Rettet die Wale

Der Sinnlosigkeit unseres Daseins vollkommen bewusst, versuchen wir zwischen Blasmusik und Apokalypse das Blatt doch noch zum Guten zu wenden. Denen dies naturgemäß ebenfalls nicht gelingen will, obwohl sie sich viel mehr anstrengen als wir, widmen wir ein müdes Lächeln. Es nicht einmal mehr Zynismus, sondern Resignation, die unsere Gesichtszüge entspannen lässt. Wenigstens sind wir mit unserem Lächeln nicht allein – aber auch darin ist kein Trost zu finden.

Nach dem Aufstehen zum halbleeren Glas greifen, in dem man Wasser wähnte, sich aber noch der Rest des Wodkas vom vorvergangenen Abend befindet, und einen großen Schluck nehmen. Dann das Romanfragment aus der Schublade ziehen und verbrennen; anschließend die Wale retten.

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GustavRettet die Wale

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Dies ist ein Beitrag aus meiner Serie “Der Soundtrack meines Lebens”.

Tschick

Außenseiter sein, bescheuerte Eltern haben, in Mädchen verlieben, nicht zur Party eingeladen werden, Freund finden, Bild malen, alten Lada klauen, Musik hören, Wegfahren, Abenteuer erleben, fast küssen, Himbeeren essen, angeschossen werden, Unfall bauen, verhaftet werden, Ärger kriegen, nach Hause kommen, in den Pool springen.

All das und noch viel mehr ist Tschick – ein Roman Wolfgang Herrndorf. Jeder, der das Buch gelesen hat, hat es gern getan und täte es jederzeit wieder. Ich auch.

Kurt Tucholsky: Fröhliche Ostern!

Fröhliche Ostern!

Da seht aufs neue dieses alte Wunder:
Der Osterhase kakelt wie ein Huhn
und fabriziert dort unter dem Holunder
ein Ei und noch ein Ei und hat zu tun.

Und auch der Mensch reckt frohbewegt die Glieder –
er zählt die Kinderchens: eins, zwei und drei …
Ja, was errötet denn die Gattin wieder?
Ei, ei, ei
ei, ei
ei!

Der fleißige Kaufherr aber packt die Ware
ins pappne Ei zum besseren Konsum:
Ein seidnes Schnupftuch, Nadeln für die Haare,
die Glitzerbrosche und das Riechparfuhm.

Das junge Volk, so Mädchen wie die Knaben,
sucht die voll Sinn versteckte Leckerei.
Man ruft beglückt, wenn sie’s gefunden haben:
Ei, ei, ei
ei, ei
ei!

Und Hans und Lene steckens in die Jacke,
das liebe Osterei – wen freut es nicht?
Glatt, wohlfeil, etwas süßlich im Geschmacke,
und ohne jedes innre Gleichgewicht.

Die deutsche Politik … Was wollt ich sagen?
Bei uns zu Lande ist das einerlei –
und kurz und gut: Verderbt euch nicht den Magen!
Vergnügtes Fest! Vergnügtes Osterei!

(Kurt Tucholsky)

Zürau

Ein erstes Zeichen beginnender Erkenntnis ist der Wunsch zu sterben. Dieses Leben scheint unerträglich, ein anderes unerreichbar. Man schämt sich nicht mehr, sterben zu wollen; man bittet aus der alten Zelle, die man haßt, in eine neue gebracht zu werden, die man erst hassen lernen wird. Ein Rest von Glauben wirkt dabei mit, während des Transportes werde zufällig der Herr durch den Gang kommen, den Gefangenen ansehn und sagen: »Diesen sollt Ihr nicht wieder einsperren. Er kommt zu mir.«

Franz Kafka, aus „Die Zürauer Aphorismen“

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