Paternoster

Pauline und Pjotr trafen einander das erste Mal auf dem Platz vor dem Planetarium. Pilze wollten sie ursprünglich sammeln, aber naturgemäß gab es auf dem Platz vor dem Planetarium keine Pilze. Plötzlich fassten sie den Beschluss, gemeinsam eine Pinte aufzusuchen. Auf den Plätzen neben ihnen saßen Männer, die weder besonders alt, noch besonders jung waren. Genau betrachtet, waren sie überhaupt nicht besonders. Die Männer spielten eine Partie Poker während sie gelangweilt an ihrem, schon etwas abgestandenem Pils nippten.

Pauline schwärmte Pjotr vom Paternosterfahren vor: Immer wenn sie traurig sei, so Pauline, deren Augen nun ein Pjotr bis dahin unbekanntes Leuchten preisgaben, fahre sie im ehemaligen Paketamt, gegenüber ihrer kleinen Wohnung, eine große Runde mit dem Paternoster. „Einmal ganz oben herum und einmal unten“, sagte sie, „sonst hilft es nicht.“ Pjotr ist noch nie Paternoster gefahren, obwohl auch er oft traurig ist. „Auf keinen Fall darf man im obersten Stockwerk aussteigen. Man muss immer weiterfahren.“, sagte Pauline. Pjotr nickte verständnisvoll, obwohl er nicht verstand, was Pauline wirklich meinte. Er konnte sie auch gar nicht verstehen, denn er ist schließlich noch nie mit einem Paternoster gefahren. Pjotrs Blick färbte sich plötzlich melancholisch und er trank seinen Pastis in einem Zuge aus. „Komm, Pauline.“, sagte er zu ihr. „Lass uns Pilze sammeln gehen.“

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Warenwelten #3: Leergutautomat. Eine Erzürnung.

Meine Großeltern väterlicherseits hatten beim Aufsuchen dieser Supermarktkette immer die größte Freude. Woche um Woche studierten sie genau das der örtlichen Zeitung beiliegende Prospektmaterial. Gab es bei dem von ihnen immerzu als „Konsum“ bezeichneten Discounter wieder einmal Blumenkohl im Sonderangebot, selbstredend riesige Köpfe für nur eine Mark, so schreckten sie nicht davor zurück, mit dem Automobil einen Weg durch die gesamte Stadt zurückzulegen, um das Gemüse zu dem wahrlich günstigen Preise zu erwerben. Benzin war schließlich damals billig und Klimaschutz noch gar nicht erfunden.

Auch heute noch suche ich regelmäßig einen Markt dieser Kette auf, allerdings muss ich dafür nicht die Stadt durchqueren, sondern lediglich die Straßenseite wechseln. Eine Begeisterung für den „Konsum“, wie ihn meine Großeltern in Anbetracht des erschwinglichen Gemüses an den Tag legten, will sich bei mir jedoch nicht entfalten, obwohl dort heute sogar niedrigpreisiges Biogemüse feilgeboten wird.

Meine Konsumbesuche machen mich, im Gegensatz zu meinen Großeltern, denen das Aufsuchen dieses Einzelhändlers stets die größte Freude bereitete, häufig sogar zornig. Dies ist besonders dann der Fall, wenn es gilt, das Leergut an dem dafür vorgesehenen Automaten zurückzugeben. Die Rückgabe von bepfandeten Einwegflaschen gipfelt jedes Mal in einem Kampf zwischen Mensch und Maschine.

Warenwelten #2.1: Buchkaufhaus (Alternative Take)

Illustration: lady-kinkling

Vergessen Sie alles, was Sie über Buchhändler wissen. Denken Sie jetzt nicht an muffige Antiquariate oder verschrobene Sortimentsbuchhändler, die jeden Band, bevorzugt in Leinen gebunden und mit Lesebändchen ausgestattet, liebevoll einzeln für ihre Kunden ausgewählt und zu einem großen Teil sogar selbst gelesen haben. Stellen Sie sich stattdessen ein Modegeschäft vor. Nein, nicht die ramschige Filiale einer schwedischen Kette am Rande einer Kleinstadtfußgängerzone, sondern denken Sie an Prachtmeilen in internationalen Großstädten. Denken Sie an Haute Couture, an lichtdurchflutete Präsentationsräume. Denken Sie an einladende Sitzecken mit hochpreisigen Espressoautomaten. Sehen Sie sich hier gern in Ruhe um, schließlich sollen Sie sich hier wohlfühlen.

„Das soll also ein Buchladen sein?“, werden Sie jetzt denken. Nein, natürlich ist dies hier kein herkömmlicher Buchladen wie Sie Ihn kennen – dies ist ein Buchkaufhaus. Entspannen Sie, sehen Sie sich noch ein wenig um, wenn Sie mögen, vielleicht einen Espresso oder einen Cappuccino oder einen Caffè Latte? „Ah, so sieht also ein Buchkaufhaus aus“, werden Sie möglicherweise voller entzücken denken, während Sie Ihre Blicke mit großen Interesse kreisen lassen.

Warenwelten #2: Buchkaufhaus

Dieses Einzelhandelsgeschäft könnte sich in der Prachtmeile einer jeden Großstadt oder in einem gehobenen Einkaufszentrum befinden. Die Räumlichkeiten sind großzügig angelegt und die Gänge weitläufig. Das Licht ist hell und fast einladend, aber der geflieste Boden strahlt gleichzeitig eine elegante Kälte aus. Auch eine Sitzecke mit Espressomaschine darf hier nicht fehlen. Sind wir bei Jil Sander, Escada oder gar bei Chanel?

Ein Blick in das Handelsregister verrät uns, dass es sich um die Filiale eines sogenannten Buchkaufhauses handelt. Ein Blick in die Regale verrät, dass es sich tatsächlich aber um einen Gemischtwarenladen handelt. Hier gibt es alles: Kalender, Schreibwaren, Geschenkartikel und Schokolade. Hier gibt es alles – außer Bücher. Wer hier nach einem Werk Thomas Bernhards Ausschau hält, wird immer nur Die Tochter der Pferdefrau von Jutta Beyrichen finden.

Wer sich jedoch genauer umsieht, wird aber auch an diesem Ort auf eine größere Auswahl an Druckerzeugnissen in Form von bunten Taschenbüchern stoßen. Diese werden konsequenterweise gleich nach Farben sortiert präsentiert. Alle Titel, die gerade nicht mehr in einem der zahlreichen Bestseller-Stellagen auf ihre Käufer warten, sind entweder auf einem der großen Ramschtische im Eingangsbereich zu finden oder werden in thematisch sortierten Stellagen zusammegepfercht. Die beliebtesten Rubriken sind natürlich „Beste Unterhaltung“, „Liebe & Romantik“ und „Freche Frauen“.

Wer sich freiwillig an diese Stätte des Konsums begibt, der wollte entweder eigentlich zu Jil Sander oder er sucht nach einem Präsent für einen Menschen, den er so sehr mag wie ein Loch im Kopf. Man hat aber auch schon davon gehört, dass Schaufensterdekorateure von Regalfachmärkten hier nach geeigneten Dekorationsgegenständen Ausschau halten. Freunde der Literatur indes sind hier so selten anzutreffen wie ein Vegetarier in der Metzgerei.

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