Christian Kracht – Air

Ein schmales Buch, nur 200 Seiten. Und doch finden zwei Welten darin Platz. Auf der einen Seite: Manufaktum-Katalog und Kinfolk, spröde Landschaften, Sauerteigbrot, schwere Fahrräder, die richtigen Farben – Lifestyle. Auf der anderen: eine karge Fantasywelt, unwirtlich, zweidimensional, mit einem bedrohlich mächtigen Herrscher. Ein Ereignis katapultiert den Protagonisten von der einen in die andere.

Was soll das? Das Buch ist klüger als sein Autor, heißt es. Doch liest man die sich mit Deutungen überschlagenden Rezensionen (Kinderbuch, Hollywood, Science-Fiction, Modernekritik etc.), gewinnt man den Eindruck, als wollten die Rezensenten wiederum klüger sein als das Buch. Man wünscht sich sofort eine neue Poetikvorlesung von Christian Kracht – und freut sich zugleich, dass er zu all dem beharrlich schweigt. Keine Interviews, keine Podcasts, keine Talkshows.

Man will das Buch langsam lesen. Denn jede Seite ist ein Genuss. Dazu eine Scheibe frisches Sauerteigbrot, natürlich. Aschdanne – das Gemüse, das es nicht gibt – war leider nicht erhältlich.

Fred

Jetzt  ist  die  Jahreszeit,  in  der  Vögel morgens wieder lautstark zwitschern. Missmutige Teenager verabscheuen dies, weil sie sich in ihrem Schlaf gestört fühlen. Alle normalen Menschen mögen Vögel. Zumindest die, die ihnen nicht auf den Kopf kacken.

So auch A. Sie fand die kleine Blaumeise hilflos am Wegesrand und nannte sie Fred. Fred zeigte sich zeigte sich zwar vital, konnte aber nicht fliegen. Was tun?

Der Kleintierambulanz der Universität am anderen Ende der Stadt sind Singvögel zu gewöhnlich, um sie nach den Regeln der Wissenschaft der Veterinärmedizin zu behandeln. Außerdem war Wochenende und am Wochenende behandelt man dort vermutlich nicht einmal vom Aussterben bedrohte Raubvögel des Jahres. Im Internet raten die Expert:innen der Wildtierrettung, das hilflose Gefieder mitzunehmen, es in einem Karton an einem geschützten Ort abzusetzen und zu warten. Nicht füttern, kein Wasser bereitstellen. Häufig kommt das Federvieh innerhalb von vier Stunden ganz von selbst wieder zu Kräften. 

Wir pflückten etwas Gras, damit Fred es bequem hat, in seinem Karton auf unserem Balkon. Ein paar Mal flatterte Fred noch, aber es reichte nicht, um sich in die Lüfte zu schwingen. Kurze Zeit später hörte sein kleines Vogelherz auf zu schlagen.

Er hat es nicht geschafft. Am Abend haben wir ihn im Garten hinter dem Haus begraben. Wie leicht Fred war. Keine 20 Gramm. Mach’s gut, kleiner Piepmatz.

Ausgesetzt

Was könnte man in Zeiten wie diesen dringender gebrauchen als etwas Wärmendes? Doch völlig unbeachtet liegt sie da, am Wegesrand: die herbstfarbene Wärmflasche. Ein Zuverschenkenfunktionierteinwandfreischild wäre eine schöne Geste gewesen. Das Schild fehlt jedoch. Vermutlich hat der Wäremespender einen Riss. Keinen poetischen, wie bei Leonard Cohen, der das Licht reinlässt – schließlich ist Licht in der Wärmflasche so wünschenswert wie ein Loch im Kopf. Sie ist einfach nur Unrat. Und wenn alles gut geht, ist sie in nur 450 Jahren komplett verrottet.

Deichkind, 24.08.2024, Parkbühne Wuhlheide

Deichkind am Samstag: Leider geil. Die Musik, die Show, die
t-shirt-wetter-warme Nacht, die großartige Parkbühne Wuhlheide weit draußen am Rande von Berlin – alles passt und ballert in perfekten Maßen, ganz ohne am Folgetag aufgeregte Erdbebenmessungsmeldungen in der lokalen Kulturpresse hervorzurufen. 

Mittags vom meinem Glück noch nichts ahnend einen Kaffee in einem für mich abseitigen Viertel der Stadt, in das ich mich tatsächlich immer nur widerwillig begebe, zu mir genommen und dort den mir aus Hamburg lediglich vom eher flüchtigen Moinsagen bekannten La-Perla-Henning aka DJ Phono getroffen. Was machst du hier? Wir spielen heute abend in der Wuhlheide. Cool. Komm doch rum. Okay. Und schon stehe ich völlig überraschend auf der Gästeliste mit Aftershowpartytamtam. Ein feiner Zug, das, ganz wunderbar.

Die Hamburger Hiphopelectropunkkapelle ja immer nur aus der Ferne, wenn auch mit größerem Interesse verfolgt habend, ohne je überschwänglicher Fan gewesen zu sein, hat mich das Bühnenspektakel angenehmst affiziert. Das Fass, das Boot, aber vor allem auch die kleinen schelmischen Choreografien, während der die Bühnencrew anarchisch auf Bürostühlen hin und her rollte oder marypoppinsgleich Regenschirme schwenkte, toll. Musik, Text, Show, alles ganz fein erdacht und hintersinnig. Okay, ich gebe zu, ich war schon ein bißchen geflasht. Danke, Deichkinnings.

boschblog.de
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.