Winterfrische auf Rügen – Teil 2

Haus des Gastes

Am zweiten Tag schneit es noch immer, sogar noch mehr als gestern. „Das ewige Auf- und Ablaufen am Strand macht einen nur irre“, sage ich zu Madame. Konsequent beschließen wir also, auch einmal im Kreise zu gehen, am besten gleich organisiert. Wir überwinden uns, an einem Rundgang durch Binz teilzunehmen. Wenn schon konsequent, dann richtig: Treffpunkt 10 Uhr morgens, Kurverwaltung, die Frisur sitzt. Vor dem „Haus des Gastes“, das neben der örtlichen Kurverwaltung nach Auskunft der eigenen Internetseite auch „einen Bollerwagenverleih, einen öffentlichen Münzfernsprecher und einen Briefkasten für Urlaubspost“ bietet, hat sich bereits eine mittelgroße Rentnertraube gebildet, die ungeduldig auf den Führer (Darf man das so schreiben? Egal; Anm. d. Red.) wartet.

Durch den Ort leitet uns fachkundig Herr Boy. „Boy wie der englische Junge“, stellt sich der ältere Herr mit weißem Seemannsbart schenkelklopfend vor. Die Rentner lachen; Herr Boy teilt mit, dass er gern und besonders gern lang spricht. Ich beginne bereits, meine Konsequenz zu bereuen, und gehe in Gedanken den Strand auf und ab. Herr Boy macht seine Arbeit sehr gewissenhaft. Der Schneefall hat etwas zugenommen, und die ersten violett schimmernden Rentnerinnendauerwellen sind bereits unter der Last der Schneemassen zusammengebrochen. Wie Lawinen schlagen Herrn Boys Binzanekdoten nun eine nach der anderen auf die Teilnehmer ein. Zu jeder weißen Strandvilla, die es in Binz gibt wie Sand am Meer, hat Herrn Boy die passende Geschichte im Repertoire. Während des fast zweieinhalbstündigen Rundganges legen wir so eine Wegstrecke von gerade einmal 250 Metern zurück. Am Ende wissen wir, dass es seit der Begründung des Badeortes drei Kategorien von Binzbesuchern gibt: Baders (Badegäste), Strandläupers (Strandläufer, Spaziergänger) und Luftsnappers (Luftschnapper, verbringen den gesamten Tag auf dem Balkon zwecks Luftschöpfung, bewegen sich aber lediglich ins Restaurant). Warum die Sirene auf der gleichnamigen Villa früher ein Mann war, Details über die für die Bäderarchitektur typischen Balkonagen, der Unterschied zwischen Reet und Rohr, warum Flundern aus der Ostsee besser munden als Schollen aus der Nordsee sowie die Andersartigkeit von Matjes und Hering bleiben uns ebensowenig verborgen wie Einblicke in die Geschäftspraktiken des Kapitals: Treuhand damals und Geschäftsbanken heute und die Erkenntnis, dass der Binzer Strandsand feiner ist als der in Miami (Florida).

Ein älterer Herr aus der Gruppe hat die Gabe, immer wieder im Stehen einzuschlafen. Kurz bevor er droht, komplett einzuschneien, schabt ihm seine Gattin liebevoll den Schnee von seiner Mütze. Ich träume erneut von sinnlosen Strandspaziergängen und merke kurz vor Schluss der Veranstaltung noch einmal auf: Herr Boy verrät, wo hier der Einheimische gut essen geht. Sollte das die Information sein, für die sich die ganzen Strapazen gelohnt haben?

Auch während des mehrstündigen Auftauens im Hotelzimmer kreisen meine Gedanken einzig und allein um diese eine Frage und ich kann fortan nur noch an die Binzer Bierstuben denken.

Sassnitz Hafen
Hafen in Sassnitz

Im Anschluss an die erfolgreich absolvierte Konsolidierungsphase reisen Madame und ich mit dem Linienbus nach Sassnitz. Außer einem schmucken Hafen, der uns glaubhaft eine Fischerstädtchenidylle vorzugaukeln vermag, gibt es hier nicht mehr viel Sehenswertes. Ganz im Gegenteil kann man sehr leicht zu dem Eindruck gelangen, dass der Solidaritätszuschlag auf dem Festland versandet ist, und Steuergeschenke in Form von Sonderabschreibungen auf Ostimmobilen bereits in Binz erschöpft wurden. Frischer Fisch, direkt vom Kutter, tröstet mich jedoch über diese Ostseeküstentristesse vorübergehend hinweg.

