Hündin und Herr

Ich bin auf den Hund gekommen wie man sagt,
Der Hund bestimmt mein ganzes Leben
Seit diesem Tag.
Ich gehe vor die Hunde wenn,
Ich ihn nicht mehr hab.

(Tocotronic)

Abhängigkeiten ketten sie aneinander, sie sind wie ein altes Ehepaar. Vielleicht mochten sie einander früher einmal. Rudolf, der Herr, hat Blondi, seine Hündin, ab und zu getätschelt und regelmäßig gefüttert. Blondi bedachte Rudolf dafür mit einem freundlichen Blick. Irgendwann aber haben sie sich auseinander gelebt. Trotzdem gehen sie noch täglich miteinander vor die Tür, denn ohneeinander geht es auch nicht. Wenn Blondi nicht so recht will, wie er es gern hätte, schreit er sie an. Sogar Anzeichen von Tätlichkeiten kann man gelegentlich beobachten. Blondi erträgt all dies seit Jahren mit der allergrößten Gleichmut. Im Laufe der Zeit hat die Hündin es gelernt, sich an Rudolf zu rächen. Wo sie nur kann, trödelt sie, schnuppert hier und da an irgendwelchen Dingen, die sich am Wegesrand befinden, und bleibt immer häufiger unvermittelt stehen. Immerzu lässt sie Rudolf, der es nicht besser verdient hat, auflaufen. Blondi emanzipiert sich. Wüsste man es nicht besser, könnte man manchmal sogar meinen, dass Blondi Rudolfs nunmehr Herrin sei. Tagein, tagaus machen sie einander das Leben schwer, obwohl sie einander doch Zuneigung und Vertrauen entgegenbringen sollten. Die Hölle, das sind sie beide. Rudolf wird immer jähzorniger. Blondi bestünde die Prüfung zur Blindenhündin heute wohl nicht noch einmal.

Görlitzer Park

Görlitzer Park, Berlin

Wir treffen uns im hässlichsten Park der Stadt. Überall lungern Männer herum, die mir Drogen verkaufen wollen. „Für mich heute keine Drogen“, entgegne ich freundlich, aber bestimmt, wenngleich die Aussicht auf einen goldenen Schuss auch heute nicht die Schlechteste wäre. Mein Bargeldbestand reicht allerdings nur noch für ein paar Flaschen Bier aus dem Späti.

Wir sind verabredet am Betonbach. Ich habe dieses Wort nie zuvor gehört, weiß aber sofort, was gemeint ist. Nichts bringt die Trostlosigkeit dieser Anlage mehr zum Ausdruck als dieses Gewässer, das nicht fließt, sondern tatsächlich ein schmaler Betonsee ist.

Die Sonne will nicht untergehen und gleißt beharrlich vor sich hin. Wir trinken Bier und Cremant und Bier und ein vorbeilaufender Hund beißt ein wenig auf dem halbrohen Fleisch herum, das auf unserem ausgegangenen Einweggrill liegt. Neben uns sitzende Menschen führen angestrengt Genderdebatten, während ich mit dem Fräulein zu meiner Linken Backrezepte austausche.

Gassigehdienst

Die Frau vom gewerblichen Gassigehdienst blickt so mürrisch drein, als brächte sie die in ihrer Obhut befindlichen Vierbeiner am liebsten direkt in den nächstgelegenen Chinaimbiss. Warum sie mit den Hunden in die Tram steigt, gibt mir ein Rätsel auf. Verständlich, dass auch ihr das Flanieren mit angeleinten Haustieren eine Last ist. Den Hundehaltern ist es das schließlich auch. Warum aber bevorzugt sie nicht die zum Zwecke der Gassigehvermeidung viel geeignetere Ringbahn? Damit könnte sie stundenlang im Kreis fahren. – Vorausgesetzt sie hat eine ausreichende Menge an Hundekotbeuteln dabei.

Kleine Theorie der Baustelle

Spät nachts durch dieses Berlin schlendernd erläutere ich meiner Begleitung meine kleine Theorie der Baustelle: Wer sich zu dieser Stunde hinter einem Bauzaun aufhält und keinen scharfen Hund an der kurzen Leine führt, ist kein mit dem Objektschutz bauftragter Mitarbeiter, sondern entwendet widerrechtlich Baumaschinen und -material.

Um den Beweis anzutreten, rüttle ich mutig an einem Bauzaun, um den dahinter befindlichen Mann zu uns zu bitten. „Was machen Sie da?“, frage ich ihn. Er scheint nicht sonderlich verwundert von meiner Auskunftsbitte zu sein, und antwortet höflich, dass er die Baustelle bewache. Es werde viel geklaut und randaliert etc. „Und wo ist Ihr Hund?“, bohre ich kritisch nach. „Ich habe keinen und ich brauche keinen“, sagt er. Daraufhin weihe ich ihn in meine Theorie ein, was den Sicherheitsmann ein wenig zu amüsieren scheint. Ich möchte wissen, ob es für ihn so ganz ohne Vierbeiner, mit dem man des Nachts sprechen könne, nicht äußerst langweilig sei, so die ganze Zeit allein um den Rohbau zu marschieren. „Ich schreibe Gedichte“, entgegnet er mir, was wiederum mich in ein mittleres Entzücken versetzt. Ein Wachmann, der Gedichte schreibt, bringt meine Theorie ins Wanken, denn naturgemäß kann man keinen bissigen Hund festhalten, während man feinste Gedanken in einem Notizbuch niederschreibt.

Zu gern hätte ich vor dem Bauzaun noch ein Stück Wachdienstlyrik gehört, allerdings konnte sich der Objektschützer nicht durchringen, aus seinem Werk zu rezitieren. Möglicherweise dichtet er gar nicht – so wie es auch nicht mein Beruf ist, im Puff Klavier zu spielen, was ich es lästigen Nachfragern gegenüber gelegentlich behaupte. Beiderseits ein wenig erfreut von diesem kurzen Gespräch wünschen wir einander eine gute Nacht. Er dreht seine Runden, wir ziehen weiter: Mit dem Gedanken, dass auch meine kleine Theorie demnächst in Verse gegossen werden könnte.