Gästeliste


Es handelt sich zwar lediglich um einen reservierten Tisch,
aber irgendwie passt das Bild trotzdem ganz gut.

Gästelisten sind eine gute Sache, besonders wenn der eigene Name darauf steht. Zeigt dies doch, dass man bei einer Veranstaltung ein gerngesehener Gast ist und entbindet es elegant von der Entrichtung des regulären Eintrittspreises. Man nennt am Eingang lediglich seinen Namen, und es wird einem in der Regel kurzerhand komplikationslos Zutritt gewährt.

Angenommen, mein richtiger Name lautete Emil Stockfisch, so empfiehlt es sich, mich unter diesem Namen auf die Liste zu setzen. Alternativ könnte man, so man sich meines tatsächlichen Namens beim besten Willen nicht erinnern kann, auch mein Pseudonym bosch an der Tür hinterlassen. Kompliziert wird es indes, wenn man mich unter der Bezeichnung Emil Bosch auf die Liste setzt. Unter dieser Kombination bin ich nämlich niemandem bekannt – nicht einmal mir selbst. Und ein heiteres Gästelistennamenraten schätzen die Damen und Herren von der Tageskasse, wie ich kürzlich feststellen durfte, überhaupt nicht.

Die Kernfusion im Wasserglas


Foto: niallkennedy

Ich hätte auch gern etwas Kleines. Nein, nicht was Sie jetzt wieder denken mögen. Ich will nichts, was schreit und in die Hose macht. Mir schwebt eher etwas vor, das silbern schimmert und lieblich klingelt. Kürzlich präsentierte mir ein gadgetverliebter Freund voller Stolz sein neues Mobiltelefon – natürlich ein iPhone. Mit leuchtenden Augen und einer übertriebenen Bedeutung in der Stimme erklärte er mir, dass man damit nicht nur telefonieren, unterwegs im Internet surfen oder Musik hören könne. „Dieses edle Designwerkzeug bringt einen wahren Mobilitätsschub. Es vermittelt dir ein völlig neues Lebensgefühl“, sagte er voller Stolz und wirkte dabei etwas wie einer dieser synchronisierten Laienverkäuferdarsteller auf dem TV-Sender QVC. Meinen lakonischen Versuch, seine flammende Anpreisung zu stoppen, indem ich anmerkte, dass es vermutlich nichts auf der Welt gäbe, was dieses Telefon nicht könne – von der Zubereitung eines Gurkensandwiches bis hin zur Kernfusion im Wasserglas -, überhörte er geflissentlich. „Es kann nicht nur fast alles, es sieht dabei auch noch verdammt gut aus“, fuhr er seine Verkaufsschau unaufhaltbar fort. Auch Tom-Tom, der zweijährige Sohn meines Freundes, welcher seinen Doppelnamen einem wegweisenden Elektrogerät verdankt, bemerkte schnell, dass dieses plötzlich aufgetauchte silberne Gerät die Welt veränderte. Nun stand nicht mehr er im Mittelpunkt des Geschehens, sondern dieses neue Telefon.

Das musst Du unbedingt haben, dieses Telefon, dachte ich damals noch, als vor ungefähr einem Jahr ein unrasierter grauhaariger Mann in einem schwarzen Rollkragenpullover das Gerät erstmals einer staunenden Öffentlichkeit präsentierte. Seitdem träumte ich jeden Tag von dem geschmeidigen Utensil mit der berührungsempfindlichen Bedienoberfläche.

Utz, Kapitel 4: Kaffeehauspsychose

Noch immer etwas niedergeschlagen von der Busfahrt, betrat Utz das kleine Kaffeehaus. Bis zum Beginn der Vorstandssitzung blieb ihm noch fast eine Stunde Zeit, und so bestellte er noch ein Kännchen Knollenblätterpilztee zu der von ihm so geliebten Kohlrabitorte. Eigentlich wollte er an diesem Ort nur noch ein wenig meditieren und ein unverständliches Mantra vor sich hinmurmeln, wie er es immer tat, wenn er in diesem Café saß und die Zeit bis zum Beginn der Vorstandssitzung des Vereins zur Pflege der Schirmmützenkultur Deutschlands e. V. überbrücken musste.

