Butterfahrt

Dies ist zwar kein Butterdampfer, aber das Publikum ist recht ähnlich.

Mein Urgroßvater ist schon zur See gefahren, mein Großvater, mein Vater – und natürlich auch ich. Das ist zwar erfunden, aber der versuchte Seemannsgarn einer Landratte macht sich ganz gut zum Einstieg dieser kleinen Geschichte.

Meine Seefahrererfahrungen beschränken sich im Wesentlichen auf Butterfahrten. Obwohl diese Touren eine beliebte Freizeitgestaltung für Senioren war, ist meine Oma vor allem meinetwegen mitgefahren. Als Kind liebte ich diese Ausflüge – weniger wegen der Möglichkeit des zollfreien Einkaufs von Schnaps und Zigaretten, sondern einfach wegen der vergnüglichen Schifffahrt an sich.

Alles war professionell organisiert: Beim örtlichen Reisebusunternehmer hatte man sich vorab anzumelden und später im Bus den Fahrpreis in Höhe eines Heiermanns pro Person in bar zu entrichten. Der Bus war klar in zwei Klassen geteilt: Die Profis, die jeden Tag mitfuhren, und zu deren vornehmsten Privilegien auch das ehrenamtliche Kassieren des Fahrpreises gehörte, hatten ihre festen Sitzplätze. Wer es wagte, als Amateurbutterfahrer den Platz eines Profis einzunehmen, dem wurde gedroht, später auf hoher See über Bord geworfen zu werden. Das riskierte niemand, Amateure hatten in den hinteren Reihen Platz zu nehmen.

Meistens wurde man vom Kutscher irgendwo in Dänemark ausgesetzt, um dann mit dem Dampfer über die Ostsee nach Eckernförde zurückzuschippern, wo der Bus wieder auf die Ausflügler wartete. Während der Fahrt konnte man im Bus Kaltgetränke oder warme Würstchen erwerben, die mittels eines vermutlich vom TÜV nicht abgenommenen Kochers, der an den Zigarettenanzünder angeschlossen war, erhitzt wurden. Ein solches „Gedeck“ überstieg leicht den Preis der gesamten Tagesreise; dies wurde aber damit gerechtfertigt, dass es sich um ein Zubrot des notleidenden Busfahrers handle, der diese Verköstigungen auf eigene Rechnung vertreibt.

Ständig musste man irgendwo seinen Personalausweis, ich meinen Kinderausweis ohne Lichtbild, vorzeigen. Nach stundenlanger Fahrt erreichte man schließlich irgendwann das Schiff, das meistens „Lady irgendwas“, einfach nur „Lady“ oder „Alte Liebe“ hieß. Zusammengepfercht mit Hunderten von anderen Butterfahrern ging es schließlich über eine kleine Brücke auf den rostigen Dampfer; ein Seelenverkäufer kurz vor dem Lebensabend. Währenddessen erzählte man einander alte Geschichten von der „Wilhelm Gustloff“ und erhielt wortlos einen kleinen Zettel mit einer Nummer darauf in die Hand gedrückt. Die Profis wussten sofort, was das zu bedeuten hat – alle anderen erfuhren es im Laufe des Tages.

Während der eigentlichen Butterfahrt gab es drei Hauptprogrammpunkte:

