Leckere Magenmorsellen und Twitterlesung

Kaum verlässt man die gewohnten Pfade, begegnen einem die merkwürdigsten Dinge. Bei meinem gestrigen Besuch in  einer Apotheke, die nicht die A. meines Vertrauens ist, entdeckte ich beim Schweifen meines Blickes unter der Ladentheke „Leckere Magenmorsellen“. Auf den Erwerb derselben habe zwar ich verzichtet, dennoch erfreute mich den ganzen Tag der Gedanke an das Wort „Magenmorsellen“. Ich kann nicht ausschließen, dass allein der Klang des Wortes „Magenmorsellen“ eine leicht gesundheitsfördernde Wirkung entfaltet – und wenn sie dazu auch noch „lecker“ sind, umso besser.

Mindestens genauso sinnvoll – wenngleich möglicherweise auch nicht ganz so „lecker“ – ist die anstehende Twitterlesung: am Donnerstag, den 22. Januar dieses Jahres werden meine Kollegen von Twitkrit und ich erstmalig die Freie und Hansestadt Hamburg mit twitterarischen Kuriositäten beglücken. Details zu dieser Veranstaltung finden sich hier. Kommt alle!

Biréli Lagrène & Sylvain Luc in Hamburg


Biréli Lagrène und Sylvain Luc

Freitagabend im Rolf-Liebermann-Studio des Norddeutschen Rundfunks: Auf der Bühne: zwei Männer, zwei Gitarren; nichts weiter. Scheinbar unabhängig voneinander beginnen sie das Konzert; wie vereinzelte Schneeflocken rieseln die Töne in den Raum, und erst nach einigen Minuten klar, wohin die Reise geht. Das Thema von Bobby Hebbs‘ Sunny ertönt; im Laufe des Abends folgen weitere bekannte Melodien: Antonio Carlos Jobims Bossa Nova Wave sowie die Jazz-Standards All The Things You Are und Autumn Leaves werden gespielt. Zahlreiche – schon längst verbrauchte – Klassiker erklingen hier in wundervoll raffinierten, nie gehörten Arrangements. Technisch und musikalisch sind dem Duo keinerlei Grenzen gesetzt. Beide Gitarristen sind einander seit vielen Jahren vertraut, und leicht fällt es ihnen, auf ihren Duopartner spontan zu reagieren. Immer wieder entlocken sie ihren Akustikgitarren unvermutete Klangeffekte: mal wird aus dem Korpus ein Perkussionsinstrument, mal wird eine Saite während des Spiels geschickt zum Bass heruntergestimmt. Aus tausendmal gehörten Herbstblättern wird ein Tango, der sich sogleich in ein Menuett wandelt. Im Funk sind Biréli Lagrène und Sylvain Luc genauso zuhause wie im Blues. Natürlich dürfen auch einige der Eigenkompositionen ihres famosen 2002 erschienenem Album Duett nicht fehlen, bis sie schließlich ihren gefeierten Auftritt nach gut 75 Minuten mit Stevie Wonders Isn’t She Lovely beenden. Nur selten kann man auf der Gitarre Virtuosität und Musikalität so sehr vereint sehen wie an diesem Abend. Biréli und Silvain – ihr wart großartig; vielen Dank dafür.

Dann die Pause: Während das Abo-Publikum routiniert zum kalten Buffet stürzt, ereifert sich eine ältere Dame im gnatterigen Ton: „Das war nur etwas für Gitarristen. Und richtig zusammengespielt haben die auch nicht.“  Die Erkenntnis, was es mit dem Wunder der Polyrhythmik auf sich hat, wird ihr leider vermutlich auf ewig verwehrt bleiben.

In der zweiten Hälfte des Abends ging das musikalische Niveau rasant bergab. Die NDR Bigband gab unter ihrem neuen musikalischen Leiter Jörg Achim Keller Eigenkompositionen der Ensemblemitglieder zum Besten. Kompositionen mit sperrigen Namen wie Das Gerüst oder Die Maus ist tot, es lebe die Maus entpuppten sich als einfältige Werke zwischen gewollt atonal und Fahrstuhlmusik. So zeigte sich die Bigband enttäuschend weit unter ihren Möglichkeiten und klang leider untypisch: öffentlich-rechtlich.

Wenn es am Schönsten ist, sollte man aufhören, heißt es. Das galt auch für dieses Doppelkonzert.

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Weiterführende Links:

Twitterlesung II

Seit der zweiten Twitterlesung am 16. Oktober sind bereits ein paar Tage vergangen. Aber was lange währt, wird endlich gut. Daher freue ich mich sehr, den soeben veröffentlichten Mitschnitt dieser Veranstaltung mit Euch zu teilen. Ab 1:55 min. darf ich auch etwas sagen. Im Laufe der Veranstaltung habe ich noch zwei meiner Texte aus Twitkrit gelesen:

Der Gestank der Heimarbeiter

Die Nächste Kugel

Vielen Dank an Hobnox für Bild und Ton sowie an Fred von ‚Ich fang nochmal an …‘ – Neuköllner Lesebühne für die Gastfreundschaft.

Der Baader Meinhof Komplex

Die gestrige Pressevorführung war besser gesichert als das Gefängnis in Stuttgart-Stammheim: Mobiltelefone und Kameras wurden den Besuchern abgenommen und während der Filmvorführung in durchsichtigen Plastiktüten aufbewahrt. Zusätzlich wurden beim Betreten des Saals noch einmal die Taschen kontrolliert.