Am Tisch neben Utz saßen zwei übermäßig aufgetakelte Grundschullehrerinnen, deren Schüler ihm sofort leid taten. Jeden Tag mehrere Stunden im Dunstkreis einer brechreizauslösenden Parfümwolke zu verbringen, fördert sicher nicht das Lernverhalten von Erstklässlern, dachte Utz, während er genüsslich in seine Kohlrabitorte biss. Wie er dem unüberhörbaren Geschnatter seiner Tischnachbarinnen entnehmen konnte, sammelte ein vermutlich längst erstickter Lebensgefährte der einen Grundschullehrerin mit großem Eifer Yps-Hefte. Daraufhin die zweite: „Waren das nicht diese Comics mit diesen Extras?“ – „Ja, da gab es immer so merkwürdige Beilagen„, erwiderte daraufhin die erste, „Urzeitkrebse und so’n Zeug.“ Es folgte eine gleichermaßen detaillierte wie angewiderte Analyse der Sinnhaftigkeit der Comiczugaben, in deren Verlauf immerzu von „Beilagen“ und „Extras“ die Rede war. Utz war in seiner nicht immer glücklichen Kindheit selbst ein leidenschaftlicher Yps-Leser gewesen. Die Tage, an denen ein neues Heft erschien, waren stets seine glücklichsten. Außerdem verspürte er nicht zuletzt wegen des prägnanten Namens eine gewisse Sympathie für den gezeichneten Protagonisten der Urzeitkrebsfachzeitschrift. Angesichts des fortschreitenden Grundschullehrerinnendilettantismus, welcher sich nun nicht nur auf Urzeitkrebse, sondern schließlich auch noch auf Geld-Zauber-Maschinen, Blasrohrpistolen, Kompressionsraketen und Pupskissen sowie viele weitere „Beilagen“ und „Extras“ erstreckte, konnte Utz plötzlich nicht mehr innehalten. Unvermittelt sprang er auf und schrie, so laut er konnte, in die Parfümwolke: „Es heißt Gimmick, verdammt nochmal!“ und verließ umgehend und ohne zu bezahlen das Kaffeehaus.

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Umfrage: So ein Fortsetzungsroman macht mal mehr und mal weniger her.
Es liegt in Eurer Hand: soll Utz leben oder sterben? Eure Antwort bitte in die
Kommentare. Danke.

Warenwelten #4: Tauben, Fischmarkt und Verbrecher

Zufällig führte mich mein gestriger Weg direktemang über den Fischmarkt. Ich war schon seit vielen Jahren nicht mehr dort; ist dieser Ort doch zu einer Touristenfalle verkommen, die gleich einem schwarzen Loch riesige Mengen an auswärtigen Hamburgbesuchern in sich aufsaugt, und ein paar Stunden später nichts weiter zurücklässt als bergeweise Unrat (ob ein schwarzes Loch neben Gravitationskräften auch die Fähigkeit hat, Touristen in Unrat zu transformieren, vermag ich aus physikalischer Sicht nicht zu beurteilen). Das Wassergetier, dem dieser Markt seinen Namen verdankt, wurde im Laufe der Zeit immer mehr zur Nebensache. Mittlerweile finden sich hier mehr Händler, die versuchen, stumpfe Rasierklingen, leere Batterien, kurzfristig gammelndes Obst und Gemüse sowie neuartige Autopolituren, die nicht nur den Schmutz, sondern sehr zuverlässig auch gleich den Lack des Fahrzeuges mitentfernen, an die von ihrem Reeperbahnbummel übernächtigten Hansestadtbesucher zu bringen. Nur wer ganz genau hinhört, kann irgendwo im Getümmel das vom jahrzehntelangen Marktschreien schon ganz heiser gewordene Rufen von Aale-Dieter hören, der als einer der letzten seiner Zunft noch mit Nachdruck fangfrischen Fisch anpreist.

Plötzlich musste ich stocken, als ich im Winkel meiner noch im Halbschlaf befindlichen Augen einen mir bis dahin unbekannten Marktstand entdeckte. Hier wurde lebendes Geflügel in winzigen Käfigen feilgeboten. Steckte man glückliche Legebatterienhennen in diese nur schuhkartongroßen Käfige, bekämen sie Platzangst. Steckte man andersherum das hier eingesperrte Federtier in eine konventionelle EU-genormte Legebatterie, so fühlte es sich sicher wie ein einsamer Kuhjunge in den endlosen, hügeligen Weiten der Kinowerbung und würde sofort nach Lasso, Pferd und Zigaretten verlangen. Alles, was zwei Beine und Federn hat, wurde an diesem tierfeindlichen Marktstand angeboten – so auch Tauben.

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