Zu lang für Twitter (aber trotzdem belanglos)*

Ein großer, dicker Mann verharrt stundenlang regungslos auf einem Barhocker. Die von ihm ausgehende Lethargie ist so groß, daß man sich fragen könnte, ob er noch Gast oder schon Möbel ist. Massen sind träge, das wissen wir noch aus dem Physikunterricht. Doch plötzlich holt er gänzlich unvermittelt mit raubtierähnlicher Geschmeidigkeit  einige Münzen  aus seiner Hosentasche und verteilt diese blitzschnell auf dem Tresen. Mit viel zu hoher Stimme, die nicht so recht zu seiner  grobschlächtigen Erscheinung passen mag, presst er die Worte „So, aus die Maus.“ aus sich heraus. Während die Bedienung die auf der Theke befindliche Münzsammlung auf Vollständigkeit überprüft, verlässt der Mann wortlos die Schenke.

Als ich eine halbe Stunde später die Kneipe ebenfalls verlasse, steht der Mann mit der Eunuchenstimme noch immer vor der Tür. Obwohl es stürmt und regnet, parliert er gleichmütig, als habe ihm ein unverhofftes Hitzefrei eine Siesta beschert, mit einer ihm offensichtlich bekannten Frau. Im Vorbeigehen höre ich, daß der Mann sagt: „Mein Fahrrad steht vorm Büromarkt Hansen“, um sogleich ohne Aussprache einer geläufigen Grußformel von dannen zu ziehen. Die Frau steht noch einen Moment wie festgewurzelt da und wundert sich; ich hingegen wundere mich nicht mehr. Sollte Sven Regener ein merkwürdiges Abschiedslied schreiben wollen und ihm wider Erwarten kein Text einfallen, werde ich den Kauz mit der Fistelstimme als Texter empfehlen. Fürs Singen wäre dieser indes weniger geeignet.
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* Twitter ist eine genauso zweckfreie wie anziehende Seite im
weltweiten Netz, auf der man seinen virtuellen Freunden in 140
Zeichen über den Stand der Dinge in Kenntnis setzen kann.

Feuchtgebiete trockengelegt

Feuchtgebiet
Foto: Brenda Anderson

Niedere Instinkte trieben mich heute in verschiedene Buchhandlungen. Obwohl das Objekt der Begierde intimste Inneneinsichten verhieß, war es allenthalben eingeschweißt in Plastikfolie zu bewundern. Über das Motiv der vom Handel gewählten Präsentationsform kann an dieser Stelle lediglich gemutmaßt werden. Der Sumpf meiner Phantasie ist vorerst trockengelegt.

Wie Gottschalk zu ertragen ist

Frage:

Quelle: Spiegel Online

Antwort:

Gar nicht.

Wer lädt schon gern einen ehemaligen Grundschullehrer mit explodiertem Lockenkopf und Pumphosen in sein Wohnzimmer ein? Zudem auch noch einen, der nichts anderes tut, als dümmliche Witzchen abzusondern und seine Couchnachbarinnen zu begrabbeln?

Immerhin zehn Millionen Zuschauer fanden sich gestern Abend wieder, die gebannt vor der Mattscheibe auf eine neue Variation der allseits beliebten Baggerwette warteten: mit dem Bagger ein Feuerzeug anmachen, mit dem Bagger eine Bierflasche öffnen, mit dem Bagger eine Frau ausziehen, mit dem Bagger in der Nase bohren …

Neue Baggerwetten braucht das Land, denke ich mir und formuliere in meinem Kopf schon einmal ein paar neue Saalwetten:

  • Wetten, dass Uri Geller es schafft, einen zuvor durch die Kraft seiner Gedanken verbogenen Löffel mit Hilfe eines Bagger wieder zu begradigen und anschließend mit dem an die Schaufel des Baggers angebrachten Löffel aus einer Buchstabensuppe die passenden Buchstaben für den Satz „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ fischt?
  • Wetten, dass Bruce Darnell es schafft, mit einer an die Schaufel eines Baggers angebrachte Tätowiernadel eine Kandidatin seiner Show zu verschönern, indem er ihr die Worte „Drama, Baby“ in den Oberarm „der lebendige Handtasche“ tätowiert?
  • Wetten, dass Prof. Peter Dunemann, der geschäftsführende Direktor des Hygiene-Instituts des Ruhrgebietes, es schafft, mit einem Bagger Charlotte Roche die Achseln zu rasieren und sie anschließend mit einem Waschlappen zu waschen?

Erst wenn diese Wetten wahr werden, werdet Ihr sehen, dass „Wetten, dass…?“ in der deutschen Fernsehlandschaft unersetzlich ist. Spiegel Online findet schon heute alles halb so schlimm, ich indes halte es mehr mit Peter Lustig, der schon früher zum Abschalten riet.

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Weiterführende Links:

Moleskine Hoffnungen

Moleskine
Foto: thehutch

Vor einem leeren Blatt Papier zu sitzen, ist das Schlimmste, dachte sich der Kaffeehausliterat einmal mehr. Sodann kritzelte er einige flüchtige Sätze in sein schwarzes Notizbuch, um wenigstens auf seine Umgebung nicht untätig zu wirken.

Er bestellte einen weiteren Espresso und hoffte insgeheim auf eine Wirkung seines in Maulwurfshaut eingebundenen Notizbuchs. Schließlich haben große Künstler „von Van Gogh bis Picasso und Ernest Hemingway bis Bruce Chatwin“ ein ebensolches verwendet, wie der Beipackzettel beudeutungsvoll verkündet. Warum sollte sich nicht auch ein winziger Hauch des Geistes dieser berühmten Vorbilder auf meine bescheidenen Zeilen übertragen, sinnierte der Schriftsteller, während er mit ausladender Geste reichlich Zucker in seinen Espresso schüttete. Doch bereits beim ersten Schluck ereilte ihn der bestürzende Gedanke, der geschickten Vermarktung eines Schreibwarenhändlers aufgesessen zu sein. Kein noch so legendäres Schreibzeug vermochte seine Kreativität zu beflügeln. Womöglich vollbrachte nicht einmal Goethes Federkiel dieses Wunder, geschweige denn ein überteuertes Lerderimitat aus einer chinesischen Notizbuchmanufaktur.

Seine moleskinen Hoffnungen zerplatzen jäh. Er beschloss, fortan nur noch Absinth zu trinken und sich das rechte Ohr abzuschneiden.

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Weiterführende Links:

Nachtrag 8. März 2008: Endlich ist auch der lesenswerte Artikel „Das ungeschriebene Buch“ aus der brand eins Nr. 2/2008 im Netz verfügbar. Vielen Dank an Uli für den Hinweis.

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