  1. Das im Fahrtpreis enthaltene Mittagessen: entweder ein ledriges Schnitzel oder eine schon etwas abgekühlte Currywurst mit labbrigen, aber dafür umso fettigeren Pommes frites. Es war noch Jahrzehnte vor Erfindung von neologistischen Euphemismen wie Analogkäse oder Fleischersatz, aber dennoch alles ganz schlimm, wenngleich auch besser als Erbsensuppe. Für nicht wenige Butterfahrer, insbesondere diejenigen, denen die Mittel fehlten, um an Bord einzukaufen, war diese günstige Form der Verköstigung – neben der strukturierten Tagesgestaltung – der Hauptgrund für diesen Ausflug. 
  2. Der zollfreie Einkauf: Hier kamen die zuvor ausgegebenen Nummern zum Einsatz. Damit sich die mehrfach währungsreformerprobten Reisenden nicht gegenseitig für die Ersparnis von fünf Pfennig bei dem Erwerb eines halben Pfundes Butter zu Tode trampeln, wurden die Gäste nacheinander, geordnet nach Nummernkreisen, zum Einkauf gebeten. Meine Großmutter erstand meistens einige Stangen Zigaretten zu viel – für die Lieben daheim. Diese hatte ich dann in den eigens dafür mitgebrachten Kinderrucksack über die Grenze zu schmuggeln. Als kleine Bestechung erhielt ich eine Dose der köstlichen dänischen Lakritzen oder die wunderbaren Pfefferminzbonbons. Wir sind nie aufgeflogen – und die Tat ist längst verjährt, nur die Raucher von damals leiden noch heute an den Spätfolgen. 
  3. Die Tanzmusik: Ein Mann mit Schnurrbart hinter einer Heimorgel spielte abwechselnd „An der Nordseeküste“, den Schneewalzer sowie den Ententanz. Selbst beim stürmischsten Wetter wurde mir nicht schlecht – auch nach der Currywurst nicht. Dieser Musikant jedoch schaffte es mit ein paar Takten, in mir eine gewisse Übelkeit hervorzurufen. An Bord eines solchen Butterdampfers entwickelte sich vermutlich auch mein bis heute festsitzendes Tanztrauma, da ich regelmäßig von älteren Damen aufgefordert wurde, mit ihnen eine flotte Sohle aufs Parkett zu legen. So etwas geht an einem Jungen nicht spurlos vorüber und macht einen in der Adoleszenz in Diskotheken zum Eckensteher.

Für meine Oma zählte darüber hinaus auch das regelmäßige Plündern der Glücksspielautomaten zu den festen Bestandteilen eines solchen Ausflugs: „Pling, pling, pling, schepper, schepper, drück, tröt, tüdeldü, drück, drück, blink, schepper“ – und schon hatte sie wieder deutlich mehr Münzgeld unten herausgeholt als oben hineingesteckt. Wie sie das machte, ist mir bis heute ein Rätsel, aber es hat funktioniert. Ein geheimes Omasystem vermutlich, das sie in Zeiten von Internetpoker in ungeahnte Gewinnregionen brächte. Obwohl sonst dem Kartenspiel durchaus zugewandt, konnte sie sich mit den butterfahrenden skatspielenden Herren nicht so recht anfreunden.

Wieder festen Boden unter den Füßen, ging es mit dem Schmuggelgut gut durch den Zoll, dann folgten noch einmal Busfahrten; nicht mehr ganz so lang, aber immer noch lang genug. Die Omas schliefen währenddessen ein; manche schnarchten sogar – und die wenigen Opas machten die eine oder andere günstig erworbene Flasche Korn auf, bevor auch sie zu Schnarchen begannen.

Heute gibt es leider keine Butterfahrten mehr: dafür die EU samt Binnenmarkt, Kaffeefahrten mit Heizdeckenverkauf, Essen auf Rädern und Tagesstätten für Senioren. Eine Seefahrt, die ist lustiger.

Verlosung: 50 Erfolgsmodelle. Kleines Handbuch für strategische Entscheidungen

boschblog.de verlost fünf Exemplare dieses großartigen Buches.

Ich stehe an der Bushaltestelle, mein Bus fährt im 10-Minuten-Takt. Der Fahrplan verrät mir, dass mein Bus in 9 Minuten kommen sollte. Ich warte zwei Minuten und entscheide mich dann dafür, schon einmal zur nächsten Bushaltestelle vorzugehen, um die Wartezeit etwas interessanter zu gestalten. Nach etwa anderthalb Minuten des Fußmarschs überholt mich außerplanmäßig der Bus. Hätte ich an der Bushaltestelle einfach gewartet, hätte ich ihn bekommen. Nun ärgere ich mich – und es fängt an zu regnen. Zuhause hatte ich mich entschieden, den Schirm heute nicht mitzunehmen. Obwohl der Wetterbericht Regen angekündigt hatte, herrschte zum Zeitpunkt des Verlassens meiner Wohnung strahlender Sonnenschein.