Der Trost währt indes nicht lang: In den Binzer Bierstuben soll sich an diesem Abend kein Plätzchen mehr für uns finden. Vermutlich okkupieren die Renter vom Morgen bereits erfolgreich alle Tische. Wir reservieren für den Folgetag und ziehen leeren Magens von dannen.

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Die anderen Folgen meines Reiseberichtes finden sich hier.

32 Antworten

  • Danke für den schönen Bericht und förmliche Anerkennung für die Touri-Disziplin, Herrn Boy zweieinhalb Stunden auf 250 Metern gelauscht zu haben.

  • Das hat mich auch fast umgehauen, diese Kampfstrecke.
    Überhaupt fallen meinem vom boschblog verwöhnten Hirn wieder die wildesten Dinge zu diesem Text ein.
    Da müssen Film – und Buchtitel dazu!

    ° Der kleine Binz – Folgen eines verschneiten Strandurlaubs
    ° B – Bay – Ein Bosch schlägt sich durch

    Erstmal was essen jetzt.

  • Herrlich!
    Schönster Satz:
    Der Schneefall hat etwas zugenommen, und die ersten violett schimmernden Rentnerinnendauerwellen sind bereits unter der Last der Schneemassen zusammengebrochen.

    Hoffentlich bleibst Du noch eine Weile – freu‘ mich auf mehr!

  • Der Schnee hat ja schon was für sich, vor allem, wenn es einigermaßen Klar ist und nicht durch Regen zu Matschschnee wird. Bei ordentlichem Schnee, ertrage ich als Spanier auch gerne mal die Kälte.

  • Fontane hätte die Wanderungen durch das beschauliche Binz nicht schöner beschreiben können. Hattet Ihr nicht gelegentlich auch den Eindruck im Wilden Westen zu sein?

  • Ich fand den Bericht (Ein Gedanke schießt mir durch den Kopf: darf man das schreiben, in einem Land, in dem die Stasi zu Hause war?) über den Rundgang mit Herrn Boy sehr fair.

    Ich habe schon viele anstrengende Fremdenführer erlebt und kann mir in etwa vorstellen, wie das so abging. Aber: Reisen bildet, und in einer immer älter werdenden Gesellschaft sollte man sich beizeiten an einen hohen Rentneranteil gewönnen.

    Was ganz anderes: Ich lerne das neue Wort „Luftsnapper“ und frage mich, ob das dann auch auf Figuren wie z.B. Hans Castorp zutrifft, Stichwort: Liegekur.

  • Sobald ich meine Prüfung, ob Bosch oder doch Gerhard Polt eher war, mit der Sportart „Freshair Snapping“ , melde ich mich wieder.

    Wo ist eigentlich l’inconnue?

  • Scheiß’n Schachtelsätze !
    Ich habe fertig : Polt war’s,zusammen mit der Biermösl Clique.
    Daneben wurde von dort übrigens noch das „mushroom-searching“ und „televisioning“
    propagiert.

  • Ich liebe Rügen, meine Eltern haben dort ein Ferienhaus :)
    Dieser Schneesturm war schon krass, ich war die Tage auch oben und es bot sich mir das gleiche Bild wie dir.

    Gruß, Max

  • Kapier ich nicht, dass ihr in Sassnitz nichts sehenswertes gefunden habt! Ich kann sogar von hier mit bloßem Auge eine Bowling-Bar entdecken!
    Bosch und Herr Boy aus Binz in der Bowling-Bar wär doch was gewesen!
    Ach nee, der war ja in den Binzer Bierstuben.

  • Vielleicht gibt es ein Blog von Herrn Boy oder einem der Rentner, der von dem seltsamen jungen Paar berichtet, das sich in der Gruppe sichtbar unwohl gefühlt hat? Für Hinweise wäre ich dankbar.

  • Na, Herr Bosch, demnächst hinterm letzten Hotel vor Kurmuschel links das Gässchen hoch, einmal rund um den winzigen Marktplatz gewandelt und in der vorzüglichen Brasserie Muscheln oder Anderes gespeist. Und dann behaupten Sie nie wieder, Sassnitz sei – zumindest kulinarisch – öde. Tja, da waren Sie ja dann schon wieder in den Binzer Bierstuben und mussten unnütz weiterleiden. ;-)

  • Sehr verwunderlich, dass Ihr bei der Stadtrundfahrt nicht mit das NVA Museum angeschaut. Schließlich war Rügen eine ganze Zeit lang nur für das Militär richtig zugänglich. Vielleicht könnt Ihr es ja noch nachholen. Die ehemalige Kaserne liegt eigentlich nur einSTück auswärts von Binz und ist wikrlich einen Besuch wert, insofern man sich für Geschichte und die DDR-Geschichte interessiert.

