Hamburg vs. Berlin: Pudel Salon

Hamburg: Ein paar Schritte vom Fischmarkt entfernt befindet sich auf dem Dach des Golden Pudel Clubs, der Elbphilharmonie der Herzen, der Pudel Salon. Schlicht eingerichtet, aber mit einem hervorragenden Blick auf das Tor zur Welt. Im Winter trinkt man drinnen eine heiße Schokolade mit Rum, draußen bereits am Nachmittag kühles Bier und blickt den tutenden Schiffen hinterher. Toll.

Golden Pudel Club, Hamburg-St. Pauli

Berlin: Tief im Westen bringt eine ältere Dame mit goldberandeter Brille und Pelzmantel ihren Vierbeiner mit wolliger gerkäuselter Beeharung zum Hundefriseur. Kritisch beäugt sie das Stutzen der Wolle, dann zieht sie ihrem Pudel, der entweder Sultan oder Daphne heißt, ein rosa Mäntelchen mit strassbesetzten Steinchen über, um mit ihm an der kurzen Leine durch den Kleistpark zu stolzieren. Macht der Köter einen Haufen, schaut das Frauchen pikiert, entsorgt diesen aber vorschriftsgemäß mit spitzen Fingern in der eigens hierfür mitgebrachten Plastiktüte. Anders toll.

Pudel Salon, Berlin-Schöneberg

Pudel Salon Hamburg vs. Berlin: 97 : 3.

Mehr Hamburg-Berlin-Vergleiche gibt es auf pop64.de.

Gehen

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„Während ich, bevor Karrer verrückt geworden ist, nur am Mittwoch mit Oehler gegangen bin,
gehe ich jetzt, nachdem Karrer verrückt geworden ist, auch am Montag mit Oehler.
Weil Karrer am Montag mit mir gegangen ist, gehen Sie, nachdem Karrer am Montag nicht mehr mit mir geht,
auch am Montag mit mir, sagt Oehler, nachdem Karrer verrückt und sofort nach Steinhof hinauf gekommen ist.“
(Thomas Bernhard, Gehen)

Ich gehe gern spazieren. Gemächlich schreitend nimmt man seine Umwelt bewusster wahr und kommt dabei auf ganz neue Gedanken. Früher ging man auch gern mit mir spazieren — bis ich vor einiger Zeit meine Liebe zur Fotografie entdeckte. Seitdem stockt es; alle paar Meter bleibe ich zurück, da ich ein interessantes Motiv entdeckt habe. All dies wäre kein Problem, würde ich die Schönheit der Welt im Bild dokumentieren. Bekanntlich gibt es davon nicht allzu viel. Meine Präferenzen liegen jedoch primär im Bereich der urbanen Tristesse. Selbst schöne Städte wie Hamburg sind voll davon. Hat man einmal einen Blick dafür entwickelt, findet man überall ganz wunderbare Motive. Es geht dann nicht voran. Ich glaube, man geht nicht mehr so gern mit mir spazieren.

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Weitere Bilder meines Spaziergangs durch Hamburg-Altona auf Flickr.

Wohlers Park

Wohlers Park

Wohlers Park

Von 1831 bis 1977 befand sich in Altona zwischen der Norderreihe und Wohlers Allee der Friedhof Norderreihe. Danach wurde die Fläche ungewidmet und beheimatet seitdem einen der schönsten Parks der Stadt, den Wohlers Park. Noch heute finden sich zahlreiche, zum Teil verfallene Gräber und Mausoleen von vermutlich bekannten Hamburger Familien auf dem Gelände. Das lauschige Kleinod ist immer mehr zu einem beliebten Treffpunkt für Jung und Alt geworden: hier wird gegrillt, musiziert, Sport getrieben, einfach nur ein gutes Buch gelesen oder ein kühles Bier getrunken. Jedes Jahr spielen hier auch für ein paar Tage die „Elfen im Park“ wechselnde Theaterstücke unter freiem Himmel.

Eine meine ersten Erinnerungen an Hamburg stammt aus dem Wohlers Park, den ich zusammen mit meinen Eltern und meiner Lieblingstante, die damals in der Nähe wohnte, besuchte. Ich muss etwa vier Jahre alt gewesen sein und besaß einen kleinen Plastikrasenmäher, der, wenn man ihn bewegte, einen höllischen Krach verursachte, aber keinem Grashalm etwas zu Leide tat. Ich mähte damals leidenschaftlich Rasen. Es war eine Leidenschaft, die sich später nicht mehr aufrecht erhalten ließ. Bei einem meiner Besuche im Park entdeckte ich eine Gruppe Menschen, die komische Sachen machten: Tai-Chi-Chuan, chinesisches Schattenboxen. Selbst mein Geknatter konnte die meditativen Bewegungen der Schattenboxer nicht stören. Ich glaube, es beeindruckte mich schon damals, wie sehr die Sporttreibenden in sich ruhten.

In den darauffolgenden Jahren kam ich immer wieder an diesen Ort zurück, es ist ein besonderer Ort für mich, er hat etwas Verwunschenes. Ich habe dort viele Nachmittage gesessen und unter einem schattigen Baum Gitarre gespielt, Bücher gelesen und auch das eine oder andere Bier getrunken. Gar eine langjährige und glückliche Beziehung nahm im Wohlers Park für mich eine entscheidende Wende und hatte hier gewissermaßen ihren Ursprung. Damals erschien es mir, als hätte ich hier alle Möglichkeiten.

Heute war ich allein in der Grünanalage. Zwar waren viele Menschen um mich herum, darunter sogar ein Schattenboxer, aber ich war trotzdem ganz allein. Ich streifte durch den Park und betrachtete die alten Gräber. Ich kannte die Leute nicht, die hier ihre letzte Ruhe fanden. Lediglich der Name „Pickenpack“ fiel mir ins Auge, gab es doch vor vielen Jahren in der prägentrifizierten Schanze eine Kneipe gleichen Namens, die sich dafür rühmte, den längsten Tresen Europas zu beherbergen. Ob es Herrn Pickenpack wohl gefallen würde, dass heute direkt neben seinem Grab vegetarische Würste gegrillt und Badminton gespielt wird? Ich setzte mich auf eine Bank und schaute mich um: dem Anschein nach überall glückliche Menschen, aber kann man das wirklich wissen? Obwohl die Sonne lachte, erschien mir dieser Tag, als gingen drei Sonnen unter und ich hätte gerade den Jackpot meines Lebens verspielt.


Nachtrag: Wie ich aus verlässlicher Quelle erfahren, ist man mir als Baby bereits im Wohlers Park spazieren gegangen. Eigene Erinnerungen hieran habe ich allerdings nicht.