Etwas später,  ich bin mittlerweile wieder getrocknet und habe ich mich beruhigt, betrete ich die Buchhandlung meines Vertrauens. Plötzlich fällt mir ein Buch ins Auge: es ist recht kompakt und kommt daher wie ein Moleskine. Es trägt eine leicht giftgrüne Banderole, auf der geschrieben steht: „Falls Sie jetzt schon wissen, dass Sie dieses Buch wollen, ist es wohl nichts für Sie.“ Ich nehme es interessiert in die Hand und blätterte darin. Die Autoren Mikael Krogerus und Roman Tschäppeler  haben in diesem Büchlein – durchaus ernstgemeint – 50 einfache Erfolgsmodelle zusammengetragen, die helfen sollen, in Beruf und Alltag die richtigen Entscheidungen zu treffen. Natürlich zögere ich, es zu erwerben, schließlich waren alle Entscheidungen, die ich bislang an diesem Tag getroffen hatte, grundlegend falsch. Ich lege es wieder auf den Stapel, nehme es wieder in die Hand, lege es wieder zurürck (es kostet 16,90 Euro), ich blättere erneut darin, und entschließe mich dann, es doch zu kaufen.

Neben weitgehend bekannten Modellen wie der Eisenhower-Matrix, der Maslow-Pyramide oder dem Long-Tail-Modell gibt das Buch dem Leser hilfreiche Hinweise dazu, wie er erkennen kann, ob er das richtige Ziel verfolgt, wie man sich in einem Dilemma verhalten sollte, oder warum man aus seinen Erfahrungen nicht wirklich klug wird. All das ist nicht nur verständlich geschrieben und hervorragend illustriert (von Philip Earnhart), sondern zu großen Teilen auch noch interessant, hilfreich und unterhaltsam.

Ob ich die Frage nach dem Warten auf den Bus oder Schonmal-Vorgehen-bis-zur-nächsten-Haltestelle oder die nach der Schirmmitnahme künftig mit Hilfe des Buches künftig besser lösen werde, bleibt abzuwarten. Für einige meiner Leser kann ich zumindest die Frage nach dem Kaufen oder Nichtkaufen etwas vereinfachen:

Der wunderbare Zürcher Verlag Kein & Aber hat sich kurzerhand entschlossen, für meine Leser fünf Exemplare, die ich gern verlosen möchte, zur Verfügung zu stellen. Dafür ein großes Dankeschön an Joachim Leser, der unter  @keinundaber twittert, und der diese Aktion überhaupt möglich gemacht hat .

Schreibt einen Blogbeitrag, twittert oder hinterlasst einfach einen Kommentar, in dem ihr kurz schildert, welch verzwickte Problemstellungen Ihr mit Hilfe dieses Büchleins lösen möchtet. Einsendeschluss ist der 20. Juli 2009 und der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen.


50 Erfolgsmodelle. Kleines Handbuch für strategische Entscheidungen
von Mikael Krogerus und Roman Tschäppeler
erschienen 2008 bei Kein & Aber AG Zürich zum Preis von 16,90 Euro
ISBN 978-3-0369-5529-2

Die Seite zum Buch (inkl. Blog und einer Vorschau) findet sich unter:
50modelle.ch

Update: Es ist endlich soweit. Nachdem ich kurz zögerte, die Bücher doch selbst zu behalten, haben mich die Entscheidungsmodelle im Buch schließlich überzeugt, dass es besser ist, die Verlosung endlich durchzuführen. Unter halbnotarieller Aufsicht habe ich soeben mittels eines Zufallsgenerators die glücklichen Gewinner ermittelt, die ich auch alle noch persönlich benachrichtigen werde. Die Namen lauten:

Den Gewinnern gratuliere ich ganz herzlich – allen anderen wünsche ich viel Erfolg bei der Kaufentscheidung.

