transmediale im Haus der Kulturen der Welt, Eröffnungsveranstaltung: Ein Kurzfilm wird gezeigt. Zuerst eine dunkle Leinwand, aus den Lautsprechern ertönt Gewummer. Dann Flimmern und Staub. Ein Insekt taumelt mehr als es fliegt. Regen, ein alter Mann schwebt horizontal durch das Bild. Wieder Staub, Kaulquappen, noch mehr Regen. Verstörung. Der Film scheint länger und länger zu werden, das Gewummer wird stärker und ich denke an des Kaisers neue Kleider. Das Ende.
Samstag und Sonntag: Zustand nach Party. Viel zu spät und zu wenig geschlafen, vor allem aber zu schlecht. Mangelnde Schlafhygiene würde mein Arzt dazu sagen. Draußen ist tiefster Winter. Im Zimmer ist es mal zu kalt und mal zu warm. Ich drehe den Temperaturregler herauf, schwitze, lüfte, drehe ihn herunter, friere etc. Ich sitze auf dem Sofa und schaue einen Film. So ein Sofa ist eine gute Sache, wenn man sonst kaum Freude hat im Leben, denke ich mir. Musik: Morrissey und Blumfeld: Verstärker. „Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg.“ Mozarts Requiem wäre jetzt schön, klassische Musik fördert jedoch die Unzulänglichkeit digitaler Komprimierungsprozesse zu stark zu Tage. Wenn auch nur zum Teil von Mozart ersonnen, zeigt dieses Werk (KV 626) doch ganz besonders, dass der für seine leichte Kost bekannte Komponist zur größten Ernsthaftigkeit im Stande war. Darüber nachdenkend, ob der Humor bei Thomas Bernhard oder Heino Jaeger einer innerlichen Tragik entwachsen ist, fahre ich fort, den Heizkörper zu bändigen. Sonntagabend, während des furchtbar langweiligen Kölner Tatorts fällt mir ein, dass ich seit zwei Tagen keinen Fuß aus dem Zimmer gesetzt und auch nichts gegessen habe. Dann beiße ich in einen sehr vitaminarmen grünen Apfel, der sicher nichts weiter mit meinem Körper tut, als meinen Zahnschmelz zu zersetzen. Es ist die vollkommene Desolation.
„Während ich, bevor Karrer verrückt geworden ist, nur am Mittwoch mit Oehler gegangen bin,
gehe ich jetzt, nachdem Karrer verrückt geworden ist, auch am Montag mit Oehler.
Weil Karrer am Montag mit mir gegangen ist, gehen Sie, nachdem Karrer am Montag nicht mehr mit mir geht,
auch am Montag mit mir, sagt Oehler, nachdem Karrer verrückt und sofort nach Steinhof hinauf gekommen ist.“
(Thomas Bernhard, Gehen)
Ich gehe gern spazieren. Gemächlich schreitend nimmt man seine Umwelt bewusster wahr und kommt dabei auf ganz neue Gedanken. Früher ging man auch gern mit mir spazieren — bis ich vor einiger Zeit meine Liebe zur Fotografie entdeckte. Seitdem stockt es; alle paar Meter bleibe ich zurück, da ich ein interessantes Motiv entdeckt habe. All dies wäre kein Problem, würde ich die Schönheit der Welt im Bild dokumentieren. Bekanntlich gibt es davon nicht allzu viel. Meine Präferenzen liegen jedoch primär im Bereich der urbanen Tristesse. Selbst schöne Städte wie Hamburg sind voll davon. Hat man einmal einen Blick dafür entwickelt, findet man überall ganz wunderbare Motive. Es geht dann nicht voran. Ich glaube, man geht nicht mehr so gern mit mir spazieren.
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Weitere Bilder meines Spaziergangs durch Hamburg-Altona auf Flickr.
Zum Ende eines jeden Jahres nach meinen Wünschen für das kommende gefragt, antworte ich regelmäßig: „Glück, Gesundheit, Friede auf Erden, wirtschaftlichen Aufschwung für alle und eine Neuerscheinung aus dem Nachlass Thomas Bernhards.“
Nachdem das Verlagshaus Suhrkamp in der jüngsten Vergangenheit ausschließlich durch seine Umzugspläne nach Berlin sowie das zweifelhafte Anliegen der Herausgabe einer eigenen Krimiserie von sich Reden machte, wird mir nun mein Herzenswunsch erfüllt. Zwar handelt es sich leider nicht um einen verschollenen großen Roman, aber immerhin um eine kurzweilige Sammlung von Prosatexten, in denen der vor ziemlich genau 20 Jahren verstorbene Schriftsteller auf die ihm verliehenen Literaturpreise zurückblickt.
An der Zeremonie der Preisverleihung selbst hatte der Autor „naturgemäß“ wenig Freude, aber seine vielen Häuser mussten irgendwie bezahlt werden. Prägnant wie selten bringt Bernhard die Sache auf den Punkt: „Nehme ich nicht das Geld, wird es einer Niete in den Rachen geworfen.“