  • Ach was, da schneits doch tatsächlich an der Ostsee, während ich heute zwei Stunden an der Spree – nun, nicht unbedingt bei Sonnenschein, aber immerhin Spielplatzwetter – spazieren war, ohne einem Regentropfen zu begegnen oder einen mit weißem Röckchen. Wie gut, dass ich bis jetzt noch nicht dazu gekommen bin, meinen Ostseewohntraum umzusetzen. Da hat Berlin ja tatsächlich mal die Nase vorn^^

  • Lange, lange, lange hatte ich überlegt, aufgrund des Boschschen Berichts dieses Hotel ebenfalls zu bewohnen. Der Mac auf dem Zimmer war einfach zu verlockend. Doch die E-Mail-Korrespondenz mit dem Empfang hat mich stilistisch enttäuscht. Und so habe mich für ein anderes Hotel entschieden. Nun meine Frage: Sind meine Bewertungsmaßstäbe völlig durcheinander geraten?

  • @Indica: Das nächste Mal vielleicht. Wir bekamen am folgenden Tag ja ein Plätzchen in den Binzer Bierstuben und wurden nicht enttäuscht. Ich habe selten so gut gegessen wie dort.

    @Nils: Prora haben wir auch besichtigt, allerdings nicht das NVA-Museum, sondern die Dokumentationsstätte. Falls ich irgendwann dazu kommen sollte, folgen noch ein bis zwei weitere Rügenberichte.

    @juf: Das tut mir leid. Auch ich habe festgestellt, dass es am Empfang hinsichtlich der Gestaltung der Arbeitsabläufe noch Luft nach oben gibt. Vieles ist noch neu und muss sich erst einspielen, trotzdem würde ich dem Hotel noch eine zweite Chance geben. Vielleicht haben mich auch frische Meerluft und der Mac übermäßig milde gestimmt.

    Aber was willst Du eigentlich auf Rügen? Machst Du eine Umschulung zum Möwenvergrämer?

  • So, habe jetzt wieder Kontakt mit dem Hotel aufgenommen. Will jetzt doch hin. Ich bin ein Fähnchen im Wind. Die Dame am Empfang zeigte sich genervt. Dieses „Hin und Her, mein Herr“ gefiele ihr nicht. Ich versicherte ihr, mir auch nicht, aber dafür das Hotel wegen des Mac. Aber sie solle sich nicht zu sicher fühlen, ich könne morgen schon wieder absagen. Je nachdem, was der Herr Bosch sonst noch bloggt.

  • Ich hätte auch gerne ein Bild von juf.
    Ob man bei diesem Hotel darum bitten könnte, grundsätzlich 24 Stunden live zu streamen ?
    Gern frage ich selber nach. Und ich verspreche: ich nenne auch keine Namen.

  • @juf: Ich schreib dem Hotel jetzt mal ’ne Mail. Die sollen gefälligst gut zu Dir sein. Sonst werden wir hier demnächst noch alle Hotelvergrämer.

  • Ach, kein Problem. Ich werde oft und gerne schlecht behandelt. Ich bin froh, dass mich noch keiner von denen angespuckt hat. Ich habe so eine Wirkung auf Empfangsdamen.

  • Herr Bosch: ich beneide Sie. Doch, wirklich!
    Ostern ist längst vorbei, bei mir reifen schon die Birnen ,in gefühlten 14 Tagen gibt es beim Lebensmitteldiscounter die ersten Lebkuchen zu kaufen, und in Ihrem Blog regnet es immernoch rote Rosen für Ihren Binz-Bericht.

    Was ist eigentlich der Preis für Ihre Popularität?
    Können Sie noch in Ruhe in einer Jazzkneipe abchillen, ohne daß Ihnen das Volk die Klamotten vom Leib reißt?
    Ich wäre gerne dabei – das mögen Sie mir wohl glauben!

  • @Cara: Neid ist nicht angebracht. Ich leide unter meiner mangelnden Produktivität. Auf der anderen Seite gebe ich so den Besuchern dieser Seite die Gelegenheit, auch ältere Beiträge noch zu genießen und diese nicht im Blograuschen untergehen zu lassen.

    Die Klamotten trage ich zum Glück alle noch am Leibe; in Jazzkneipen geht es gemächlich zu.

  • Hansemann und Frau gehen in Binz zum speisen immer gerne
    in das vorzügliche Restaurant “ Zum alten Fritz “ !
    Sicherlich waren Herr Bosch und Madame aber auch mal dort !

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