ungelenk geformten Halbliterflaschen; ab und zu auch einen Schnaps. Ich bitte meine Begleitung um Sambuca, bekomme aber ein Gläschen ohne Kaffeebohnen. Sambuca ohne Kaffeebohnen ist meistens Wodka, und so war es dann auch. Wir sprechen über Städte: Hamburg, Berlin und die Provinz. „Der Ort ist nicht das Ding, das du verlässt. Der Scheiß ist in dir“, sagt einer und wir prosten einander zu. Ein Blick in die Runde verrät mir, dass hier ein Vollbart längst nicht mehr reicht. Ich brauche dringend einen Hut. Den Weg nach Hause lege ich taumelnd zurück. Ach, Mitte.

Trost und Zuspruch – 2 Mark