Achterbahn

Eigentlich mag ich keine Achterbahnen; dieses schnelle Auf und Ab bekommt mir nicht. Kino jedoch mag ich. Ganz ohne sich Zentrifugalkräften aussetzen zu müssen, kann man sich dort derzeit den Film „Achterbahn“ ansehen.

Regisseur Peter Dörfler zeigt in seinem  Dokumentarfilm das rasante Leben des Schaustellers Norbert Witte. Beginnend an der väterlichen Losbude hat sich der Protagonist im Laufe der Zeit zu einem anerkannten Mitglied der Schaustellergemeinde hochgearbeitet und besaß nach kurzer Zeit mehrere Fahrgeschäfte. Trotz großer Rückschläge – bei einem schweren Unfall mit seiner Achterbahn starben 1981 sieben Menschen – ging es immer weiter bergauf, bis er schließlich Anfang der neunziger Jahre den Vergnügungspark Plänterwald in Berlin-Treptow übernimmt. Wirtschaftlich erweist sich diese Unternehmung nicht als tragfähig, 2001 meldet Witte Insolvenz an. Kurz darauf setzt er sich mit zweistelligen Millionenschulden und einigen Fahrgeschäften nach Peru ab, doch auch hier scheitert er. Seine Frau trennt sich von ihm und kehrt nach Deutschland zurück. Um sich aus seiner finanziellen Misere zu befreien, betätigt er sich als Drogenkurier. Über 160 kg Kokain wollte Witte im Stahlgerüst eines „fliegende Teppichs“ von Peru nach Deutschland schummugeln – und wurde dabei gefasst. Während Norbert Witte im vergangenen Jahr vorzeitig aus der Haft entlassen wurde, sitzt sein von ihm zur Mittäterschaft am Drogenschmuggel angestifteter Sohn noch immer in Peru im Gefängnis.

Peter Dörfler zeigt eine interessante und rasante Lebensgeschichte. Der Film verliert sich jedoch an einigen Stellen zu sehr in Details. Immer wieder gelingt es dem durchaus sympathisch wirkenden, kriminellen Schausteller, der um keine Ausrede verlegen ist, den Zuschauer auf seine Seite zu ziehen. Beachtenswert ist jedoch, dass der Regisseur dieses Bild stets realativiert, indem genauso wiederkehrend auch die Sichtweisen von Zeitzeugen – allen voran Wittes geschiedener Frau Pia – ins Spiel bringt. Menschliches Scheitern wird schonungslos gezeigt, ohne jedoch dabei den Hautpdarsteller bloßzustellen. Lobenswert ist auch die stimmige musikalische Untermalung – insbesondere in der Schlussszene. Insgesamt handelt es sich bei „Achterbahn“ um einen sehenswerten Film, der sich angenehm von dem üblichen Kinoeinerlei abhebt.


weiterführende Links

Kleine Schleswig-Holstein-Tour

Verfall in der schleswig-holsteinischen Provinz

Wir fahren auf einer Landstraße im Niemandsland zwischen Nordfriesland und Dithmarschen. Das Land ist hier sehr flach. Ich befinde mich auf dem Beifahrersitz und ziehe die imaginäre Notbremse. Mein Auge hat soeben etwas sehr häßliches entdeckt – ich muss es photographieren, ich kann nicht anders.

Irgendwo dort, wo Ortschaften Namen wie Wesselburen, Haferwisch oder Oesterwurth tragen, ist der Verfall der Provinz nicht mehr aufzuhalten.

Ein paar Meter weiter, am Eidersperrwerk, weht ein rauher Wind. Karg ist es hier, sehr karg. Ein kilometerlanger Deich aus Beton säumt die Straße.

Am Eidersperrwerk

Am Eidersperrwerk

Wer nun meint, im nahegelegenen Kurort Sankt Peter-Ording einer landschaftsbedingt aufkommenden Melancholie entgehen zu können, der irrt.

Sitzbank am Strand von Sankt Peter-Ording

Sitzbank am Strand von Sankt Peter-Ording

Hier ist es nämlich auch nicht besser: gelangweilte Kurgäste, mittelmäßige Eiscafés und unzählige Geschäfte für Windjacken.


Weitere Photos: