Hamburg-Berlin (Ein Mitfahrbericht)

Auf dem Potsdamer Platz

Berlin, Du spröde Metropole. Keine 300 Kilomenter trennen Dich von Hamburg – und doch ist es nicht einfach, Dich zu erreichen. Die Bahnfahrt dauert derzeit über zwei Stunden. Eine Baustelle ziert wieder einmal den Weg, und außerdem kostet die Fahrt etwa so viel wie eine durchschnittliche Monatsmiete (in der Hauptstadt wohlgemerkt). Auch Busfahren ist keine Alternative; der größte Teil der Mitreisenden führt Plastiktüten als Gepäckstück mit sich und versprüht unangenehme Ausdünstungen. Meine letzte Hoffnung, Dich doch noch zu erreichen, ist die über das Internet organisierte Mitfahrt in einem Kraftfahrzeug einer der vielen Pendler zwischen den Großstädten. Doch auch dies ist nicht ohne Hürden: einige beginnen ihre Fahrt in Vierteln, die von meinem Wohnort fast so weit entfernt sind wie das Reiseziel selbst, andere bieten ausschließlich Mitfahrgelegenheiten „von Frauen für Frauen“ an oder rauchen Kette. Die meisten allerdings bekunden beim Anruf: „… bin schon voll.“ Vielen Dank, aber bei einem vollen Fahrer wäre ich ohnehin nicht eingestiegen.

Schließlich findet sich doch noch eine Mitfahrgelegenheit für mich: eine verhuschte Frau in einem winzigen koreanischen Kleinwagen, der vollgestopft ist mit Gepäck und Mitfahrern. Am Rückspiegel hängt eine Figur von Hein Blöd und ein nicht näher zu identifizierender Gegenstand, der wie eine Voodoo-Puppe ohne Nadeln aussieht, die Rückbank wird durch ein Kunstkuhfell geschützt. Die Frau am Steuer gibt nimmt auf der Autobahn mehrfach unvermittelt den Fuß vom Gas; meistens wenn ihr Mobiltelefon klingelt, manchmal aber auch einfach nur so. Die Situation der Fahrerin scheint prekär: Am Telefon melden sich verschiedene Menschen, denen die Fahrerin Geld schuldet, das sie ihnen schon längst überweisen wollte. „Geld ist im Moment knapp bei mir“, lautet der von ihr am häufigsten gesagte Satz und nimmt dabei wieder den Fuß vom Gaspedal.  Bei wem nicht, denke ich und bin verwundert, dass sie die Fahrtkosten nicht schon an der zwischendurch angesteuerten Tankstelle kassiert. Jeden Moment rechne ich damit, dass die Frau hinter dem Steuer große Stricknadeln aus dem Handschuhfach holt, um damit die am Spiegel hängende Puppe zu bearbeiten und weiß nicht, ob ich mehr Angst vor einem Auffahrunfall oder vor der drohenden Thrombose haben soll.

Wenigstens schweigen die Mitfahrer. Während ich aus dem Fenster schaue, frage ich mich, ob es das Waldsterben noch gibt. Jedenfalls habe ich seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nichts mehr davon gehört. Vielleicht ist es für Umweltschutzorganisationen auch nicht mehr spektakulär genug, für die Erhaltung des deutschen Waldes zu kämpfen. Um heute die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erlangen, braucht es schon einen Atomunfall oder zumindest einen Tsunami. Der Wald am Rande der Autobahn ist jedenfalls sehr kahl: Entweder ist er  bereits tot oder das ist einfach nur der Winter.

Nach knapp drei Stunden Fahrt erreichen wir unser Ziel: Berlin-Messe. Eine trostlose Gegend. Es regnet (weitaus stärker als in Hamburg). Trotzdem besuche ich Dich immer gern, Berlin.