Für den frühen Vormittag war der von Bernd Eichinger produzierte Film unter der Regie von Uli Edel harte Kost. Der Film erzählt die Geschichte der RAF, beginnend bei Protesten gegen den Besuch persischen Schahs im Jahre 1967, bei denen der Student Benno Ohnesorg durch einen Polizisten getötet wird, bis hin zur Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer am 19. Oktober 1977 in rasant geschnittenen 150 Minuten. Dazwischen das Attentat auf Rudi Dutschke, die Brandbomben in den Kaufhäusern, Verhaftungen, Befreiungen, das Abtauchen in den Untergrund, Schusswechsel, Banküberfälle, Militärausbildung in Jordanien, Banküberfälle, die Erfindung der Rasterfahndung, Bombenanschläge, erneute Schießereien, Festnahmen, das Olympia-Attentat 1972, Hungerstreiks, Entführungen, die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Bubacks, der Stammheim-Prozess, die Erschießung des Bankiers Jürgen Pontos, die Schleyer-Entführung, Ulrike Meinhof erhängt sich in ihrer Zelle, die Entführung der Lufthansamaschine „Landshut“ und die Geiselbefreiung in Mogadischu, der Selbstmord von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Alles geht rasend schnell, Zeit für Hintergrundinformationen bleibt keine, der Film ist mehr eine Collage.

Obwohl so weit wie möglich der Buchvorlage Stefan Austs orientiert, handelt es sich keineswegs um einen Dokumentarfilm. Was auf der Leinwand gezeigt wird, erinnert – gerade in den aktionsreichen Szenen – mehr an Hollywood als an einen Film der Bundeszentrale für politische Bildung. Kein Wunder, schließlich handelt es sich um eine der aufwendigsten deutschen Filmproduktionen aller Zeiten: Vierundsiebzig Tage wurde gedreht, überwiegend in Berlin und Umgebung, aber auch in der JVA Stuttgart-Stammheim, im Marokko und Rom. Kaum ein namhafter deutschsprachiger Schauspieler war nicht an der Produktion beteiligt. Neben den mit Martina Gedeck (Ulrike Meinhof), Moritz Bleibtreu (Andreas Baader) und Johanna Wokalek (Gudrun Ensslin) besetzten Hauptrollen wurden auch alle anderen Beteiligten mit hervorragenden Darstellern gespielt, darunter Bruno Ganz (Horst Herold), Nadja Uhl (Brigitte Mohnhaupt), Jan Josef Liefers und Alexandra Maria Lara. Insgesamt wurden 123 Sprechrollen vergeben und 6.300 Komparsen eingesetzt.

Mitte der siebziger Jahre geboren, bin ich zu jung, um die Zeit des linksextremen Terroismus noch miterlebt zu haben. Nur vage erinnere ich mich an rotumrahmte Fahndungsplakate, auf denen stets einige Gesichter durchgestrichen waren. Meine erste richtige Erinnerung reicht zurück an die Ermordung Alfred Herrhausens, dem damaligen Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Das war 1989, damals waren Baader, Meinhof und Ensslin längst tot und die Rote Armee Fraktion kurz vor ihrer Auflösung. Die Diskussion um die Begnadigung des Terroristen Christian Klar im vergangenen Jahr hat gezeigt,  wie das Thema RAF die Menschen noch immer beschäftigt – über dreißig Jahre nach dem Deutschen Herbst. Die Morde an Buback und Schleyer sind bis heute nicht vollständig aufgeklärt, genausowenig wie die Frage, ob die Behörden die Gespräche der Gefangenen in der Todesnacht von Stammheim abgehört haben. Das Thema „innere Sicherheit“ sowie die damit verbundenen staatlichen Überwachungsmaßnahmen, die in den siebziger Jahren mit der Rasterfahndung ihren Anfang nahmen, die Einschränkung von Bürgerrechten und Datenschutz, sind aktueller als je zuvor. Gründe, sich diesem Thema filmisch zu nähern, gibt es also genug.

Unstreitig handelt sich um einen Stoff, der fast zu komplex ist, um in einem einzigen Spielfilm transportiert zu werden. Die Macher haben jedoch ganze Arbeit geleistet: die Geschichte der ersten RAF-Generation wird weitgehend unverfälscht gezeigt. Im Film geht es weniger um die Theorie als um die Taten – von den Anfängen bis hin zu vollkommenen und unkontrollierbaren Eskalation der Gewalt, gänzlich ohne Sympathieträger wird der Wahnsinn jener Zeit dargestellt. Lobenswert auch, dass keine Handlung dazuerfunden wurde, um diese in einen historischen Rahmen zu packen. Der deutsche Oscar-Beitrag spannt den großen Bogen über ein dunkles Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte. Wer sich mit diesem bislang nicht auseinandergesetzt hat, wird von der Vielzahl der handelnden Personen jedoch möglicherweise eher verwirrt sein. Der Baader Meinhof Komplex ist ein sehenswerter und gut gemachter Film, der jedoch schon mit Blick auf die behandelte Thematik keine Begeisterungsstürme auslöst, sondern eher nachdenklich stimmt.

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