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Meine Berlinphotos auf flickr: Potsdamer Platz, Tiergarten und Wedding

Miniatur-Wunderland

Auf der Alm da gibt's koa Sünd

Ein Oval mit einem Durchmesser von etwa 1,5 Metern. Strom an: der Zug fährt. Strom aus: der Zug hält. Es war ein Güterzug im Maßstab 1:160, Spur N. Später kam noch ein Abstellgleis dazu. Obwohl ich mir als Kind immer eine Modellbahn gewünscht hatte, war die Euphorie schnell verflogen: Dieses ewige Zugkreisen führte doch zu nichts.

Irgendwo in der Hamburger Speicherstadt auf einem der vielen Berge hinter einen Gebüsch liegt ein Paar und vögelt. Ein Fotograf hält diese Szene im Bild fest, was wiederum von einem anderen Fotografen fotografiert wird. Der Fotograf im Maßstab 1:87 trägt eine blaue Jacke, während der Fotograf im Maßstab 1:1 mit einem schwarzen Pullover bekleidet ist. Letzterer bin ich.

Wenngleich mein Herz nie wirklich für das Modelleisenbahnwesen schlug, kann ich eine gewisse Entzückung ob der zahlreichen liebevoll gestalteten Details in der größten Modelleisenbahnanlage der Welt nicht verhehlen. Züge gibt es dort übrigens auch.

Der Knochenmann

Meine nicht näher zu bezeichnende Begleitperson, im Folgenden BP genannt, hatte nur wenig Freude an diesem Film. Ich hatte dies bereits vermutet, da BP Vegetarierin ist, und im Knochemann die Machenschaften eines Hendlwirts und der Gebrauch seiner Knochenmühle im Vordergrund stehen.

Da mich BP jedoch vor einiger Zeit in die Abba-Schmonzette „Mamma Mia“ verschleppte, empfand ich diese Revanche als durchaus angemessen: Eine Hochzeit, eine griechische Insel und ein schwedenpopsingender ehemaliger James-Bond-Darsteller waren zu viel für mich und bereiten mir noch nächtelang nach diesem cineastischen Desaster schweißgebadete Alpträume.

Ich bevorzuge die Verfilmung eines österreichischen Wolf-Haas-Krimis, der einmal mehr alle Vorurteile über die österreichische Seele glänzend zu bestätigen vermag. Anhänger von Donna Leon oder dem Großstadtrevier werden sich möglicherweise lieber „Mamma Mia“ ansehen, allen anderen sei der im Knochenmann ermittelnde Privatdetektiv Brenner wärmstens empfohlen: niemand schreibt so komisch-böse Krimis wie Wolf Haas und niemand guckt so wie Hauptdarsteller Josef Hader.

Warum letzterer allerdings nicht – wie angekündigt – zur Vorpremiere erschien, bleibt Enttäuschung und Rätsel zugleich.

Deine Preise

Zum Ende eines jeden Jahres nach meinen Wünschen für das kommende gefragt, antworte ich regelmäßig: „Glück, Gesundheit, Friede auf Erden, wirtschaftlichen Aufschwung für alle und eine Neuerscheinung aus dem Nachlass Thomas Bernhards.“

Nachdem das Verlagshaus Suhrkamp in der jüngsten Vergangenheit ausschließlich durch seine Umzugspläne nach Berlin sowie das zweifelhafte Anliegen der Herausgabe einer eigenen Krimiserie von sich Reden machte, wird mir nun mein Herzenswunsch erfüllt. Zwar handelt es sich leider nicht um einen verschollenen großen Roman, aber immerhin um eine kurzweilige Sammlung von Prosatexten, in denen der vor ziemlich genau 20 Jahren verstorbene Schriftsteller auf die ihm verliehenen Literaturpreise zurückblickt.

An der Zeremonie der Preisverleihung selbst hatte der Autor „naturgemäß“ wenig Freude, aber seine vielen Häuser mussten irgendwie bezahlt werden. Prägnant wie selten bringt Bernhard die Sache auf den Punkt: „Nehme ich nicht das Geld, wird es einer Niete in den Rachen geworfen.“

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Weiterführende Links:

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